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Eigentlich…

… wollte Sven Sauber sein erstes Album bereits im März vorstellen. Und eigentlich sollten wir uns beim Interviewtermin vornehmlich über „Another Day“ unterhalten. Doch irgendwie kommt alles anders.

Herr Sauber, Sie haben sich kein gutes Jahr ausgewählt, um ein Debütalbum herauszubringen, oder?
(lacht) Stimmt, das Release-Konzert in Düdelingen hat Mitte März sehr kurzfristig abgesagt werden müssen. Damals dachten wir, dass der Corona-Spuk spätestens im Herbst vorbei sein würde. Die Entwicklung der Pandemie hat uns mittlerweile eines anderen belehrt, aber ich bin und bleibe zuversichtlich. Man muss das Beste aus der momentanen Krise machen. Außerdem sind und werden im Kulturzentrum „opderschmelz“ alle geltenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen umgesetzt.

Sie standen bislang vor allem als Sessionmusiker auf der Bühne, sind mit dem bekannten
britischen Musicalsänger und „The Voice“-Finalist Matt Henry aufgetreten, haben ein paar Jahre
in London gelebt… Wieso jetzt die Entscheidung, hierzulande auf Solopfaden zu wandeln?

Weil jetzt „der“ Moment war. Ich habe als Sessionmusiker viele Erfahrungen sammeln können, und da ich mit sehr unterschiedlichen Leuten zusammengearbeitet habe, konnte ich auch verschiedene Ideen entwickeln. Dieser Austausch ist mir wichtig gewesen. Was „Another Day“ betrifft, habe ich von der ersten Note bis zum Druck der CD rund vier Jahre an dem Album gefeilt. Nach Luxemburg bin ich aus rein persönlichen Gründen zurückgekehrt. Was mir allerdings noch keine Sekunde leidgetan hat, denn die hiesige Musikszene ist ganz besonders.

Besonders wie?
Beeindruckend. Es gibt in Luxemburg wirklich erstklassige Musiker, die den Vergleich mit internationalen Stars nicht zu scheuen brauchen. Nur wird diese Tatsache nicht gebührend wahrgenommen. Wir belächeln uns selbst noch viel zu oft. Dabei sollten wir stolz auf das sein, was wir aufzuweisen haben. Im Musikbereich wie auch in anderen Domänen. In diesem Zusammenhang ist der Corona-Pandemie sogar etwas Positives abzugewinnen. Weil wir plötzlich lokal denken mussten, haben wir uns neu entdeckt.

Wäre eine Quote für luxemburgische Musik nicht auch eine Möglichkeit, einheimische Künstler und Newcomer zu fördern? In Frankreich gibt es bereits seit 1994 ein Gesetz, das Radiosender dazu verpflichtet, 40 Prozent französischsprachige Musik zu senden.

Genau, aber dabei geht es vordergründig darum, sich für die französische Sprache einzusetzen, nicht jedoch für die Vielfalt der eigenen Musikszene. Ich bin, ganz ehrlich gesagt, gegen eine Quotenregelung. Weil es eine Art Bevormundung und Diskriminierung ist. Radiosender sollen selbst entscheiden dürfen, was sie spielen. Darüber hinaus sind Privatsender wirtschaftlich von Werbung abhängig und brauchen eine möglichst große Zahl an Hörern. Weshalb englischsprachige Musik nach wie vor bevorzugt wird. Ich singe auch auf Englisch und wage die Behauptung, dass man keinen Unterschied hört. Trotzdem weisen Radiomoderatoren gewöhnlich darauf hin: „An hei eng Lëtzebuerger Band.“ Warum eigentlich?

Sven-Sauber-Pictures-by-Lugdivine-Unfer-164

Vielleicht weil wir Luxemburger unter Minderwertigkeitskomplexen leiden oder aber weil der Moderator die Hörer halt darauf aufmerksam machen will, wie toll Musik „made in Luxembourg“ klingt. Wie dem auch sei, wir schweifen ab. Zurück demnach zu „Another Day“. Wie würden Sie selbst die musikalische Richtung des Albums bezeichnen?
Ich mag kein Schubladendenken. Müsste ich mich dennoch festlegen, würde ich den Stil als akustischen Folk beschreiben. Mit Einflüssen aus Blues und Jazz. Was mir wichtiger ist, ist die Wahrnehmung als Konzeptalbum. „Another Day“ ist keine Ansammlung von einzelnen Liedern, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Es gibt nämlich durchaus einen roten Faden, und dieser rote Faden schöpft aus privaten Erlebnissen. Auch der Titel des Albums ist nicht zufällig gewählt. Es dreht sich im Grunde genommen alles um einen Neuanfang.

Passt demnach perfekt zur derzeitigen Situation…
(lacht) Ja, aber das ist reiner Zufall. Vom Corona-Virus war in den vergangenen Jahren schließlich keine Rede. An Herzschmerz und anderen Herausforderungen des alltäglichen Lebens leidet man indes seit jeher.

Sie hätten „Another Day“ ausschließlich im Internet veröffentlichen können. Stattdessen haben Sie sich bewusst für ein Album entschieden.
Ich bin kein großer Fan von Streamingdiensten. Wenn alles zu jeder Zeit verfügbar ist, verliert es irgendwie schneller an Bedeutung. Wenn man sich jedoch intensiv in die Stimmung eines Songs oder eines Albums hineinversetzen will, braucht man mehr Konzentration. In diesem Fall ist Musik nicht selbstverständlich, sondern etwas Einzigartiges. Man verleiht dem Hören Gewicht. Streaming birgt zudem eine andere Gefahr. Die Leute riskieren zu vergessen, dass es Kunst nicht gratis geben kann. Dass Menschen davon leben, Musik zu machen oder Theater zu spielen.

Another-Day-Album-Cover

Am 27. September um 20 Uhr im Kulturzentrum „opderschmelz“ in Düdelingen, www.opderschmelz.lu

Heißt das, dass Musik Ihr Broterwerb ist?
Ich arbeite halbtags als Musiklehrer an der Musikschule in Petingen. Aber dass Sie mir die Frage stellen, ob ich professioneller Musiker bin, ist eigentlich ganz typisch. Als könnte man in Luxemburg mit dem Komponieren und Interpretieren von Musik seine Miete nicht bezahlen. Man kann es tatsächlich nicht, weil Luxemburg keine Musikindustrie hat. Und weil das Publikum eher dazu bereit ist, 100 Euro für einen Auftritt für Bon Jovi hinzublättern, als 20 Euro für das Konzert eines einheimischen Künstlers. In dieser Hinsicht müsste an einem Mentalitätswechsel gearbeitet werden (lacht).

Themawechsel: Ist die Musik vor dem Text in Ihrem Kopf? Oder umgekehrt?
Das ist ganz verschieden. Manchmal schreibe ich an einem Lied und höre in dem gleichen Augenblick die dazu passenden Töne. Das ist der Idealfall. Es kommt hingegen auch vor, dass ich während des Gitarrenspielens einen Melodiebogen finde und das Songwriting später angehe. Es gibt kein festgelegtes Rezept.

Gilt das gleiche für Ihre Auftritte?
Ja. Bei der CD-Release werde ich selbstverständlich mit kompletter Band auftreten. Ich kann allerdings auch allein oder im Duo in kleinerem Rahmen ein Konzert geben. Ich bin eigentlich ziemlich flexibel, bin auch weiterhin als Sessionmusiker unterwegs. Worauf ich mich jedoch nicht mehr einlassen würde: ein Trio mit meinen beiden Brüdern. Nick ist Multiinstrumentalist, Max Schlagzeuger. Wir verstehen uns prima, aber musikalisch gehen wir mittlerweile lieber unsere eigenen Wege (lacht).

Und wie sieht Ihr Weg aus?
Nun, nach der Vorstellung von „Another Day“ in Düdelingen werde ich mich an dem Video-Projekt „Club of 27“ beteiligen, das sich mit Musikern auseinandersetzt, die im Alter von 27 Jahren starben. Dazu zählen beispielsweise Brian Jones, Janis Joplin und Amy Winehouse. Im Dezember steht noch ein Konzert im Mamer Kinneksbond auf dem Programm. Gleichzeitig arbeite ich an neuem Material für ein zweites Album. Im September beginnt erneut der Gitarrenunterricht. Bis jetzt hat noch kein Schüler sich coronabedingt abgemeldet. Für Langweile werde ich keine Zeit haben.

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Fotos: Lugdivine Unfer

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Philippe Reuter

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