Die Erfolge der luxemburgischen Rugby-Teams sind das Ergebnis einer konsequenten Aufbauarbeit und des Engagements Einzelner. Die Sportart beendet hierzulande allmählich ihr Mauerblümchendasein.
Fotos: Julien Garroy, Marcel Nickels (beide Editpress) (2), Luisa Morlano
Es sollte kein Spaziergang sein an jenem windigen Samstagnachmittag im Stade Josy Barthel. Was auf die Luxemburger Rugby-Nationalmannschaft am 14. Mai zukam, war vielmehr der stärkste Gegner in der Division 2C des European Nations Cup. Zwar hatten die 15 von Coach Jonathan Flynn bereits das Hinspiel gegen Slowenien in Ljubljana für sich entschieden. Doch der Sieg war mit 14:11 knapp ausgefallen. Und die Slowenen wollten sich als Tabellenzweiter noch nicht geschlagen geben.
Der einstige Expat-Zeitvertreib vor allem englischsprachiger Immigranten blüht hierzulande mittlerweile auf und erreicht allmählich auch die Luxemburger.
Nun ging es um den Aufstieg. Die Gäste zeigten, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, indem sie durch einen Strafkick früh in Führung gingen. Das war eine rechtzeitige Warnung für die Männer im Rote-Löwen-Trikot, die ihrerseits sogleich antworteten, angetrieben von den immerhin mehr als tausend Zuschauern. Scott Browne glich ebenso mit einem Penalty aus. Es war Ciaran Keane, der Luxemburg mit einem Versuch in Führung brachte – und wiederum Browne, der mit einem Kick zwischen die Malstangen erhöhte.

Gasse zum Erfolg: In Technik und Spielanlage hat sich das luxemburgische
Rugby in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.
Nach der Halbzeitführung von 13:3 wollten die Gastgeber nichts mehr anbrennen lassen, auch wenn die Slowenen durch ihren ersten Versuch wieder leicht an Boden gewannen. Es war einmal mehr Keane, der mit seinem zweiten Versuch alles klar machte und die luxemburgischen Rugby-Fans in Ekstase brachte. Luxemburg hat das Spiel mit 29:10 und die Gruppe ungeschlagen gewonnen und ist somit in die nächsthöhere Division 2B aufgestiegen. Es hat in den vergangenen zwei Jahren jedes Spiel gewonnen und ließ neben Slowenien auch Serbien, Österreich und Dänemark hinter sich.
Die Sportart ist im Großherzogtum seit einigen Jahren im Aufwind. Das zeigte sich unter anderem auch im erfolgreichen Abschneiden der U20-Mannschaft, die im European Cup Fünfte wurde, sowie die U18, die in ihrer Division B im vergangenen Jahr Fünfte wurde. Ein weiterer Erfolg ist der Aufstieg des Rugby Club Luxembourg (RCL), neben den Renerts aus Walfer und dem CSCE einer von drei Vereinen, der von der zweiten kürzlich in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. Doch wie ist das luxemburgische Rugby-Wunder zu erklären? „Durch eine kontinuierliche Entwicklung über etwa 14 Jahre, die unter anderem mit einer konsequenten Jugendarbeit und mit einer Förderung in den Schulen verbunden ist“, erklärt Verbandspräsident Steve Karier. „Es ist vergleichbar mit einer Blume, die zu blühen beginnt.“

Kampfgeist: Die Luxemburger lassen sich den Ball von den Slowenen kaum aus der Hand nehmen.
Der Schauspieler entdeckte seine Liebe zu dem rauen, körperbetonten Mannschaftssport um den ellipsenförmigen Ball in den 80er Jahren, als er am Theater in Basel engagiert war. „Die Komplexität des Spiels und die Tatsache, dass jeder einzelne Spieler etwas zählt und nicht wie im Fußball der Individualist im Vordergrund steht“, hätten ihn fasziniert, sagt Karier. „Selbst wenn du einen schönen Spurt hinlegst und einen Versuch setzt – ohne die anderen Spieler bis du nichts.“ Die Leidenschaft und der Zusammenhalt der Spieler sind weitere herausragende Eigenschaften, die er dem Rugby zuschreibt und er an ihm bewundert. „Die Jungs spielen mit so viel Herz und zeigen einen unerschütterlichen Teamgeist.“ Zudem werde dem Gegner großer Respekt gezollt, egal wie hoch dieser verliert. Die Rivalität wird spätestens bei gemeinsamen Abendessen oder in der Kneipe überwunden.
Ein weiterer Faktor für die Erfolgsgeschichte des Luxemburger Rugbys hat einen konkreten Namen: Marty Davis. Der Neuseeländer brachte den Sport in die hiesigen Schulen und bildete Lehrer zu Rugby-Trainern aus, die wiederum Rugby in ihren Unterricht aufnahmen. Davis‘ Engagement stellte einen Wendepunkt in der nun knapp über 40-jährigen Geschichte des Luxemburger Rugbys dar, das bis dato ein Mauerblümchendasein in der hiesigen Sportszene geführt hatte. Er förderte Disziplin und Respekt, zwei der Hauptcharaktereigenschaften, die ein Rugby-Spieler braucht. Zwölf Jahre war Davis Nationaltrainer und führte die Mannschaft vom 94. auf den 67. Platz der Weltrangliste. Schließlich ging Davis im Mai letzten Jahres zurück in seine Heimat, um dort den Chefposten der Poverty Bay Province Rugby Federation zu übernehmen.

Der einstige Expat-Zeitvertreib vor allem englischsprachiger Immigranten blüht hierzulande mittlerweile auf und erreicht allmählich auch die Luxemburger. Es ist kein reines Einwandererhobby mehr. Zwar wird es bei der jährlichen Sportlerwahl noch ignoriert, obwohl das Team den erfolgreichsten Luxemburger Mannschaftssport repräsentiert. „Rugby ist in Luxemburg sichtbarer geworden“, sagt Steve Karier. Auch wenn es noch an Plätzen fürs Training fehlt; am besten wäre ein nationales Rugbyzentrum. Selbst auf dem COSL-Spielfest zeigt der Verband Präsenz. Die meisten Spieler des Nationalteams sind im Großherzogtum geboren oder aufgewachsen. Das internationale Reglement besagt, dass ein Spieler in dem Land, für das er im Nationalteam spielen möchte, geboren sein muss oder mindestens ein Eltern- oder Großelternteil die Staatsbürgerschaft besitzen sollte – oder der Spieler mindestens 36 Monate am Stück in dem Land gelebt haben muss.
„Als ich hier ankam, befand sich Rugby in Luxemburg noch in den Kinderschuhen“, erinnert sich Jonathan Flynn. Der 42-jährige gebürtige Schotte hat rund 25 Jahre Rugby-Erfahrung gesammelt. Er hatte bereits für das luxemburgische Nationalteam gespielt und war Assistenztrainer von Marty Davis, kümmerte sich um den Nachwuchs, bevor er letztes Jahr dessen Nachfolge als Nationalcoach antrat. „Es war eine typische Randsportart, stark unter französischem und anglophonem Einfluss“, sagt Flynn. Der Verband legte zunehmend Wert auf die Jugendarbeit, was sich ausbezahlte: Im Lauf der Jahre wurden nicht nur die Basics weiterentwickelt – vom einfachen „catching, passing und tackling“ – und die Taktik verbessert. Inzwischen führt der Verband 800 Mitglieder und hat die Zahl der Spieler dementsprechend erhöht. „Oftmals haben wir keine Wahl“, sagt Flynn, „weil wir für eine Position nur einen Spieler haben.“ Was sich in den Jahren verstärkte, war der Kampfgeist. „Wir kämpfen um jeden einzelnen Punkt“, sagt der Nationalcoach. Derweil hat sich auch die Konkurrenz verbessert.









