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Edito: Touristisches Zeitalter

Die Autobahnen sind fast leer, in den Straßen herrscht Ruhe. Wer zu Hause geblieben ist, stöhnt über die Hitze. Doch laut Statistik verreisen rund 80 Prozent der Einwohner Luxemburgs bis zu vier Mal pro Jahr. Die beliebtesten Reiseländer: die Nachbarstaaten sowie Spanien, Italien und Portugal. Jeder Zehnte verlässt den Kontinent. Flug- und Fernreisen sind heute Routine. Scheinbar jeder Ort auf der Welt ist bequem anzusteuern. Schnell in den Urlaub: früher auf der Überholspur, heute mit dem Flugzeug. Hauptsache beschleunigen, im Alltag ebenso wie in der Freizeit.

Wir fahren in die Ferien, um uns zu erholen. Um die Batterien aufzuladen, wie es heißt. Und viele laufen dabei selbst heiß. Ist schon die Anfahrt – oder der Anflug – von Stress geprägt, geht er für manche im Urlaub weiter. Dass auf den Tourismus acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen entfallen, dass mit der Schaffung der touristischen Infrastrukturen Bausünden und Naturzerstörung einhergehen, ist den wenigsten Reisenden bewusst. Sie blenden die Folgen aus. Hauptsache dem Alltag entfliehen.

Wer es sich leisten kann, bucht eine Fernreise und haut in Regionen ab, die noch stärker vom Klimawandel betroffen sind als Europa, die aber noch nicht über die „turistificación“ klagen wie
zum Beispiel die Spanier. Viele Schwellen- und Entwicklungsländer sind auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen, ebenso europäische Krisenstaaten wie Griechenland. Und selbst Spanien „braucht die Touristen, aber man hasst sie auch“, wie kürzlich der Journalist und Sozialwissenschaftler Steffen Vogel in den Blättern für deutsche und internationale Politik schrieb.

Er weist auf die Ambivalenz von „Welterfahrung und Weltzerstörung“ hin und auf einige Widersprüche, die der Urlaub so mit sich bringt: In Zeiten der Billigflieger ist es günstiger, nach Spanien zu fliegen, als mit dem Zug nach Berlin – das Reisen habe sich „fundamental demokratisiert“, aber auf Kosten der ökologischen Zerstörungen. Wer davor warnt, wie der Autor dieser Zeilen, oder Verzicht predigt, hat schnell den Ruf des Spaß- oder Spielverderbers, ebenso wer zum Beispiel höhere Kerosinsteuern fordert. Die Maßnahmen würden erst einmal die weniger Begüterten treffen. Was zu einem Paradox führen würde: Wer den Massentourismus einschränkt, wirkt elitär. Andererseits haben gerade die Einheimischen, deren Geduld mit den Urlaubern erschöpft ist, das gute Recht, selbst über ihr Land oder ihre Stadt zu bestimmen.

Je mehr Destinationen erschlossen werden, desto weniger bleibt von ihren Besonderheiten übrig.

Doch nicht nur eine Beschränkung des Massentourismus ist vonnöten, sondern eine andere Sichtweise auf das Reisen. Ein „Slow Traveling“ würde zwangsläufig dem eingangs beschriebenen Beschleunigungsparadigma zuwiderlaufen, würde mehr Zeit beanspruchen und damit also mehr Urlaubstage. Mehr Zeit, mehr Muße, mehr Erholung. Nicht zuletzt widerspräche es dem Wachstumsdenken. Gerade der Tourismus ist diesem unterworfen. Er ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor in vielen Ländern. Und er befindet sich in einer kritischen Phase, hat er doch einen wesentlichen Anteil an den globalen Umweltauswirkungen.

Dieser Anteil wird sich weiter steigern, warnt „Tourism Watch“, der Informationsdienst Tourismus und Entwicklung. Das Jahr 2017 war ein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr für den internationalen Tourismus, meldete im März die ITB Berlin, die größte internationale Messe der Branche. Die Zahl der Auslandsreisen ist demnach um 6,5 Prozent gestiegen und belief sich auf mehr als 1,2 Milliarden. Europa sei sowohl als Quell- wie auch als Zielregion der wichtigste Wachstumstreiber. Umso größer ist die Verantwortung der Europäer. Und die Aufgabe, der Entwicklung entgegenzusteuern.

Für manche ist die Horizonterweiterung beim touristischen Reisen ein uneingelöstes Versprechen. Für andere geht nicht einmal jenes Versprechen in Erfüllung, der industriellen Welt zu entfliehen. Der Tourismus ist selbst eine Industrie, nach den Worten des italienischen Journalisten Marco d’Eramo, der in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“ eine umfassende Darstellung des Themas liefert, sogar „die wichtigste Industrie des Jahrhunderts“. Sie ist das Beispiel par excellence für die Globalisierung. Denn je mehr „Destinationen“ im Zeitalter von Booking.com und Tripadvisor touristisch erschlossen werden, desto weniger bleibt von den Unterschieden und Besonderheiten der Zielorte übrig.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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