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Edito: Zurück in die Zukunft

Früher war alles besser. Eine abgedroschene Floskel, deren Wahrheitsgehalt auf dem Prüfstand der Geschichte wahrscheinlich gnadenlos durchrasseln würde. Fakt ist allerdings – ganz abgesehen von nostalgiegeschwängerter Schönrederei –, dass es lange bevor Leistungsdruck, Massenkonsum und die damit einhergehende Globalisierung das Zeitgeschehen dominierten, Menschen sich mit weniger zufriedengaben.

Als in den 1950ern die Wirtschaft brummte und vom eigenen PKW bis hin zum jährlichen Mittelmeer-Urlaub alles plötzlich für die breite Masse erschwinglich wurde, waren die ökologischen Probleme, die der Boom des Konsums mit sich zieht, noch in weiter Ferne. Geldausgeben und der „ex und hopp“-Gedanke bestimmen bis Anfang der 80er – wo langsam Gegenbewegungen aufkamen – das Verhalten der Mehrheit der industrialisierten Völker.

Heute sind die Probleme der Überflussgesellschaft längst be- und erkannt, und ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung – auch wenn es vielleicht noch nicht die dominierende Masse ist – wird sich bewusst, dass der ungebremste Konsum keine unendliche Zukunft hat und passt sein Verhalten an. Was zu Beginn noch von vielen mitleidig belächelt wurde und als verklärter Weltverbesserungsaktionismus von irgendwelchen Ökofuzzis und Esotussis abgestempelt wurde, gewinnt seit Jahren (spätestens seit dem Ende der Nullerjahre) verstärkt an Bedeutung.

Dieses neue Konsumbewusstsein drückt sich in den verschiedensten Formen aus. Egal ob beim Essen, mit unterschiedlichen Bewegungen von „Slow Food“ bis Veganismus, beim Transport, mit einer neu aufblühenden Fahrradkultur oder Ideen wie „Carsahring“ und Co., oder bei alltäglichen Konsumgütern, wo ein 2,99 Euro Schnäppchen-T-Shirt von H&M oder C&A bei immer mehr Menschen ein kritisches Stirnrunzeln hervorruft.
Die Ergebnisse einer alle zwei Jahre durchgeführten repräsentativen Umfrage der deutschen Regierung zum Thema „Umweltbewusstsein in Deutschland“ zeigte 2016 eindeutig, dass immer mehr Menschen begreifen, dass ein „Weiter so“ auf Dauer keine Lösung ist. Drei Viertel stimmen zu, dass unsere energie-, ressourcen- und abfallintensive Lebensweise (und Wirtschaft) grundlegend überdacht und umgestaltet werden muss.

Hallo Umwelterziehung!

In der gleichen Studie wurden ebenfalls die unterschiedlichen sozialen Milieus in Bezug auf ihre Bereitschaft, „sich für einen gesellschaftlichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit zu engagieren“, untersucht. Eine Erkenntnis in Zusammenhang mit diesen sozialen Gruppen ist recht interessant: Für – Achtung Studiensprech! – die „jungen Milieus“ (zwischen 14 und 30 Jahren) sind sich der Probleme durchaus bewusst, die ökologische Perspektive in ihrem Alltagshandeln ist aber nicht unbedingt eine Priorität. Ein Ergebnis, das eine Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2016 allerdings relativiert. Laut einer Umfrage der Umweltorganisation bei der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren sind diese viel weniger durch ein zwiespältiges Umweltbewusstsein geprägt, als man durch die Studie der Bundesregierung annehmen könnte.

Aus der Studie der Umweltorganisation geht nämlich hervor, dass zukunftsorientiertes Wirtschaften und soziale Gerechtigkeit einen immer größeren Stellenwert bei jungen Menschen erhält. Über 30 Prozent der Befragten der Greenpeace-Studie geben sogar an, dass sie Produkte von Unternehmen boykottieren, die nicht auf die Umweltschutz und Menschenrechte bei der Produktion achten würden. Eine Bedingung nennt Greenpeace allerdings: „Jugendliche engagieren sich häufiger für eine zukunftsfähige Welt, wenn sie sich in der Schule mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigt haben.“ Hallo Umwelterziehung!

Aber auch ganz ohne erzieherischen Ansatz in der Schule: Wer Wert auf nachhaltige Produkte mit ressourcenschonender Herstellung legt, regional und saisonal einkauft und beim Einkaufen den gesunden Menschenverstand benutzt, der lebt in der Regel eigentlich schon umweltschonender, als derjenige, der Anfang November im Discountermarkt seines Vertrauens frische Erdbeeren kauft. Und vielleicht kann man sogar sein Feierabendbierchen viel regionaler gestalten, als man bisher dachte. Wie wir in unserer Coverstory (ab Seite 5) zeigen, bieten, neben den industriell hergestellten Platzhirschen wie Battin, Bofferding, Diekirch und Simon, immer mehr Mikrobrauereien ihren eigenen Gerstensaft an. Dieser besticht meistens durch eine ganz individuelle Note und ist irgendwie erfrischend anders.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Stellvertretender Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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