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Edito: Zukunftsweisend

Die Regierung bemüht sich schon seit 2014, mit gezieltem Nation Branding das Image des Großherzogtums im Ausland aufzupolieren. Dass die eigenen politischen Handlungen dabei ebenfalls – wenn auch ziemlich unverhofft – zum Aufpolieren des Images beitragen, hat kürzlich der Werteunterricht gezeigt.

Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann hat am 21. September der Luxemburger Regierung nämlich Nation-Branding-technische Schützenhilfe geleistet, indem er folgenden Tweet absetzte: „Vorsicht, Deutschland! Luxemburg ist soeben zivilisatorisch an uns vorbeigezogen.“ Der Tweet ist mit einem Artikel vom Humanistischen Pressedienst verlinkt. Dieser thematisiert das Abschaffen des Religionsunterrichts in Luxemburgs Sekundarschulen.

Ob die Abschaffung des Religionsunterrichts ein zivilisatorischer Quantensprung ist oder einfach nur ein logischer Schritt hin zu einem modernen Staat, der die Religion das sein lässt, was sie eigentlich schon längst sein sollte, nämlich Privatsache, soll jeder für sich entscheiden. Tatsache ist allerdings, dass nachdem es beim Ausarbeiten des einheitlichen Werteunterrichts sehr zähe und kontroverse Diskussionen gab (und sicherlich noch nicht alles perfekt ist), das Fach in den Sekundarschulen seit Schulbeginn unterrichtet wird, ganz ohne dass das Großherzogtum zu einem Sodom und Gomorra verkommt, wie es einige Religionsvertreter und Verfechter des angestaubten Status Quo in ihren Empörungsstürmen im Vorfeld befürchtet hatten.

In Deutschland würde das Abschaffen des Religionsunterrichts begrüßt werden.

Dass Luxemburg mit seiner Vorgehensweise einen wichtigen Schritt gemacht hat, zeigt nicht nur der Tweet von Böhmermann. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov in Deutschland hat ergeben, dass mehr als zwei Drittel der Deutschen einen ähnlichen Schritt wie in Luxemburg befürworten würden. 39 Prozent stehen voll und ganz hinter einer solchen Idee, und 30 Prozent haben in der Umfrage diese Idee eher befürwortet. In derselben Befragung kam übrigens heraus, dass eine Mehrheit der Deutschen der Meinung ist, dass in einem Werteunterricht Religion nur am Rande behandelt werden und eher allgemeine Ethik, Normen und Werte im Zentrum stehen sollten. Also eine ganz ähnliche Sichtweise auf ein solches Fach, wie sie versucht wurde, in Luxemburg umzusetzen.

Pünktlich zu Beginn des kommendenSchuljahrs wird der Werteunterricht in den Primärschulen eingeführt. Man kann jetzt schon davon ausgehen, dass die Befürworter der Aufrechterhaltung des Religionsunterrichts rund um die Vereinigung „Fir de Choix“ noch einmal in den kommenden Monaten zur Publicityoffensive in dieser Causa blasen werden. Schließlich will man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einfach kampflos den letzten Fuß, den man in der Tür der öffentlichen Schule hat, zurückziehen.

Dabei könnte das Einführen des besagten Werteunterrichts in der Primärschule erneut im Ausland für positives Aufsehen sorgen. Nation Branding kann ziemlich einfach sein.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Philippe Reuter

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