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Edito: Verbrennungskultur

Er ist gefräßig. In seiner australischen Heimat hat er andere Baumarten verdrängt. Und er ist durstig. Ein Eukalyptusbaum entzieht dem Boden große Mengen Wasser. In vielen Gegenden Portugals ist er allgegenwärtig. Dort wurde die Pflanze im vergangenen Jahrhundert massenhaft angepflanzt. Sie liefert den Rohstoff für die Papierindustrie und wächst besonders schnell. Dazu wurde die Monokultur noch mit Geldern der Europäischen Union gefördert. Eine ökonomische Maßnahme mit verheerenden Folgen. Letztere sind auf einer Fahrt durch Portugal zu sehen: niedergebrannte Wälder, verkohlte Baumstümpfe, kahle Flächen. Bei den Waldbränden sind in Portugal dieses Jahr 64 Menschen ums Leben gekommen. Die Menschen in den betroffenen Regionen leiden unter einer monatelangen Trockenheit – und haben Angst vor einem Wiederaufflammen der Brände. Unterdessen mahnen Umweltschützer wie die der portugiesischen Organisation Quercus seit Jahren, dass die eigentliche Ursache nicht die Hitze ist, sondern der Eukalyptus.

Auch Italien ist wieder Schauplatz einer Naturkatastrophe geworden. Die Küstenstadt Livorno sowie Teile von Ligurien und der Toskana, aber auch die Hauptstadt Rom wurden überschwemmt. Zuvor hatte das Land monatelang unter Dürre gelitten. Ende August hat Hurrikan Harvey in Texas eine Schneise der Verwüstung geschlagen, Überschwemmungen machten ganze Landstriche wochenlang unbewohnbar. Mehr als 40 Menschen kamen ums Leben, zigtausende Häuser wurden beschädigt, tausende Menschen obdachlos. Dann Irma: Der Wirbelsturm ist mit einer Windgeschwindigkeit von etwa 300 Stundenkilometern und riesigen Sturmfluten über die Karibik und den US-Bundesstaat Florida hinweggezogen.

Hitzewellen, Starkregen, Stürme und Überschwemmungen: Immer häufiger kommt es zu Extremwetter. Dass dafür der Klimawandel verantwortlich sei, könne nicht mehr bestritten werden, sagte Klaus Töpfer, der frühere Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Dennoch leugnet nach wie vor eine breite Front aus rechtsgerichteten Politikern und Unternehmern beharrlich den Klimawandel. Mit US-Präsident Donald Trump haben sie Auftrieb bekommen. Er hat der Welt die Solidarität in Sachen Klimaschutz aufgekündigt. Er hat viele Mittel dafür gestrichen, wo der Katastrophenschutz ansetzt, und befindet sich in einem Feldzug gegen alles, was nach Klimaschutz aussieht.

Der Klimawandel ist nicht mehr zu leugnen. Mit herkömmlichen Mitteln ist er nicht zu stoppen.

Dabei ist es längst fünf Minuten vor zwölf – oder später: Neueren Studie zufolge ist es sogar zu spät, wonach die vom Pariser UN-Klimavertrag vorgegebene Begrenzung der Erderwärmung deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter – in diesem Rahmen verpflichten sich die Staaten, ihren Ausstoß an Treibhausgasen in den kommenden Jahrzehnten zu reduzieren – nicht ausreicht, um den Klimawandel zu stoppen. Dabei ist diese Grenze ein politischer Kompromiss und kein wissenschaftlicher Konsens. Laut einer in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ veröffentlichten Studie steigen die globalen Temperaturen mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit bis Ende des Jahrhunderts um zwei bis 4,9 Grad Celsius. Um also unter die Zwei-Grad- oder gar 1,5-Grad-Grenze zu kommen, sind radikalere Maßnahmen erforderlich. Die Autoren der Studie behaupten, dass die Klimakatastrophe nur noch dann abgewendet werden kann, wenn die Industriestaaten schleunigst zusammenarbeiten, um das Blatt zu wenden. Die spätkapitalistische „Verbrennungskultur“, wie sie der verstorbene deutsche Publizist und Philosoph Robert Kurz einst nannte, ist dazu nicht in der Lage.

Mit herkömmlichen Mitteln ist die Kurve kaum zu kriegen. Erforderlich ist die Überwindung des ökonomischen Paradigmas, denn dieses ist obsolet angesichts der astronomischen Schäden von Katastrophen. Auch muss das sogenannte Klima-Engeneering ein Ende haben, der Eingriff des Menschen in das Klima: die Düngung von Ozeanen, damit diese mehr Kohlendioxid aufnehmen sollen, oder das Ausbringen von Partikeln in die Atmosphäre, um einen Vulkanausbruch zu imitieren. Doch was helfen die Warnungen angesichts der Tatsache, dass der Klimawandel in Wahlen wie der anstehenden deutschen Bundestagswahl nur ein Randthema ist und in den Wahlprogrammen von Parteien nur ein Schattendasein führt? Die Quittung bekommen jedenfalls die Menschen, die Opfer der „Verbrennungskultur“ werden. Ein unverantwortlicher Staatenführer wie Trump sieht hingegen vor allem eine Gefahr: dass sein Golfplatz in Florida unbespielbar werden könnte.

Stefan Kunzmann

Journalist

Ressorts: Politik, Investigativ, Aktuelles

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Author: Philippe Reuter

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