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Eitzi, eitzi

Seit Februar moderiert Jenny Fischbach die neue RTL-Kultur-Talkshow „No Art On Air“. Gäste der ersten Sendung waren Désirée Nosbusch und Gérard Valerius. Es wurde viel gealbert und palavert. Trotzdem: Kultur zur Prime Time ist und bleibt lobenswert.

Fotos: Anne Lommel, RTL

Kleine Länder haben mitunter Vorteile. Jeder kennt (fast) jeden. Man hält zusammen. Zieht an einem Strang. Sollen doch andere ihr Nest beschmutzen. Kritik wird nicht nur ungern ausgeübt, man will einen guten Freund doch nicht verletzen oder bloßstellen, sondern meist auch nicht angenommen. Von Streitkultur kann hierzulande jedenfalls keine Rede sein. Gestritten wird bitteschön in den eigenen vier Wänden, nicht jedoch öffentlich und schon gar nicht vor laufenden Kameras. Was heil ist, soll heil bleiben. Willkommen bei der RTL-Sendung „No Art On Air“.

„Méi RTL“ lautet das Motto des neuen TV-Abendprogramms von RTL Télé Lëtzebuerg. Und so gibt es seit Februar nicht nur mehr Entertainment und News, sondern auch mehr Kultur. Dafür hat sich u.a. Jenny Fischbach eingesetzt, die ihren Job als Moderatorin (und Journalistin) sehr gut macht, denn sie weiß ganz genau, mit wem sie über was redet. Peinliche Momente oder Pannen hat es bislang keine gegeben, und sollte dies irgendwann dennoch der Fall sein, wird die Strahlefrau dies mit ihrem Charme wettmachen. Die charmante Art der Gastgeberin ist in der Tat ein wesentlicher Faktor des Erfolgs der Sendung. Man merkt als Zuschauer deutlich, wie viel Spaß es ihr macht, sich mit ihren Gästen zu unterhalten, und wie wohl sich diese in der Talkrunde fühlen.

Die charmante Art von Gastgeberin Jenny Fischbach ist ein wesentlicher Faktor des Erfolgs von „No Art On Air“.

Ein weiterer Pluspunkt der Sendung ist ihr flexibles Format. In der ersten Folge stellte Claudia Kollwelter ihre persönlichen kulturellen Highlights des kommenden Monats vor. In der zweiten Folge verriet Loïc Tanson seine Favoriten für die Oscar-Verleihung. Auch die Kulisse für „No Art On Air“ – momentan trifft man sich im hauptstädtischen Café „De Gudde Wëllen“ – muss nicht immer dieselbe bleiben. Die Themen wechseln ebenfalls von Woche zu Woche. Nach Désirée Nosbusch (Film, Theater) und Gérard Valerius (Kunst) in der ersten Folge unterhielten sich Gast Waltzing (Musik) und Christiane Kremer (Kulturjournalismus) in der zweiten miteinander. Wie interessant die jeweiligen Gespräche sind, hängt natürlich davon ab, wie interessant und redegewandt die Teilnehmer sind. Leider dauert die Sendung nur 25 Minuten, und daher bleibt vieles ungesagt und von dem Gesagten das meiste an der Oberfläche.

Dennoch: In Zeiten, in denen trotz politischer Schönwetter-Reden sowie Aktions- und Mitmachprogrammen Kultur nach wie vor stiefmütterlich behandelt wird, sind Kultur-Sendungen Gold wert. Woran hingegen gefeilt werden müsste, ist die bereits erwähnte Pflege eines kritischen Geistes. Auch im Luxemburger Kulturbereich läuft beileibe nicht alles perfekt. Dass Jenny Fischbach für die ersten Talkshows nicht sogleich Raunzer und Quertreiber eingeladen hat, ist verständlich. Auf Dauer würde der Zuschauer sich jedoch darüber freuen, auch mal Künstler und Kulturschaffende kennenzulernen, die keinen Grammy zu Hause stehen haben, international weniger erfolgreich sind als Désirée Nosbusch und trotzdem Spannendes zu erzählen haben.

Einstweilen gilt jedoch die Devise: hipp, hipp, hurra! Wir sind wer. Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Stimmt, in kultureller Hinsicht hat Luxemburg sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten von einem Mauerblümchen zu einer Schönheit entwickelt. Sogar in Hollywood weiß man mittlerweile, dass das Großherzogtum weder zu Deutschland noch zu Frankreich oder Belgien gehört. Das muss selbstverständlich gefeiert und immer wieder wiederholt werden. Damit jeder Bescheid weiß. Als wüssten nicht längst alle Bescheid. Egal, als Christiane Kremer vor sieben Jahren mit „Freides-Invité“ auf Sendung ging, hätte die RTL-Kulturjournalistin nicht gedacht, dass sie nach rund 400 Sendungen immer noch „neue“ Interviewpartner finden würde. Was beweist, wie reich die Kulturszene hierzulande ist. Dasselbe wird Jenny Fischbach feststellen. Oder hat es bereits festgestellt.

Wie interessant die Talkrunde ist, hängt davon ab, wie interessant und redegewandt die Gäste der Sendung sind.

In dem recht gewagten Intro von „No Art On Air“ bespritzt Graffiti-Künstler Eric Mangen die Sendungsmacher von Kopf bis Fuß mit weißer (und zum Glück wasserlöslicher) Farbe – ein Hinweis darauf, dass Kreativität und Freigeist in der Sendung groß geschrieben werden. Auch der provokative Titel – „no art“ steht für „no aacht“ – klingt vielversprechend. Mit Provokation hält man sich allerdings (noch) weit, unglaublich weit zurück. Was schade ist. Jetzt ist indes Schluss mit Meckern. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Die Sendung hat Potential. So viel steht fest. In kameratechnischer und visueller Hinsicht ist „No Art On Air“ eine wahre Bereicherung. Und das Allerwichtigste: Es kommt keine Langeweile auf. Im Gegenteil. Gast Waltzing hätte man liebend gern noch eine weitere halbe Stunde lang zugehört, und Christiane Kremer hätte mit Sicherheit noch tausend Anekdoten zu erzählen gewusst.

Demnach haben die Verantwortlichen von RTL Recht, wenn sie behaupten, dass es für vier Stunden Fernsehen pro Tag ein Publikum gibt und dass nicht jeder Streamingdienste bevorzugt. Bleibt nun zu hoffen, dass „No Art On Air“ genauso beliebt wird wie die Quizsendung „Famillenduell“ oder die Übertragung der Champions-League-Spiele.

Donnerstags um 20 Uhr auf RTL Télé Lëtzebuerg.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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