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Einfach umwerfend

Von wegen verrucht, unanständig und schmuddelig! Pole Dance wird noch oft mit Table-Dance-Stripperinnen aus dubiosen Nachtclubs in Verbindung gebracht. Mittlerweile gehört der Tanz an der Stange aber zu den neuen Trendsportarten.

Fotos: Anne Lommel, Pixabay

Mit Schwung dreht sie sich in akrobatischen Figuren um die Stange. Die Drehungen werden immer schneller und schon hängt Laetitia kopfüber am Metallstab. Beeindruckend. Mit großer Präzision verknüpfen sich ganz elegant Spins, Climbings und Inverts. Sind Ihnen diese Begriffe unbekannt? Dann sind Sie sicherlich dem Stangentanz noch nicht verfallen. Vergessen Sie Aerobic, Zumba und Pilates, die neue Trendsportart nennt sich Pole Dance.

„Im Internet bin ich auf ein Video von Felix Cane (eine der bekanntesten Pole-Dance-Meisterinnen weltweit) gestoßen“, verrät Laetitia Lhuillier „Ich war begeistert und hab mir gedacht: Das musst du unbedingt auch ausprobieren.“ Fünf Jahre ist das schon her. Damals gab es hierzulande nur ein Kurs im Pole Dance, im hauptstädtischen Bahnhofsviertel. Undenkbar, finden viele. Nach wie vor wird Pole Dance mit kritischen Blicken betrachtet. Zu Unrecht. Hier räkelt sich niemand lasziv und leicht bekleidet in einem schmuddeligen Striplokal an der Stange. Doch Vorurteile sind oft hartnäckig, das weiß auch Nathalie Kill, die das Pole Dancing schon 2011 für sich entdeckte: „Ich wurde schon öfters mit komischen Bemerkungen konfrontiert. Wenn die Leute erfahren, dass ich Pole Dance mache, kommen Sprüche wie: Dann mach uns doch jetzt mal eine Show hier. Die meisten haben einfach keine Ahnung, um was es sich beim Pole Dancing eigentlich handelt.“

Pole Dance wird oft mit Table Dance verwechselt. Der Tanz mit der Stange hat einen schlechten Ruf, und es ist nicht leicht, zu seiner Leidenschaft für den Stangentanz zu stehen. Die 37-jährige Sandrine Pompidou war vor zehn Jahren Anwältin, als sie sich in die Hochleistungsakrobatik an der Stange verliebte. Lange aber hielt sie ihr Hobby geheim. „Ich hatte keine Lust auf dumme Sprüche morgens an der Kaffeemaschine.“ Heute steht sie zu ihrer Leidenschaft und bietet sogar Pole Dance Kurse in Differdange an. „Eine meiner Schülerinnen meinte kürzlich, ihr Mann würde nicht verstehen, was sie eigentlich in einem Pole-Dance-Kurs zu suchen habe“, sagt Sandrine Pompidou. „Er würde das Konzept nicht verstehen und frage sich, was das eigentlich mit Sport zu tun habe.“
Pole Dance hat sich im Zwölften Jahrhundert aus der traditionellen asiatischen Akrobatik heraus entwickelt und wurde von Männern betrieben, die dem Publikum eine Show in Zirkuszelten anboten. In den 20er Jahren wurde Pole Dancing in Amerika und in Kanada zum Symbol für Stripclubs. Hier wird überwiegend ein männliches Publikum angesprochen, das großes Gefallen an den schönen Striptänzerinnen hat.

Erst in den 90er beginnt der Wandel zu einer Form von Fitness. „Es handelt sich um eine neue Entwicklung. Eine Demokratisierung“, sagt Sandrine Pompidou. „Pole Dancing geht jetzt in Richtung Turnsport und Gymnastikdarbietung.“
Verlangt wird vor allem viel Ausdauer, aber auch Kraft und Flexibilität. Die Stange wird zum Fitnessgerät, bei der die einfachste Drehung eine große Körperspannung verlangt. „Wir trainieren den ganzen Körper. Von Kopf bis Fuß. Die Schultern werden breiter, die Bauch- und Rückenmuskeln entwickeln sich. Oberschenkel und Arme werden muskulöser“, erklärt Sandrine Pompidou. „Es handelt sich um einen Sportart, die sowohl Disziplin wie auch Ausdauer verlangt. Ein bisschen wie bei einem Bodybuilder. Hört er auf zu trainieren, verliert er innerhalb von sechs Monaten seine gesamte Muskelmasse. Beim Pole Dance ist es ähnlich. Erfolge gibt es nicht sofort. Die ersten Figuren beherrscht man im Durchschnitt erst nach sechs Monaten Training.“

Nach wie vor wird Pole Dance mit kritischen Blicken betrachtet. Zu Unrecht.

Immer mehr Frauen wollen in einer entspannten Atmosphäre den Pole Fitness erlernen. Dazu tragen auch die Massenmedien bei, die dem einst unanständigen Stangentanz ein neues Image verpassen. Weltweit finden auch immer mehr professionelle Wettkämpfe statt, Pole Dance Champions wie Felix Cane werden zu Stars und der internationale Pole Dance Verband gibt sich jede Menge Mühe, damit dass Pole Dance als offizielle Sportart vom „Internationalen Olympischen Komitee“ anerkannt wird. Pole-Dance-Kurse lassen sich in Luxemburg zwar noch an einer Hand abzählen, aber im Ausland boomt das Geschäft. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 150 Pole Dance Studios.
„Die Frauen wünschen sich eine spielerische, sportliche Aktivität die an sie angepasst ist“, weiß Sandrine Pompidou. „Viele Frauen finden oder entdecken durch diese Sportart ihre Weiblichkeit und ihr Selbstbewusstsein. Sie lernen ihren Körper kennen und schätzen. Es ist nicht immer einfach seinen Körper so zu akzeptieren wie er ist. Pole Dancing stärkt das Selbstvertrauen.“

Wer Hemmungen hat sich auszuziehen, sollte lieber auf das Einschreiben in einem Pole Dance Kurs verzichten. Hier wird nämlich viel Haut gezeigt. Das hat aber auch einen guten Grund. Mit Kleidern rutscht man von der Stange ab. Die Haut bietet den nötigen Halt. „Wir zeigen nicht mehr Haut als jene, die zum Schwimmbad gehen oder Gymnastikkurse besuchen“, möchte Nathalie Kill klarstellen.
Pole Dance ist vor allem eine sportliche oder künstlerische Herausforderung, die grundsätzlich für alle geeignet ist. „Man muss viel trainieren. Es kommt nichts von nichts“, warnt Laetitia Lhuillier „Es ist ein ganzheitlicher Sport. Intensiv und vollständig.“

HAUPTBEGRIFFE DES POLE DANCE
Floorwork: Bezeichnet alle Figuren mit Bodenkontakt die an der Stange ausgeführt werden.
Climbs: Es handelt sich um Kletterfiguren. Hier geht es also die Stange hoch.
Tricks: Figuren an der Stange ohne Bodenkontakt.
Spins (Drehungen): Die Figuren werden im Drehen durchgeführt.
Inverts: Kopfüberfiguren.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: alommel

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