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Edito: Viel Glück!

Rafael Henzel ist ein glücklicher Mensch. Aber er ist auch traurig. Der Radioreporter gehörte zu den sechs Passagieren, die am 29. November 2016 den Flugzeugabsturz am Berg „El Gordo“ in Kolumbien überlebten. Traurig ist er vor allem, weil bei dem Unglück fast die gesamte Mannschaft des brasilianischen Fußballvereins Chapecoense ums Leben kam. Rafael Henzel hat Glück gehabt.

Doch was ist Glück? Die Menschen haben die unterschiedlichsten Auffassungen darüber. Für manche Menschen ist es das höchste der Gefühle und das größte anzustrebende Ziel. Meine Großmutter empfand es als Glück, dass sie die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg überlebte und die meiste Zeit ihres Lebens gesund war. Für andere Menschen hingegen bedeutet Glück, einmal im Lotto zu gewinnen. Und für wiederum andere besteht das Glück aus wenigen Glücksmomenten, ist es ein Gefühlszustand oder nur die Abwesenheit von Unglück.

Im Französischen wird zwischen „bonheur“ als einem Gefühl tiefer Zufriedenheit, dem Glücklichsein, und „chance“, dem Glückhaben, unterschieden, ebenso im Englischen zwischen „happiness“ und „luck“ oder im Spanischen zwischen „felicidad“ und „suerte“. Im Deutschen hingegen fallen diese unterschiedlichen Bedeutungen in einem Wort zusammen. Für den Philosophen Friedrich Nietzsche gibt es „fast überall, wo es Glück gibt, Freude am Unsinn“, von seinem Kollegen Arthur Schopenhauer ist ein Buch über „Die Kunst, glücklich zu sein“ erschienen. Die Tatsache, „dass wir da sind, um glücklich zu sein“, soll ihm zufolge „ein angeborener Irrtum des Menschen“ sein.

In der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten ist „the pursuit of happiness“ als unumstößliches Recht niedergeschrieben, im buddhistischen Königreich Bhutan steht das „Bruttonationalglück“ in der Verfassung. Heute ist Glück nicht zuletzt das Thema unzähliger Ratgeber von „Das Glücklichmacher-Tagebuch“ bis „Glück kommt selten allein“. Die Glücksindustrie verspricht, Abhilfe für jeden zu schaffen. Sogar Universitäten widmen sich der Glücksforschung, während professionelle Happy-Macher Vorträge halten und Kneipen Happy Hours anbieten.

Glücksstreben als Grundlage der Verfassung oder als menschlicher Irrtum.

Das Dauerstreben nach Glück findet seine Entsprechung in der kapitalistischen Wachstumsorientierung. Dabei scheint dieser Drang gar zwanghaft. Häufig werden Antidepressiva mit „Happy Pills“ gleichgesetzt, Substanzen wie Dopamin, Serotonin und Oxytocin sollen die Tür zum Glück öffnen. Schnell wieder glücklich werden, heißt die Devise, da bleibt keine Zeit zu trauern. Dabei gehört die Traurigkeit zum Leben. Aber auch hier gibt es wieder „101 Lebensweisheiten, die du kennen solltest“.

Weder die USA noch Bhutan stehen im „World Happiness Report“ der Vereinten Nationen an der Spitze, sondern Norwegen, Dänemark und Island. Die als schwermütig geltenden Finnen, die eine hohe Suizidrate vorweisen, sind ebenfalls unter den Top Ten. Luxemburg war 2017 an 18. Stelle, direkt hinter Deutschland und Belgien, aber weit vor Frankreich.

Dagegen ist nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Gallup im „Global Emotions Report“ ausgerechnet Paraguay das glücklichste Land der Welt. Die Lateinamerikaner gelten zwar laut Klischee als temperamentvoll, aber wenig gestresst. Dass aber ausgerechnet die Menschen in El Salvador, einem der gefährlichsten Länder der Welt mit einer der höchsten Mordraten, besonders glücklich sein sollen? Dabei machen sich viele Salvadorianer auf den Weg in die USA, zur „pursuit of happiness“.

Das Erforschen des Glücks kann anstrengend sein, ebenso die krampfhafte Suche danach. Dann halten wir es doch lieber mit den Bergleuten und ihrem Gruß „Glückauf!“, prosten uns in der Happy Hour zu und wünschen unseren Lesern ein gutes und glückliches neues Jahr 2019. Dabei denken wir an das Glück von Rafael Henzel am Berg „El Gordo“. Dass so auch der Riesen-Jackpot der spanischen Weihnachtslotterie heißt, ist ein Zufall.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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