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Einfach mal machen

Kindern und Jugendlichen die Welten der Chemie, Physik und Mathematik nahe zu bringen, ist nicht so einfach. Gut, dass es das interaktive naturwissenschaftliche Projekt „PINS“ gibt. Bei ihm darf sich jeder wie ein echter Forscher fühlen.

Muriel Nossem hat es eilig. Bevor die Kinder kommen, soll das meiste bereits aufgebaut sein. Deshalb holen sie und ihr Kollege Roland Damiani schnell die Kisten aus dem Transporter und verteilen einen Haufen Utensilien auf bereitgestellten Tischen: Becher, Gläser, Sirup, ein Behälter mit Trockeneis, Boxen mit einer Holzkugelbahn zum Zusammenbauen, Helme, Feuerholz, Zylinder mit Löchern, eine Wasserdampfmaschine, und vieles mehr. Die Kids sollen gleich loslegen können und nicht erst lange warten. Zwar haben sie zwei Stunden Zeit, aber auch die sind schnell um, weiß die Naturpädagogin aus Erfahrung. „Besser also, wenn sie direkt anfangen können.“

Das Programm heute ist etwas anders als sonst. Wenn das „PINS-on-wheels“-Mobil kommt, geht es normalerweise um ein Thema, in das sich die Teilnehmer vertiefen können. Zuerst werden sie langsam herangeführt, anschießend können sie selbst ausprobieren. Heute aber muss es schnell gehen. Die Presse ist da, und die Pädagogen wollen gleich mehrere Phänomene präsentieren. Als erstes: Bubble Tea selbst gemacht. Die Kinder freuen sich schon. Mit dem Begriff Bubble Tea können sie etwas anfangen. Der große Hype um das Süßgetränk ist zwar schon um, aber kleine Kügelchen, die beim Raufbeißen zerplatzen, machen immer Spaß.

Der große Hype um das Süßgetränk ist zwar schon um, aber kleine Kügelchen, die beim Raufbeißen zerplatzen, machen immer Spaß.

Muriel Nossem erklärt den Kindern kurz, worauf es ankommt. Dann darf sich jeder einen Sirup oder Saft aussuchen, der mit Sodium Alginate, einem Geliermittel, angedickt wird. Wird diese Mischung tröpfchenweise in ein Gemisch aus Wasser und dem Salz Kalziumlaktat gegeben, entstehen die charakteristischen Bubbles. Mit Wasser oder Eistee vermischt sowie einer Portion Trockeneis sieht es aus wie ein Zaubertrank. Die Kinder finden es toll.

Strömungslehre kann auch Spaß machen…

Doch lange genießen dürfen sie nicht, gleich geht’s weiter mit einem völlig anderen Thema: Wirbel und wie sie entstehen. Roland Damiani füllt dafür etwas Wasserdampf in einen großen Zylinder mit kreisrundem Loch. Anschließend schlägt er von unten dagegen wie auf eine Trommel. Und schon schießen blitzschnell perfekt runde Dampfkringel meterweit durch die Luft. Erst als sie nach etwa fünf Metern langsamer werden, lösen sich die Kringel auf. Die Kids sind begeistert. Mithilfe einer winzigen Portion Wasserdampf wurde ein Phänomen sichtbar, das andauernd und überall geschieht, aber nie zu sehen ist. Roland Damiani erzählt, dass auch Flugzeuge Verwirbelungen produzieren und diese der Grund seien, warum sie in ausreichendem Abstand zueinander fliegen müssen: damit sie von den Wirbeln der anderen Flugzeuge nicht aus der Bahn geworfen werden.

Dann erzeugt er in zwei Flaschen, die an den Öffnungen miteinander verbunden sind, einen großen Strudel. Dazu dreht er die zur Hälfte mit Wasser gefüllten Flaschen um und schüttelt sie ein paar Mal in schnellen Kreisbewegungen. So läuft das Wasser in einem Strudel von der oberen in die untere Flasche hinein. Und auch, als er mit der Drehbewegung aufhört, setzt sie sich im Innern der Flasche fort. Es sieht aus wie ein Tornado, das Wasser dreht sich allerdings nur beim Auslaufen aus der oberen Flasche. Beim Ankommen in der unteren hat es sich beruhigt.

Strömungslehre als Teil der Physik ist nicht unbedingt der Hit im Schulunterricht. Aber nicht nur das. Bereits seit Jahren scheinen Kinder und Jugendliche generell zunehmend weniger übrig zu haben für naturwissenschaftliche Themenbereiche. Chemie, Physik und Mathematik gelten bei den meisten Schulkindern als trocken und sehr schwierig, weshalb sie eher unbeliebt sind. Genau das will „PINS“ ändern. Seit zehn Jahren bietet die asbl deshalb Workshops an, mit denen junge Menschen an die Welt der Wissenschaften herangeführt werden, ohne gleich die Haare zu raufen. „Learning by doing“, lautet die Devise. Denn so lernt es sich am besten. Das wissen auch die Akteure von „PINS“. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, die meisten haben jedoch eine pädagogische oder naturwissenschaftliche Ausbildung. „Es gibt in diesem Bereich so viel zu entdecken“, sagt Muriel Nossem.

Strömungslehre als Teil der Physik ist nicht unbedingt der Hit im Schulunterricht.

Auch für die Pädagogen selbst. Denn Erwachsene können ebenso Spaß daran haben, Dinge auszuprobieren und Experimente durchzuführen. Kürzlich erst hat Nossem „Cuboro“ entdeckt, ein System an Holzbausteinen, mit denen man eine Kugelbahn baut. Der Clou daran ist, dass die Kugel nicht nur in ausgefrästen Bahnen auf den Bausteinen laufen kann. In vielen Steinen befindet sich die Bahn mittendrin. Beim Bauen kommt es also darauf an, einen funktionierenden Weg zu finden, der abwärts führt, dabei aber teilweise unterirdisch verläuft. Da ist vor allem dreidimensionales Denken und Kombinieren gefragt. Bei jedem Kind, das die Bausteine ausprobiert, steht Muriel Nossem aufgeregt daneben. Sie kann es kaum erwarten, bis die erste Kugel rollt und sich offenbart, ob der Bau geglückt ist oder nicht.

Verwirbelungen in der Luft gibt es andauernd, mit Wasserdampf werden sie sichtbar.

„Wir können hier Sachen machen, für die in der Schule keine Zeit bleibt“, sagt sie. „Wenn die Kinder diese Experimente durchführen und mit ihren Händen etwas herstellen, dann bekommen sie auch gleich einen ganz anderen Bezug dazu.“ Einen echten Lehrauftrag sehen Nossem und Damiani in ihrem Tun aber nicht unbedingt. „PINS“ möchte die Schule nicht ersetzen, sondern vielmehr einen Beitrag dazu leisten, dass sich Kinder und Jugendliche mehr dafür interessieren, was um sie herum passiert und was sie selbst dabei tun können. Deshalb sind die Experimente, die PINS anbietet, auch keine abgehobenen physikalischen oder chemischen Sonderfälle. Vielmehr geht es immer um den Erfahrungshorizont der Kinder, an dem angeknüpft wird.

Wenn Roland Damiani ihnen zum Beispiel zeigt, welchen Aufwand Menschen in früheren Zeiten betreiben mussten, um ein Feuer anzuzünden, bekommen sie nicht nur ein Gespür dafür, wie viel Arbeit das war, sondern können es auch gleich selbst probieren. Und beim Herstellen des eigenen Bubble Teas erfahren sie, dass es natürliche Ursachen dafür gibt, dass sich Flüssigkeiten von anderen abgrenzen und kleine Kügelchen bilden.

Bubble Tea und Trockeneis –
fertig ist der Zaubertrank.

Roland Damiani hat bis vor Kurzem als Mediator im neuen Differdinger Science Center Workshops und Vorführungen geleitet. Doch das Science Center, sagt er, sei eine ganz andere Hausnummer. Er sieht „PINS“ nicht als Konkurrenz, sondern eher als Unterstützung bei einer gemeinsamen Aufgabe. Zudem sei das Konzept ein völlig anderes. Ein Vorteil von „PINS“ ist natürlich, dass die Workshops überall im Land stattfinden können, dank der Unterstützung der André-Losch-Stiftung konnte kürzlich sogar ein Transporter angeschafft werden, mit eigenem „PINS“-Schriftzug und viel Stauraum für die Materialien.

„Vorher mussten wir unser Zeug immer in Privatautos durch die Gegend fahren“, erzählt Muriel Nossem, „die wir natürlich zu Hause immerzu ein- und wieder ausräumen mussten. Jetzt haben wir alles in einem Auto, und da können wir es auch drin lassen.“ Etwa zwei- bis dreimal im Monat fährt das „PINS-on-wheels“-Mobil zu den gebuchten Workshops. „Wir müssen leider immer wieder Interessenten absagen, weil wir es nicht hinbekommen, öfter zu fahren“, bedauert sie. Doch die Arbeit bei PINS ist ehrenamtlich, alle Betreuer haben hauptberuflich noch anderes zu tun.

Gemeinsam mit dem SNJ (Service National de la Jeunesse) richtet „PINS“ auch in diesem Jahr wieder das „Science Summer Splash“ aus, ein mehrtägiges Camp für Jugendliche am Stausee, bei dem sportliche mit wissenschaftlichen Aktivitäten kombiniert werden. Die 25 Plätze waren im Nu weg. Doch es lohnt sich bestimmt, sich den Termin fürs nächste Jahr vorzumerken.

Fotos: Julien Garroy (Editpress)

Roland Damiani und Muriel Nossem sind zwei der zahlreichen Wissensvermittler, die sich ehrenamtlich engagieren.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

 

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Author: Philippe Reuter

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