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Edito: Zensucht

Kokain ist seit Jahren eine Droge im Aufwärtstrend. Es ist wohl so leicht zu erwerben wie nie zuvor. Das geht aus dem Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen- und Drogensucht, der kürzlich veröffentlicht wurde, hervor. Und es ist das am häufigsten konsumierte Aufputschmittel in Europa. Zusammen mit der Partydroge MDMA, einst als „Ecstasy“ bekannt geworden, passt Kokain zu einem Lifestyle einer Zeit, die eng mit Raffgier, Profitdenken und Spekulation verbunden ist – kurz: zum Highspeed-Kapitalismus.

Obwohl das Klischee des koksenden Finanzhais schon lange überstrapaziert ist: Zockende Börsianer und Banker, zappelige Kreative und Hyperaktive haben die Kultur des Überschwangs und der Angespanntheit geprägt, wie der nicht ganz unumstrittene britische Drogenexperte David Nutt nach der Finanzkrise vor gut einem Jahrzehnt schon behauptet hat. Doch ist das alles nicht schon passé? Sind wir nicht schon in einem neuen Stadium?

Wenn alles immer schneller wird im Zeitalter der Beschleunigung, führe dies zur Entfremdung und zu zerrütteten Beziehungen, behauptete vor einigen Jahren der deutsche Soziologe Hartmut Rosa. Dann hilft nur Entschleunigung. Oder Rosas mittlerweile bekanntestes Rezept: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.“

Schon war ein neues Schlagwort geboren – und bald ein Hype. Rosa hat ins Schwarze getroffen, wenn er die Sehnsüchte vieler Menschen nach einem Ausweg aus der nur zu Burnout und Depression führenden Hochgeschwindigkeitstretmühle und aus dem ständigen Selbstoptimierungsbedürfnis anspricht, nach einer Wiederbelebung der Romantik und nach einem glücklichen und gelungenen Leben im Einklang mit der Natur, mit der Familie und aber vor allem mit sich selbst. Hauptsache Zen, auch wenn das so einfach oder schwierig sein kann, wie ein Motorrad zu warten.

Warum Koks, wenn es bald Haschisch gibt?

Manche, die der Stressroutine bereits entfliehen wollten und im Freizeitstress durch Achtsamkeitsmeditation und Fitnesstraining landeten, haben vielleicht gemerkt, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen sind. Die Suche nach Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung, nach Autonomie und Authentizität, alles unter dem Oberbegriff der Kreativität, führt viele zu einem neuen Overkill und von der Stechuhr zum Seitenstechen.

Da kommen Rosas Theorien von Entschleunigung und Resonanz, von der Subjekt-Objekt-Beziehung als einem schwingenden System, gerade recht. Ganz ohne Kurs und Seminar, ohne Ayurveda für Advokaten, Origami für Informatiker und Investmentbanker, Yoga für Staatsbeamte und Unterwasserrugby für Wirtschaftsprüfer. Die Resonanz, die der in Jena unterrichtende Professor anschaulich mit den Schwingungen einer Stimmgabel beschreibt, kann schon bei einem guten Gespräch unter Freunden, der Flow schon beim Wandern im nächstbesten Wald entstehen, beim Pogo im Punk- oder beim Headbanging im Metal-Konzert. Warum also kompliziert, wenn es einfach geht? Warum Koks, wenn es bald erlaubt ist, Haschisch und Marihuana anzubauen, zu besitzen und zu konsumieren? Zumindest plant die Regierung die Freigabe von Cannabis.

Letztere mag nicht jedermanns oder jederfrau Sache sein, aber zumindest ein Schritt in eine liberalere Gesellschaft. Auch wird es nicht bei jedem für die nötigen Schwingungen sorgen. Die Resonanz braucht andere Grundlagen: 1. ein tolerantes Miteinander, 2. eine allgemeine Existenzgrundlage, 3. eine gerechte Gesellschaft. Punkt 1 wird in Zeiten von Hate-Mails und Shitstorms, von immer noch virulenter Homo- und Xenophobie großen Belastungen ausgesetzt ist; über Punkt 2 scheiden sich die Geister und Sozialpartner, wenn es um mehr Mindestlohn oder sogar um ein garantiertes Grundeinkommen geht (Letzteres findet übrigens Rosa gut); und über Punkt 3 waren sich Philosophen und Politiker je nach Schule und Ideologie schon seit jeher nicht einig.

Es ist also gar nicht so einfach, das gute Leben oder das „buen vivir“, wie die indigenen Völker im Andenraum das „auskömmliche Zusammenleben“ nennen, eine materielle, soziale und spirituelle Zufriedenheit aller Mitglieder einer Gemeinschaft, ein Zusammenleben in Vielfalt sowie in Harmonie und Einklang mit der Natur – bis die Stimmgabel schwingt.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Martine Decker

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