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Einsicht in die Einsamkeit

Maren Ades schwarze Komödie Toni Erdmann ist eine feinsinnige Sozialstudie, bei der kein Auge trocken bleibt. Wahrlich kein Trash!

Ihre Welten könnten kaum unterschiedlicher sein: Hier die durchgestylte, karrieregeile Businessfrau, die mit Ende 30 für eine Consulting-Firma in Bukarest arbeitet und ihr durch getaktetes Leben ihrem Aufstieg verschrieben hat, dort ihr 65-jähriger Vater, ein verschrobener Alt-68er-Lehrer mit abgehalfterter Baumwolltasche über der Schulter, für den Humor die Lebensphilosophie schlechthin zu sein scheint und der gern mal das Lachgebiss aus der Tasche zieht, um seine Umwelt zu unterhalten.

Wer den Trailer zu „Toni Erdmann“ sieht, dürfte zunächst erstmal abgestoßen sein: schlechter deutscher Humor – was soll das denn? Das braucht doch keiner! Ähnliche Vorbehalte hatte wohl auch die Jury bei den 69. Filmfestspielen in Cannes, wo der Film zwar ein Publikumserfolg war, doch leer ausging. Trotzdem schafft es die schräge Tragikomödie, dass die Filmwelt über „Toni Erdmann“ spricht und das Feuilleton sich mit Lob überschlägt.

Und tatsächlich, wer sich auf die schwarze Komödie einlässt, wird überrascht sein angesichts des Tiefgangs des Films. Denn während an der Oberfläche ein grobschlächtiger Witzbold Zoten reisst, entpuppt sich „Toni Erdmann“ nicht nur als Psychogramm einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung, sondern zugleich als Sozialstudie einer Unternehmenswelt, deren aufstiegsversessene Mitarbeiter funktionieren wie in einem Hamsterrad und für ihre Karriere über Leichen gehen. „Sag mal bist Du überhaupt noch ein Mensch?“, wird Vater (Peter Simonischek) seine Tochter Ines (Sandra Hüller) fragen, nachdem er nur einen Ausschnitt aus ihrem Arbeitsalltag geschnuppert hat.

Denn Ines ist als Unternehmensberaterin bei Morrison in Bukarest quasi 24 Stunden per Handy erreichbar und lässt keine Gelegenheit aus, ihren Kunden auch noch nach einem harten Arbeitstag zur Seite zu stehen. Der Auftrag hat Priorität und so muss sie eben auch schonmal mit der Gattin ihres Auftraggebers durch Luxusboutiquen ziehen. Eigentlich läuft alles wie geschmiert, und Ines hat bei der Fülle an Meetings und Präsentationen kaum Zeit, der Einsamkeit Raum zu geben, würde nicht mit einem Mal ihr unkonventioneller Vater zu Besuch kommen und regelrecht in ihr Leben poltern.

Als „schlimmstes Wochenende ihres Lebens“ wird Ines diese Begegnung in einem Club beschreiben – nicht ahnend, dass ihr Vater längst noch nicht aufgegeben hat und als sein Alter Ego „Toni Erdmann“ zurückgekehrt ist. Mit schiefem Lach-Gebiss, Perücke und einem Furzkissen im Gepäck wird Winfried Conradi alias Toni Erdmann sich wahlweise als Coach, Business- oder Geschäftspartner seiner Tochter ausgeben, auf Empfänge hineinplatzen und seine Tochter dabei gnadenlos auflaufen lassen.

Erstaunlicherweise lässt sich Ines auf diese Farce ein, und erst so kommen sich Vater und Tochter wirklich näher. Zweieinhalb Stunden folgt man den Wirrungen dieser verkorksten Vater-Tochter-Beziehung, wird am Ende den schrägen alten Mann, der mit allen Mitteln um die Nähe zu seiner Tochter kämpft, ins Herz geschlossen haben und sich sicher zwei Mal überlegen, ob man bei einer Unternehmensberatung arbeiten will.

Laufzeiten

Toni Erdmann ★★★★★
Regie: Maren Ade/ mit Sandra Hüller, Peter Simonischek, Michael Wittennborn / 162 Min / D/A 2016.

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Author: Philippe Reuter

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