Home » Home » Eine Frage des Selbstwertgefühls

Eine Frage des Selbstwertgefühls

Anderen Menschen in bedrohlichen Situationen beizustehen, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Dabei fängt Zivilcourage schon viel früher an, wie Georges Steffgen, Psychologieprofessor an der Uni Luxemburg, weiß.

Jeder hat so seine Vorstellungen, was Zivilcourage ist. Wie würden Sie das definieren?
Es gibt zwei wesentliche Kriterien, die immer wieder genannt werden, die sich im Prinzip in den beiden Teilen des Wortes wiederfinden: Zivil beschreibt einerseits soziale Aspekte, also eine bestimmte Werthaltung, die man haben oder mit der Gesellschaft teilen sollte. Und andererseits geht es darum, in einer Situation so mutig zu sein, dass man auch persönliche Nachteile in Kauf nimmt. Zivilcourage hat auf jeden Fall etwas damit zu tun, ein Risiko einzugehen.

Aber muss man immer gleich selbst einschreiten? Reicht es nicht auch, Hilfe zu holen?
Es ist die Frage, wie weit wir den Risikobegriff fassen. Ich zeige auch dann Bereitschaft zum Risiko, wenn ich zum Telefon greife und die Polizei anrufe, weil ich mich damit als Zeuge kenntlich mache und dadurch plötzlich noch in einer ganz anderen Art involviert bin. Das ist mit Kosten verbunden, mit emotionalen Kosten, mit Zeit, usw. Es ist egal, ob die Risiken körperlicher Art oder anderer Art sind, es bleibt die Gefahr, dass mein Leben verändert wird.

Verändert?
In dem Moment, in dem jemand aktiv wird, wird er von anderen wahrgenommen und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Das ist ein Grund, aus dem manche Menschen nicht eingreifen: Sie haben Angst davor, dass sie beobachtet werden und ihr Verhalten bewertet wird. Vielleicht auch ungünstig bewertet wird, weil man sich in etwas eingemischt hat, was einen gar nichts angeht.

Warum fällt es Menschen so schwer, bewertet zu werden?
Da spielt sicherlich eine soziale Ängstlichkeit mit rein und die Befürchtung, sozial ausgegrenzt zu werden. Und dann wird sicherlich auch potentielle Kritik aus der Gruppe heraus gefürchtet. „Warum mischst du dich da jetzt ein?“, könnte es heißen. Das ist vor allem für Leute mit geringem Selbstwertgefühl schwierig, aus einer Gruppe herauszutreten und sich so in den Blick der Öffentlichkeit zu stellen.

Man hört oft von Überfällen in Zügen, die geschehen, obwohl andere Menschen mit im Abteil sind. Wieso greifen die nicht ein?
Wenn Menschen zusammenstehen und etwas beobachten, tritt eine sogenannte Verantwortungsdiffusion ein. Dann denkt jeder, dass der andere eingreifen könnte und am Ende macht es niemand. Dort aus der Gruppe herauszutreten, bedeutet wieder, von den anderen beobachtet und bewertet zu werden.

„Wenn Menschen zusammenstehen, denkt jeder, dass der andere eingreifen könnte und am Ende macht es niemand.“ Georges Steffgen, Professor für Psychologie

Menschen sind doch überall Beurteilungen ausgesetzt – in der Schule, am Arbeitsplatz, im Sport…
Das sind ja noch einmal andere Formen der Beurteilungen. In der Schule werden die Leistungen beurteilt. Die haben zwar auch einen Effekt auf das Selbstwertgefühl, trotzdem sind sie etwas anderes als direkte soziale Beurteilungen. Für die Entwicklung eines Menschen ist soziale Kontrolle und auch Aufmerksamkeit von anderen sehr wichtig. Doch das Selbstwertgefühl infrage zu stellen, ist für die meisten schwierig. Wenn meine Studenten meine Veranstaltung schlecht finden, ist das nicht gerade selbstwertaufbauend. Dann muss ich damit umgehen, dass mich jemand kritisiert. Das ist nicht einfach. Da ist die klassische Strategie, Kritik oder die Situation zu vermeiden und uns so zu verhalten, dass niemand etwas zu kritisieren hat. (Foto: Fabrizio Pizzolante/Editpress)

Wie weit geht der Begriff der Zivilcourage?
Wenn jemand auf der Straße oder in der Bahn verprügelt wird, können wir einschreiten oder auch nicht. Tun wir es, nennt man es Zivilcourage. Doch wenn ich merke, dass jemand ungerecht behandelt wird – auf der Arbeit, in der Schule -, und man ist eigentlich nicht daran beteiligt, fällt es auch unter Zivilcourage, wenn man sich dafür einsetzt, dass es gerechter zugehen soll. Wenn man zum Beispiel eingreift, wenn ein Kollege oder Mitschüler gemobbt wird.

„Eine Grundvoraussetzung, um couragiert handeln zu können, ist, dass man bedrohliche Situationen überhaupt erkennt.“ Georges Steffgen, Professor für Psychologie

Gibt es bestimmte Typen von Menschen, die Zivilcourage beweisen?
In der Literatur sind drei Personenfaktoren genannt: Personen, die eine geringe soziale Ängstlichkeit besitzen, die leicht auf andere zugehen können und keine sozialen Befürchtungen haben sich zu blamieren. Dann Personen, die sich in andere hineinversetzen können und zwar nicht nur kognitiv, sondern auch emotional. Und Personen mit einem guten Selbstbewusstsein. Wichtig ist auch die Bereitschaft, soziale Verantwortung zu übernehmen, es muss einem also wichtig sein, etwas für andere zu tun.

Gibt es richtiges oder falsches Eingreifen in einer Situation?
Am erfolgversprechendsten ist es wahrscheinlich so zu handeln, dass eine Situation nicht eskaliert. Man sollte gelassen und umsichtig reagieren.

Kann man das lernen?
Es gibt Kurse, in denen man Möglichkeiten kennenlernt, einzugreifen. Manche Menschen können das intuitiv, was sicherlich mit der Erziehung zu tun hat. Aber es spielt auch eine Rolle, wie Menschen eine Situation beurteilen. Ein Problem, das sich immer wieder stellt, ist, dass Leute Situationen nicht angemessen erfassen. Es kann passieren, dass Leute im Bus oder in der Bahn sitzen und nicht mitbekommen, dass hinter ihnen jemand belästigt wird. Doch eine Grundvoraussetzung, um couragiert handeln zu können, ist, dass man bedrohliche Situationen überhaupt erkennt.

Ignorieren Menschen bedrohliche Situationen, um sich nicht einmischen zu müssen?
Sicher. Das passiert, weil sich niemand in private Situationen einmischen möchte. Genauso wenig, wie Menschen sich einmischen, wenn beim Nachbarn etwas in der Wohnung passiert, mischen sie sich ein, wenn etwas auf der Straße passiert.

Foto: polizei-beratung.de

Foto: polizei-beratung.de

Kommt dann aber nicht das schlechte Gewissen?
Viele Situationen biegt man sich danach so hin, dass man damit leben kann. Ich will gar nicht wissen, wie häufig ich mir die Realität schon zurechtgebogen habe. Diese Strategie ist bei jedem wiederzufinden. Wir leben in einer Gesellschaft, die stark dadurch geprägt ist, dass jeder zuerst einmal auf sich selbst achtet. Die Sicht auf uns ist immer individuell, nicht gesellschaftlich. Da fällt es sicherlich schwerer, sich für andere und eventuell sogar Fremde einzusetzen.

Können wir das ändern?
Situationen, in den zivilcouragiertes Verhalten erfolgen könnte, sind in unserem Alltag vielfältig gegeben. Da wird eine Kollegin heruntergeputzt oder etwas auf dem Flur weiter erzählt, was nicht stimmt. In diesen überschaubaren Situationen können wir ruhig aktiv werden. Wenn man das Opfer kennt, ist es auch leichter einzugreifen.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?