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Ein Requiem für die gute Laune

Rückblende: Frühmorgens an irgendeinem stinknormalen Wochentag Mitte Januar irgendwann gegen 7.30 Uhr. Das angestammte Ritual des Alltags (aufstehen, duschen, anziehen, frühstücken…) tickt seit 6.30 Uhr bereits präzise und unaufhaltsam vor sich hin, wie das Räderwerk einer sündhaft teuren Schweizer Luxusuhr. Auf einmal steht eine ungewohnte Frage im Raum. „Papa, was heißt Disetmo?“, klatscht es mir von der Rückbank des PKWs entgegen.

Wie beinahe jeden Morgen setze ich meine fast vierjährige Tochter auf dem Arbeitsweg in der Kita ab und wie jeden handelsüblichen Morgen läuft zu diesem Zeitpunkt „France Info“ im Auto. Die Speakerin rattert (wie jeden Morgen) neben vielem französischen Rentenreform-Gerede eben auch die neusten Zahlen zur Corona-Epidemie, welche zu dem Zeitpunkt nur in China grassiert, herunter. Im ersten Augenblick verstehe ich die Frage nicht ganz, weil ich ziemlich gedankenverloren durch die Minettmetropole tuckere und – scheinbar im Gegensatz zum Passagier im Fonds – nur nebenbei zuhöre.

„Disetmo“, wiederholt meine Tochter ihre Frage, die sie mittlerweile auf ein semantisches Minimum heruntergebrochen hat, in einem etwas fordernden Ton. So langsam fällt bei mir der Groschen. „Dix-septs morts“ hatte die „France Info“-Frau gerade aus Wuhan vermeldet. „Siebzehn Tote“, antwortete ich ziemlich direkt und weil ich mir die Frage stelle, wie der Passagier in der zweiten Reihe diese ungefilterte Nachricht in seinem Alter verarbeiten wird, ergänze ich rasch und mit beruhigenden Worten: „In China gibt es eine Krankheit, die Menschen sehr krank macht und einige sterben sogar. Aber China ist ganz weit weg…“

Knapp zwei Monate später hat mich die Realität längst eingeholt. Wuhan ist eben scheinbar doch nur ein Katzensprung von Esch/Alzette entfernt. Zumindest, wenn es um die Verbreitung eines Virus geht. Der angestammte Alltagsablauf hat mittlerweile eine ganz andere Nase als noch Mitte Januar, aber das ist eine Binsenweisheit. Wenn ich arbeite, egal ob im nervtötenden „Home-Office“ (samt einer Flut an beruflichen WhatsApp-Nachrichten, Videokonferenzen und anderen Mails) oder im Büro, hält mir meine Frau den Rücken frei. Wenn sie im Gegenzug „home teaching“ betreibt, übe ich mich als Reinkarnation von Oleg Popow, indem ich versuche, den Nachwuchs zu entertainen, damit dieser verdrängt, dass die Kita dicht ist, dass Oma und Opa aus Verantwortungsbewusstsein gemieden werden sollten, wie im Regelfall eigentlich nur nukleares Sperrgebiet und, dass zu allem Übel, trotz gutem Wetter auch noch der Spielplatz tabu ist.

0Z0A5660-KopieAber was soll’s. Das Ganze ist eh surreal und mit dieser albernen Story – von einem Virus, das von einer verspeisten Fledermaus auf den Menschen überspringt, sich dann verbreitet, Tote fordert und im Handumdrehen die Weltwirtschaft lahmlegt – könnte ein Kauz wie Lloyd Kaufman sicherlich den nächsten Troma-Kultstreifen drehen. Natürlich müsste er die Suppe mit ein paar seiner Lieblingszutaten, wie etwa einer Reihe Untoten und einem Haufen an spektakulären Splattereffekten verfeinern, um sich nicht den Vorwurf des „Contagion“-Plagiats gefallen lassen zu müssen. Doch die Corona-Pandemie ist bekanntlich bittere Realität und hat so rein gar nichts mit Toxic Avenger oder Sgt. Kabukiman und anderen Horror-Klamauk-B-Filmen zu tun.

Wie lange wir in dieser Corona-Matrix festhängen werden, bleibt abzuwarten. Zum Glück wurde in Luxemburg noch nicht der vollständige Shutdown verhängt und man kann als mündiger Bürger sich noch draußen bewegen. Die Natur und die Sonne genießen und damit zumindest für kurze Zeit die Rübe frei kriegen, um sich wieder fit zu machen für die xte Partie „Pustekuchen“ oder „Lotti Karotti“. Und wenn es noch etwas länger dauert und das ZDF irgendwann mal ein Remake von „Wetten dass..?“ startet, dann werde ich mich melden und der ganzen Welt beweisen, dass ich das 24-teilige Disney-Prinzessinnen-Puzzle schneller absolviere als der olle Usain Bolt benötigt, um hundert Meter hinter sich zu bringen. Das wird zwar zu nicht viel mehr als den berühmten warholischen „15 Minutes of fame“ führen, aber immerhin könnte ich beweisen, dass dieses komische Virus nicht nur ein „Requiem für die gute Laune“ eingeläutet hat, sondern auch dazu beigetragen hat, dass erwachsene Männer Disney-Puzzles in Dauerschleife lösen…

Beneidenswert ist in der aktuellen Lage eigentlich nur mein Hund. Den lässt diese Ausnahmesituation ziemlich kalt und er spült traditionsbewusst das gleiche Alltagsritual wie seit zehn Jahren herunter. Diese Routine aus schlafen, essen und zwischendurch ein klein wenig frische Luft schnappen lässt er sich auch nicht von einem importierten Virus verderben. Für ihn ist China auf jeden Fall sehr weit weg… noch immer.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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