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Ein Piano auf Reisen

Mit einem Hocker, einem Filmteam und einem Klavierstück reist David Ianni von einer Kulturhauptstadt zur anderen, um einem breiten Publikum (seine) Musik zugänglich zu machen. Revue traf den Luxemburger Pianisten und Komponisten in Schifflingen.

Fotos: Leslie Schmit

Neu ist die Aktion „My Urban Piano“ nicht. Jedes Jahr werden mehr als ein Dutzend von Künstlern gestaltete Klaviere in Luxemburg-Stadt aufgestellt, um die Leute zum Musizieren zu motivieren. Ähnliche Initiativen gibt es auch in anderen Hauptstädten auf der ganzen Welt. David Iannis Projekt verfolgt indes ein anderes ehrgeizigeres Ziel: Musik soll Brücken bauen zwischen den Menschen und den Gedanken einer gemeinsamen europäischen Kultur und Identität stärken.

Herr Ianni, wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, 12 europäische Kulturhauptstädte mit 12 Kompositionen zu vereinen?
Im Rahmen der letztjährigen Aktion „My Urban Piano“ hatte ich meiner Mutter zum Muttertag das Stück „Mama“ gewidmet. Und spielte es auf den in Luxemburg-Stadt aufgestellten Klavieren, wobei mich ein Freund filmte. Das Video stellte ich anschließend auf Facebook. Es wurde an einem einzigen Wochenende rund 25.000 Mal angeschaut. Dieser Erfolg spornte mich dazu an, ein größeres Projekt in Angriff zu nehmen.

Und so sind Sie in einen Zug gestiegen…
… um mir dort selbst zu begegnen. Für den Dreh des ersten Videos hat uns die CFL nicht nur einen Zug zur Verfügung gestellt, sondern sogar Gleis 1 frei gehalten, und zwar mehrere Stunden lang. „Train of Dreams“, das ich für Luxemburg-Stadt geschrieben habe, ist ein recht rasantes Stück, und wer genau hinhört, wird die Melodie der Luxemburger Nationalhymne heraushören. Was aber nicht heißt, dass ich in irgendeiner Weise politisch engagiert bin, so stolz ich auch bin, das Land Luxemburg im Ausland repräsentieren zu dürfen.

Die zweite Station Ihres Projekts hat Sie nach Esch/Alzette geführt, wo Sie Julie Schroell als Regisseurin und Brigitte Urhausen als Schauspielerin verpflichtet haben. Wie erklärt sich der Titel „Heartland“ für die Stadt, die 2022 den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ tragen wird?
Ich bin im Süden aufgewachsen. Ich liebe diese Region. Brigitte Urhausen kenne ich seit meiner Schulzeit im Jongelycée. Es verbindet mich unglaublich viel mit Esch/Alzette, der einzigen der 12 ausgesuchten europäischen Städte, die nicht bereits Kulturhauptstadt gewesen ist. Und deshalb wollte ich unbedingt dort ein Video drehen. Als eine Art Unterstützung für die Kandidatur (Anm. d. Red.: zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war die Entscheidung noch nicht gefallen), aber auch als Hommage.

Ist die Ballade „Heartland“ wegen dieser Verbundenheit weitaus ruhiger und gefühlvoller ausgefallen als die erste Komposition, die von einer gewissen Aufbruchsstimmung geprägt ist?
Genau. Das Stück erzählt von meinen Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Und natürlich von meinen Anfängen als Musiker. Ich habe mit neun Jahren begonnen, Klavier zu spielen. Kurze Zeit später habe ich erste Stücke komponiert.In „Heartland“ bringe ich meine Dankbarkeit über diese Jahre im „Minett“ musikalisch zum Ausdruck. Die Komposition bedeutet mir sehr viel.

Ich möchte mit meiner Musik positive Emotionen vermitteln. Den Menschen Mut und Hoffnung geben.

Wie geht es jetzt weiter?
Das dritte Video in der dänischen aktuellen Kulturhauptstadt Aarhus mit dem Titel „Joy“ ist abgedreht und wurde im September veröffentlicht. Anfang November waren wir in Prag, wo wir auf einem Boot mit Klavier auf der Moldau gefilmt haben. Anschließend wurde „River of Love“ mit dem City of Prague Philharmonic Orchestra im Studio aufgenommen. Das Video werde ich demnächst in der tschechischen Hauptstadt und am 3. Dezember in Junglinster vorstellen. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, werden die 12 Musikstücke auf einer CD veröffentlicht. Geplant ist ebenfalls ein Open-Air-Konzert in Luxemburg. Aber noch ist es nicht soweit. Auf meiner Homepage, die ständig aktualisiert wird, sind sämtliche Clips mit allen möglichen Infos sowie Bonusmaterial abrufbar.

Sie sind ein großer Fan von sozialen Medienkanälen, nicht wahr?
Warum nicht? Um musikalische Unterfangen visuell auszugestalten, sind Blogs, Facebook und Instagram ideale Medienträger. Ich bin zudem der Meinung, dass man den Menschen den Zugang zu Musik so leicht wie möglich machen sollte.
Sind Sie deshalb mit Ihren Eigenkompositionen, die eher zum Bereich des Mainstream gehören, aus der Klassik ausgebrochen? Ich habe mein halbes Leben lang Beethoven, Rachmaninov und Chopin – um nur die bekanntesten Komponisten zu nennen – gespielt. Doch mehr und mehr hatte ich das Bedürfnis, mit meiner Musik ein breiteres Publikum anzusprechen. Darüber hinaus hatte ich immer schon ein offenes Herz für das Jazzpiano eines Keith Jarrett und kann mich für die Soundtracks von Filmkomponisten ebenso begeistern wie für populäre Songs von Queen oder Coldplay. Was mir als Komponist am wichtigsten ist: Ich möchte positive Emotionen vermitteln. Meine Musik soll den Menschen Mut und Hoffnung geben.

Mit „My Urban Piano“ wollen Sie sogar auf gesellschaftspolitischer Ebene etwas bewegen…
Die Einbindung mehrerer europäischer Kulturstädte soll den Gedanken einer gemeinsamen Kultur und Identität stärken. Dadurch, dass ein Künstler aus der jeweiligen Kulturhauptstadt den Auftrag bekommt, ein Klavier zu gestalten, wird das Projekt zudem zum Vehikel der bildenden Kunst. Und nach jeder Aktion wird das Piano an eine kulturelle oder soziale Einrichtung verschenkt. Daher die gesellschaftspolitische Note.

Und wo steht das Klavier, das Raphael Gindt für „Heartland“ gestaltet hat?
Im Ratelach in der Escher Kulturfabrik. Dort kann es für Konzerte oder von Gelegenheitsklavierspielern benutzt werden, denn obwohl es als rostiges Piano gestaltet wurde, ist es ein ausgezeichnetes Instrument.

Am 3. Dezember, um 16.30 Uhr, gibt David Ianni ein Konzert im „Golf de Luxembourg“ in Junglinster (Kartenvorbestellung: 78 00 68-1). Mehr Infos: www.davidianni.com

Jahrgang 1979, studierte in Luxemburg, Großbritannien und den Niederlanden. Debütierte als 16-Jähriger mit dem 2. Klavierkonzert von Franz Liszt. Im Jahr 2005, als er mehrere Monate im Stift Heiligenkreuz im Wienerwald lebte, wuchs seine Liebe zum gregorianischen Gesang, der fortan zu einem festen Bestandteil seiner Musik wurde. Für zwei CD-Einspielungen mit den Mönchen des Stifts komponierte und spielte er die Klavierbegleitung – und bekam für diese Zusammenarbeit die Platinauszeichnung in Österreich verliehen. Die beiden Soloalben mit Eigenkompositionen „Night Prayers“ und „Prayers of Silence“ sind ebenfalls von geistlicher Musik geprägt. Seit März 2017 widmet er sich intensiv dem Projekt „My Urban Piano“.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressorts: Kultur, Kunst, Land & Leute

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Author: alommel

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