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Einfältige Einstufung

„2 mal 3 macht 4 – widdewiddewitt und 3 macht 9e! Ich mach’ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt.“ Der Text zum Gassenhauer der Kinderbuchfigur Pippi Langstrumpf erlangt in Corona-Zeiten ungewohnt viel an Aktualität. Denn viele – egal ob Belgien, die Schweiz oder das deutsche Robert Koch-Institut (RKI) – mutieren zu einer Art „Graf Zahl“ der Pandemie und maßen sich die Deutungshoheit der Luxemburger Zahlen in Sachen Corona-Neuinfektionen an. Das Problem: Sie sind auf einem Corona-Auge blind. Natürlich sind die Luxemburger Zahlen nicht zu beschönigen und es ist in den letzten Wochen zu einer steigenden Zahl von Neuinfektionen gekommen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber diese nackten Zahlen reichen als Erkenntnis nicht aus, um die Lage der Pandemie hierzulande richtig einstufen zu können.

Ein zweiter Parameter – nämlich die Anzahl an durchgeführten Tests – spielt eine gewichtige Rolle, um sich ein unverfälschtes Bild zu verschaffen. Leider scheint in einer Welt voller Pandemie-News der gesunde Menschenverstand schnell auf dem Thron des vermeintlichen Schutzes der eigenen Bevölkerung geopfert. Anders ist das Einstufen Luxemburgs von verschiedenen Ländern als Corona-Risikogebiet nämlich nicht zu erklären. Aber Butter bei die Fische: Hierzulande – und das dürfte mittlerweile jeder mitbekommen haben – wird massiv getestet und vergleichsweise viel mehr als in den Ländern, die Luxemburg anprangern. Bis letzten Freitag wurden insgesamt 375.256 Tests hierzulande durchgeführt. 303.951 bei Einwohnern und 71.305 Grenzgängern. In Deutschland, als Gegenbeispiel, wurden bislang knapp 6,4 Millionen Tests durchgeführt, bei einer Bevölkerung von 83,2 Millionen Einwohnern. Rechnet man die Anzahl der Tests auf die Gesamtbevölkerung hoch, testet Luxemburg also fast sechsmal mehr als Deutschland. Belgien und Schweiz testen noch weniger.

 

Rechnet man die Anzahl der Tests auf die Gesamtbevölkerung hoch, testet Luxemburg fast sechsmal mehr als Deutschland.

 

In Deutschland werden die Stimmen gegen die Entscheidung des RKI, Luxemburg als Risikogebiet einzustufen, lauter. Joachim Streit, Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm und Spitzenkandidat der Freien Wähler Rheinland-Pfalz, hat sich zum Beispiel in einem offenen Brief an das RKI und an den deutschen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gewandt, wo er unter anderem folgendes präzisiert: „In der letzten Woche testeten die Luxemburger an einem Tag 12.144 Personen, davon waren 163 mit COVID-19 infiziert. In der Relation ist es 1,34 Prozent. Ein Wert, der im Rahmen der normalen Parameter liegt. Wir zählen im Eifelkreis seit März 231 Infizierte bei 5.400 Getesteten, haben also eine Relation von 4,28 Prozent.“ Man könne Luxemburg nicht nach „normalen deutschen Testmaßstäben“, betrachten argumentiert der Landrat weiter.

Auch wenn davon auszugehen ist, dass dieser Brief wenig am Umgang mit Luxemburg ändern wird, so zeigt er zumindest, dass die Luxemburger Strategie mit flächendeckenden Tests auch Anklang findet. Luxemburg geht in Sachen Krisenbewältigung einen Sonderweg, genau wie Schweden. Die Luxemburger Variante ist aber eine weitaus weniger risikofreudige, und das kann man eigentlich nur begrüßen.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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