Home » Wissen » Familie » Enthemmt im Netz

Enthemmt im Netz

Eine neue Plattform, die das klassische Mobbing noch potenziert, ist das Cybermobbing. Was Kinder sich gegenseitig im Internet antun, kann Existenzen zerstören. Ein erschreckendes Phänomen, das immer präsenter wird. Fotos: bramgino/Fotolia, François Aussems/Editpress, william87/Fotolia

Als die Attacke aus der Cyberwelt eine hiesige Primärschule, die lieber anonym bleiben möchte, trifft, sind alle Schüler längst zu Hause. Ein Klassenlehrer surft bei Facebook vorbei und stößt eher zufällig auf einen Fall von Cybermobbing. Einer seiner ehemaligen Viertklässler wird hier übel beschimpft und beleidigt. Die Worte werden heftiger, gemeiner. „Es war sogar von einer Eisenstange die Rede, mit der das betroffene Kind demnächst in der Schule verprügelt werden sollte. Auch von ‚viel Spaß beim Schlagen‘ war die Rede“, erinnert sich ein Präsident eines Schulkomitees. Es sei ein Austausch zwischen fünf Schülern gewesen, der sich über ihre Smartphones hochgeschaukelt hat. Von den virtuellen Schikanen hat das betroffene Kind vorerst nichts mitbekommen. Alarmiert von den Konsequenzen und Gefahren des Vorfalls, interveniert der Lehrer direkt: Er macht Screenshots von der Facebook-Seite, informiert das Schulkomitee, den Schulinspektor sowie die Gemeinde. Die Schule beruft eine obligatorische Versammlung für die Eltern und Schüler der betroffenen Klasse ein.

„Wir haben zusammen über den Vorfall diskutiert und ein Aufklärungsvideo über Cybermobbing angeschaut. Vier der Täter haben sogar geweint, weil sie ihre ‚Tat‘ im Nachhinein betreut haben“, erzählt der Lehrer. Als Lektion haben die Eltern anschließend die Handys ihrer Kinder, viele besaßen schon in diesem Alter ein internetfähiges Smartphone, eingezogen. Für die meisten ein harter „Entzug“, schließlich sind die Schüler die erste Genration, für die Handys und Internet so normal sind wie für ihre Eltern Telefon und Fernseher. „Die Eltern waren vom Vorfall überrascht. Sie wussten nicht, was ihre Kinder im Netz alles tun, wie und mit wem sie kommunizieren.“ Dass Jugendliche mindestens 13 Jahre alt sein müssen, um sich bei Facebook anzumelden, sei auch nur wenigen bekannt gewesen.

Der Betroffene ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, den Attacken im Netz ausgesetzt.

Wer glaubt, dass diese Geschichte ein Einzelfall sei, irrt. Das neue Problem, das momentan viele Kinder, Jugendliche, Lehrer und Eltern bewegt, heißt Cybermobbing. Diese Art von Mobbing, auch Cyberbullying genannt, findet nicht im „normalen“ Leben statt, sondern in der virtuellen Welt – das heißt, im Internet oder über Handy. Im Cyberspace werden Kinder und Jugendliche meist von Gleichaltrigen beleidigt, bedroht oder durch peinliche Texte, Fotos und Videos bloßgestellt. Oft werden dafür Internetdienste wie Facebook, Twitter, Instagram oder Chaträume missbraucht, aber auch Nachrichtenplattformen wie WhatsApp oder die soziale Plattform ask.fm – sprich überall dort, wo heute die Kommunikation im Netz stattfindet.

„Wir besuchen mit unseren Trainern jede 7ème im Land. Das ist obligatorisch. Aber auch immer mehr Grundschullehrer kontaktieren uns“, bestätigt Georges Knell. Der Luxemburger Psychologe ist computeraffin und arbeitet hauptberuflich beim Kanner-Jugendtelefon, Partner von Bee Secure. Auf rund 700 Trainingseinheiten in den Schulen kommt diese Aufklärungsinitiative mit ihrem Team pro Jahr. Die Mission: junge Leute im Umgang mit Computer, Internet und Handy zu schulen und zu sensibilisieren.

Da das Internet angeblich ein gewisses Maß an Anonymität ermöglicht, geschieht Cybermobbing auch oft über sogenannte Fakeprofile – beispielsweise, wenn jemand im Namen einer anderen Person, ohne deren Wissen und gegen deren Willen, ein Profil bei Facebook erstellt und dort etwa anstößiges Bildmaterial hochlädt, sodass es für jedermann sichtbar ist. Auch Hassgruppen gegen eine bestimmte Person erfreuen sich bei Mobbingtätern großer Beliebtheit. Unter Jugendlichen kommt es auch immer wieder zu Fällen von „Happy Slapping“ (dt.: fröhliches Schlagen). Hier geht es darum, dass jemand gewalttätige Übergriffe von einem oder mehreren Schülern gegen einen Schulkameraden mit dem Handy filmt und diese Aufnahmen anschließend ins Internet stellt. „Der Kreativität sind im Internet leider kaum Grenzen gesetzt“, bedauert der Bee Secure-Experte.

Gefährlich: „Sexting“ beschreibt das mobile Versenden von Nacktbildern. Kriminell wird es erst, wenn die Aufnahmen gegen den Willen der Betroffenen Bentstehen oder verbreitet werden.

Gefährlich: „Sexting“ beschreibt das mobile Versenden von Nacktbildern. Kriminell wird es erst, wenn die Aufnahmen gegen den Willen der Betroffenen Bentstehen oder verbreitet werden.

Die virtuelle Gewalt ist schnell und nachhaltig: Videos, Fotos und Kommentare, die jemanden bloßstellen, verbreiten sich in sozialen Netzwerken rasant. Zudem bietet das Netz dem Täter einen Vorteil zum klassischen Mobbing: Er erreicht ein größeres Publikum als auf dem Schulhof. Eine weitere Besonderheit: Das Internet schläft nie. Der Betroffene ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, den Attacken ausgesetzt. Jedes Mal, wenn er sein Handy oder seinen Computer anschaltet, muss er mit neuen Angriffen rechnen.

„Der neuste Clou ist Snapchat. Diese App bereitet uns Sorgen.“ Steve Goedert, Kommissar im Bereich Gewaltprävention

Cybermobbing ist ein ernstzunehmendes Problem, das laut Georges Knell auch im Großherzogtum zukünftig eher zunehmen wird und zu den größten Gefahren im Internet gehört. Die letzte Studie über Cybermobbing (u.a. von Prof. Dr. Georges Steffgen) hierzulande stammt von 2010: Sie zeigt, dass zwischen 8 und 10,4 Prozent der Schüler und Studierenden zwischen 12 und 24 Jahren schon einmal Opfer von Cybermobbing waren. 3,8 Prozent bis 4,4 Prozent der Befragten werden sogar regelmäßig (mindestens einmal im Monat bis täglich) im Netz gemobbt. Zudem findet das Mobbing im World Wide Web öfter außerhalb der Schule statt.

Auch Véronique Schaber, Direktorin des hauptstädtischen Lycée technique des Arts et Métiers, kennt die Angriffe aus dem Cyberspace gegen Schüler zur Genüge. SMS oder Chats wie „Morgen komme ich mit meinen Freunden und dann schlage ich dich so richtig zusammen!“ werden meist allzu leichtfertig versendet. Einige Fälle von massiven Cybermobbing hat die Schulleiterin gerade auf ihrem Schreibtisch liegen. „Letzten Sommer habe ich wegen einer Androhung von Gewalt im Netz gegen einen unserer Schüler sogar die Polizei gerufen. Nichts zu unternehmen, ist das Schlimmste“, betont sie. Um gegen die Schikanen aus dem Internet vorzugehen, setzt die Direktorin konsequent auf intensive Gespräche mit Eltern, Täter(n), Opfer(n), SPOS sowie auf Lehrerweiterbildungen und konstruktive Konfliktlösung mithilfe von PeerMediation (siehe auch revue 13/2015).

25.03„Der neueste Clou bei Jugendlichen ist Snapchat. Die App ermöglicht, Fotos und Videos zu versenden, die nur wenige Sekunden sichtbar sind und sich dann selbst zerstören“, erklärt Kommissar Steve Goedert, zuständig für den Bereich Gewaltprävention in Lyzeen und Grundschulen in der Hauptstadt, Walferdingen und Hesperingen. Weil sich die Bilder und Videos zerstören, suggeriert die App ein hohes Maß an Datenschutz. Die sei jedoch nicht gegeben, bedauert der Polizist. Per Screenshot kann man nämlich ein Snapchat-Bild oder Video speichern und so die virtuellen Mobbinggemeinheiten an Freunde weiterleiten. Ein Teufelskreis. Bei schweren Cybermobbingfällen empfiehlt die Polizei, sofort Anzeige zu erstatten. „Laut Luxemburger Strafgesetzbuch ist Cybermobbing per se keine Straftat“, erklärt  Staatsanwältin Anouk Bauer. Die Attacken können jedoch den Tatbestand anderer Straftaten erfüllen wie zum Beispiel Beleidigung, Verleumdung oder Verletzung der Privatsphäre. Da es in Luxemburg keine Strafgesetzgebung für Minderjährige gibt, wird in solchen Fällen das Jugendschutzgesetz angewendet. Mobbingtätern drohen deshalb verschiedene erzieherische Maßnahmen. „Wichtig ist, dass die Minderjährigen, die durch Mobbing auffallen, sich der Schwere ihres Handelns bewusst werden und die Ausmaße für das Opfer erkennen und verstehen“, so die Rechtsexpertin.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?