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Einmal Nordkorea und zurück…

Unübersehbar: Der Personenkult spielt im nordkoreanischen System eine zentrale Rolle.

Ein ausgeprägter geografischer Entdeckerdrang und ein starkes Solidaritätsgefühls der unterdrückten Bevölkerung gegenüber waren ausschlaggebend für den Entschluss, zwei Wochen lang Nordkorea, einen der am stärksten abgeschotteten Staaten der Erde, zu besuchen.

Text und Fotos: Nils Leches

Als der Zug die Freundschaftsbrücke über den Yalu-Fluss in Richtung der chinesischen Grenzstadt Dandong überquert, kullern dicke Regentropfen am Fenster des Zuges herab, mit verblüffender Änhlichkeit zu den Schweißperlen, die sich in den vergangenen zwei Stunden bei der Grenzkontrolle der nordkoreanischen Zollbeamten auf meiner Stirn gebildet haben. Die lokalen Geldscheine in meinem Koffer bleiben unentdeckt. Deren Fund wäre ein guter Grund, mir die Ausreise zu verweigern.

Auch ohne diese Ausreisekontrolle- ein Aufenthalt in Nordkorea ist auf jedenfall eine unvergleichliche Grenzerfahrung. Besuche sind für westliche Touristen erst seit einem knappen Jahrzehnt möglich und sollten auf keinen Fall blauäugig angegangen werden. Der bizarre Personenkult, ein repressives politisches System, die bedrohliche Rundum-Überwachung und die ständigen Propagandaversuche verlangen einem nämlich mental so einiges ab. Freiheit ist hier eine Illusion und als Tourist fühlt man sich wie ein Gefangener im Freilichtgefängnis. Die eigenartige Vergötterung der Machthaber Nordkoreas wird gleich nach meiner Ankunft deutlich, als ich mich nach einer Blumenniederlegung vor den beiden 20 Meter hohen Bronze-Statuen der verstorbenen Präsidenten verneigen muss. Dieser auf Ausländer eher skurril wirkende Personenkult zeigt sich auch darin, dass die Bevölkerung ihre Präsidenten liebevoll als „die Sonne“ bezeichnet. Irgendwie scheint sich dies zumindest aufs Wetter auszuwirken, denn mit Ausnahme des letzten Tages war während der zwei Wochen in Nordkorea der Himmel fast immer wolkenlos.

Stadion 1. Mai in Pyongyang: Mit 114.000 Plätzen ist die Anlage das größte Stadion der Welt.

Mein Hotel in Pyongyang liegt auf einer Insel inmitten des Taedong-Flusses, und meine beiden Aufpasser warnen mich davor, mich allzuweit davon zu entfernen, zu meinem eigenen Schutz natürlich. Der unkonventionelle Einstieg in dieses Land verschafft mir eine schlaflose Nacht, und eine unheimliche Melodie zu Tagesbeginn, die als Weckruf in der ganzen Stadt ertönt, verstärkt mein ungutes Gefühl. Wenigstens fahren wir an diesem Morgen gleich aufs Land, weg von der bedrückenden Großstadtstimmung und besuchen eine konfuzianische Akademie aus dem 16. Jahrhundert: Sokdamgugok. Das idyllische Tal im Südwesten des Landes dient heute angeblich als Erholungsgebiet. Ich frage mich nur, wo sich all die Erholenden an diesem sonnigen Sonntagmittag aufhalten?

Am Folgetag besuchen wir die ehemalige Kaiserstadt Kaesong im Süden, mit seinen Tempelanlagen und ursprünglichem Stadtkern. Auch hier sind kaum Menschen zu sehen. Meine Reiseleiterin zerrt mich wiederholt in einen der Souvenirläden, die einzigen Geschäfte, die ich überhaupt betreten darf. Zu ihrer Verärgerung hält sich meine Kauflust jedoch eher in Grenzen. Die grasbewachsenen Grabhügel des Königs Kongmin lassen mich meine Begleiter für einen kurzen Moment vergessen, und die schöne Bergkulisse wirkt beruhigend. Ich atme ein erstes Mal für einen kurzen Moment durch.

Freiheit ist für die Menschen hier schon lange nur noch Illusion.

Der Montag steht im Zeichen eines nationalen Feiertages, dem 85. Jahrestag der Gründung der nordkoreanischen Volksarmee. Die Teilnahme am Massentanz lehne ich ab, was meine Aufpasser wieder in Rage versetzt. Man kauft mir meinen Vorwand des mangelnden Talents jedoch ab. Solche Massenveranstaltungen sind in Nordkorea nichts Ungewöhnliches und stärken die Juche-Auffassung, dass sich der Mensch nur in der Volksmasse richtig entfalten kann. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist zweifellos der anschließende Theaterbesuch. Nach der emotionalen Darstellung des Märtyrertods eines Nordkoreaners im Kampf gegen die Amerikaner und des endgültigen Triumphs des Sozialismus über den Kapitalismus stehen den Besuchern Tränen der Rührung in den Augen.

Ikonisch: Die Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

Geschichtlich: Eine Lesehalle der konfuzianischen Akademie in Sokdamgugok.

Die drei nächsten Tage entdecke ich die Küstenregion im Osten des Landes. Erste Station ist die streng bewachte Grenze zu Südkorea, an der sich koreanische und amerikanische Soldaten gegenüber stehen. Hier spürt man förmlich den immer noch herrschenden Kriegszustand (1953 wurde lediglich ein Waffenstillstand, jedoch kein Friedensabkommen unterzeichnet). Meine Reiseleiterin hat es jedoch eilig, als der israelische Korea-Veteran vom Krieg erzählt. Die Fahrt geht anschließend ins Kumgang-Gebirge, wo wir eine halbtägige Wanderung in einer atemberaubenden Landschaft unternehmen. Meine Unterkunft ist stromlos und wieder einmal menschenleer. Alleine in einem 200-Zimmer-Hotel zu sein, erinnert mich irgendwie an Stanley Kubricks „The Shining“.

Nordkoreas Natur: Das Kumgang-Gebirge im Südosten des Landes.

Entlang paradiesischer Sandstrände führt uns der Weg in die trostlose Industriestadt Hamhung im Nordosten. Die zweitgrößte Stadt Nordkoreas beherbergt einige wichtige, staatliche Wirtschaftsbetriebe und kulturelle Einrichtungen. Die lange Fahrt ins schöne Hinterland zum Steinfluss am Pujon-Berg lohnt sich, wenn auch nur kurz. Zur Feier des 1. Mai, dem Tag der Arbeit, verbringen wir unsere Zeit inmitten der nordkoreanischen Elite bei einer Spiel- und Spaßveranstaltung, die mich stark an „Brot und Zirkusspiele“ erinnert, womit bereits die Römer ihre Untertanen gehorsam hielten. Natürlich verweigere ich auch hier jegliche Teilnahme, was meine Aufpasser dermaßen verärgert, dass die ohnehin bereits angeknackste Stimmung ihren Tiefpunkt erreicht. Meine mentale Belastbarkeit ist überschritten, und es verbleiben noch drei weitere Tage unter den wachsamen Augen des Regimes.

Die lange Fahrt ins schöne Hinterland zum Steinfluss am Pujon-Berg lohnt sich, wenn auch nur kurz.

Nächster Halt: das Myohyang-Gebirge im Norden. Neben einer schönen Wanderung steht hier der Besuch der Freundschaftsaus-stellung im Mittelpunkt. In diesem gigantischen Museum stehen die Gastgeschenke aus aller Welt an die Führer des Landes. Neben den vier luxemburgischen Geschenken unbekannter Herkunft – zwei bemalten Bierkrügen, einem Wandteller und einem Bild der Minetter Stahlindustrie – gibt es beispielsweise auch die Basketballtrikots von Dennis Rodman zu bewundern. Anschließend besuchen wir den gut erhaltenen buddhistischen Pohyon-Tempel, wo noch einige wenige buddhistische Mönsche leben, denn viele gibt es nicht mehr in Nordkorea, das keine Staatsreligion besitzt. Die beiden letzten Tage führen mich in den Westen, nach Nampo, wo wir eine veraltete Düngemittelfabrik, einen Staudamm und einen weiteren Tempel besuchen. Zurück in Pyongyang zeigt man mir noch schnell eine Vorzeigeschule der Elite, in der die Lehrenden gefilmt und kontrolliert werden und die Kinder mit Hilfe von Kriegsfotos zu anti-amerikanischen und anti-japanischen Patrioten heranwachsen sollen.

Aussicht: Blick auf Pyongyang vom Yanggakdo International Hotel aus.

Am Abschlussabend grillen wir Muscheln und trinken Nussschnaps, doch entspannt ist die Stimmung nicht. Zu ausgelaugt bin ich und erschüttert von dem, was ich die letzten zwei Wochen erlebt und gesehen habe. Ein meisterhaftes Schauspiel, das Reisenden hier geboten wird. Die Entmündigung und ständige Angst eines Fehltritts lassen einen schnell an Schicksale wie das des Otto Warmbier denken. Kontaktaufnahme mit der Lokalbevölkerung ist verboten, genauso wie Bewegungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, regimekritische Bemerkungen und vermeintliche Respektlosigkeiten den Machthabern gegenüber. Freiheit ist für die Menschen hier schon lange nur noch Illusion.

Ich bin erleichtert, als ich am nächsten Tag den Zug nach China besteige und meine Aufpasser endlich wieder los bin. Wären da nur nicht noch diese Schweißperlen auf meiner Stirn bei der Grenzkontrolle vor meiner Ausreise aus Nordkorea…

Autor Nils Leches am Grab von König Kongmin unweit von Kaesong.

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Author: Philippe Reuter

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