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Edito: Was erlauben Kunst?

Wer regelmäßig im Netz unterwegs ist und sich dort besonders den Kommentaren widmet, der trifft unwillkürlich auf das von manchen Nutzern quasi zum Lebensmotto hochstilisierte „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“. Vor allem immer dann, wenn mal wieder ein User eine ziemlich rechtslastige – meistens mit einer Prise Rassismus zersetzte – Meinung herausposaunt und glaubt, irgendeine finstere politische Macht würde Meinungskontrolle (egal ob im Netz, in den Medien oder am liebgewonnenen Tresen der erstbesten Dorfkaschemme) betreiben.

Witzigerweise sind es dieselben recht(spopulistisch)en Klappspaten, die nach Zensur schreien, sobald jemand ihnen mit hieb- und stichfesten Argumenten kontra gibt. Oft sind es Journalisten und Medien, die ihr Fett weg bekommen. Aber auch Künstler, die sich gezielt gegen Rechtsextreme auflehnen, werden ins Visier genommen. In Deutschland zum Beispiel schreit die rechtsextreme AFD samt anhängendem Internetmob jedes Mal auf, wenn „Feine Sahne Fischfilet“ auftritt und fordert fast gebetsmühlenartig ein Auftrittsverbot. Der Grund: Die Schrammel-Ska-Punker engagieren sich konsequent gegen rechtsextremes und rechtspopulistisches Gedankengut.

In Luxemburg ticken die Uhren da nicht anders. Nachdem der Rapper Turnup Tun vier Tage vor den Parlamentswahlen im Oktober einen Track mit dem Titel „FCK LXB“ veröffentlichte, in dem er mit der grassierenden Intoleranz und einigen bekannten Akteuren der Luxemburger rechten Szene abrechnet, haben eben drei von denen, die explizit im Lied angesprochen werden, eine Klage gegen den Künstler eingereicht, weil sie sich diffamiert fühlen.

Interessant wird es sein, wie die Justiz mit den Klagen umgeht. Kann es in einem demokratischen Staat wirklich sein, dass die Juristerei zum Gradmesser der Kunstfreiheit mutiert? Darf man das im englischsprachigen Rap fast als Stilmittel inflationär gebrauchte „four letter word“ auch im luxemburgischen Sprachgesang gebrauchen? Und ist es nicht eine der Aufgaben von Kunst – egal ob Musik, Film oder Malerei – zu provozieren, Denkanstöße zu geben und sich gegen vorgepredigte Ideen aufzulehnen (wie im Falle von Deborah De Robertis, sie Seite 6)? Ist es nicht auch gerade an engagierten Musikern, sich politisch zu äußern?

Zumindest ist Kunst mit einer Message wertvoller als die vermeintliche Kunst, die aus Kommerzgründen und Geldmacherei leider allzu oft in unsere vom Massenkonsum getriebenen Gesellschaft Hochkonjunktur hat. Braucht irgendjemand 08/15-Radiomucke, die sich gefühlsschwanger mal wieder mit einer (zerbrochenen) Liebe beschäftigt? Ist der fünfte filmische Aufguss eines Superhelden-Epos noch wirkliche Kinokunst oder dienen diese Blockbuster nicht mit beängstigender Regelmäßigkeit dazu, der Popkorn-affinen Meute das vorzusetzen, was sie erwartet?

Sicherlich ist es nicht immer ganz einfach zu definieren, wo Kunst anfängt, aber auf eine Frage, die man am besten mit einer wohlbekannten Fußballtrainerrede paraphrasiert: „Was erlauben Kunst?“, kann es nur eine Antwort geben: alles!

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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