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Edito: Welt in Aufruhr

Am 1. September vor 80 Jahren überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Zur offiziellen Gedenkfeier an den Anfang des Zweiten Weltkriegs waren am Sonntag Gäste aus 40 Ländern nach Warschau eingeladen. Zuvor hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der kleinen Grenzstadt Wielun, in der einst die ersten Bomben gefallen waren, die Menschen in Polen um Vergebung für den Vernichtungskrieg des Nazi-Regimes gebeten. Zuerst auf Deutsch, dann auf Polnisch. Eine Geste der Versöhnung.

Vergebung, Versöhnung und Gedenken sind Bestandteile der Erinnerungskultur. Doch das Gedächtnis scheint 80 Jahre nach dem Beginn des Massensterbens zu schwinden. Die Erinnerung an die Schrecken des Krieges scheint für viele Menschen verblasst zu sein. Die Welt ist wieder in Aufruhr. Zwar befindet sie sich nicht am Rande eines Weltkrieges wie vor 80 Jahren, aber etwa 400 Konflikte weltweit zählt das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung zurzeit, mehr als die Hälfte davon werden gewaltsam ausgetragen. Die weltweiten Militärausgaben sind im vergangenen Jahr auf 1,64 Billionen Euro gestiegen, errechnete das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri. Die internationalen Waffengeschäfte haben das größte Handelsvolumen seit dem Ende des Kalten Krieges erreicht.

Zugleich sind die Rechtspopulisten in vielen Ländern auf dem Vormarsch. Denn sie rennen in Scharen nationalistischen und offen rassistischen, homophoben und frauenfeindlichen Politikern in die Arme und scheuen sich nicht, unverhohlen faschistische Politiker wie Brasiliens aktuellen Präsidenten Jair Bolsonaro zu wählen. Mit dem Rechtsruck einher geht eine grassierende antihumanistische Stimmung, die Minderheiten und gesellschaftliche Außenseiter zu spüren bekommen. In einer solchen Situation ist eine „radikale Verteidigung des Humanismus“ dringend notwendig, wie sie der britische Journalist Paul Mason in seinem Buch „Klare, lichte Zukunft“ einfordert. Selbst der Glaube an die angebliche Immunität der USA gegen totalitäre Neigungen habe sich als Irrglaube erwiesen, konstatiert der Autor. Zwar sei Donald Trump eindeutig kein Faschist, doch Mason weist auf die Gemeinsamkeit zwischen den Anhängern Trumps (oder Bolsonaros) und denjenigen Hitlers hin: Die Bereitschaft, sich Hitler zu unterwerfen, sei die „Folge einer inneren Ermüdung und Resignation“ gewesen.

Was ist dem entgegenzusetzen? Über welches Narrativ verfügt Europa? Der Philosoph Jürgen Habermas, dieses Jahr 90 geworden, sieht in der Europäischen Union ein beispielloses Gebilde von urbildlichem Charakter. Europa ist für ihn ein Versprechen auf den Frieden. Die Idee eines geeinten Europas sei, folgt man Habermas in seinem Essay „Zur Verfassung Europas“, ein erster Schritt zu einer Weltbürgergemeinschaft, einem kosmopolitischen Verbund aller Staaten, wie es einst Immanuel Kant in der 1795 erschienenen Schrift „Zum ewigen Frieden“ vorschwebte. Das klingt pathetisch, vor allem aber ist die hehre europäische Idee ständig bedroht. Wer (sich) an den Schrecken des Krieges erinnert und an die Gefahren von heute denkt, der darf diese großen Ziele nicht vergessen.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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