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Entschleunigtes Reisen

Jenseits von Bali ist auch noch Indonesien. Sehr viel sogar. Irgendwie niedlich klingt das: die Kleinen Sundainseln. Immerhin leben auf der Inselgruppe zwischen Borneo und Australien 12 Millionen Menschen.

Text und Fotos: Markus Kirchgessner

Heimat auf Indonesisch heißt Tanah Air – Land (und) Wasser. Es gibt keine wirkliche Alternative zu einem Schiff, wenn man ein Land bereist, das im Wesentlichen aus Wasser besteht. Die größte Landmasse des indonesischen Archipels ist die Insel Borneo, die drittgrößte Insel der Welt. Der Rest der mehr als 17.000 Inseln – keiner kennt die Zahl so ganz genau – sieht von oben aus wie zerfledderte Papierschiffchen, die die Meeresgötter wie im Spiel auf die Reise geschickt haben. Man kann sie sich gut vorstellen, wie sie vor einigen Millionen Jahren vergnügt am Rand der Welt sitzen, die Füße ins warme Wasser des Pazifik gestreckt, und ihre kleinen und großen Schollen ins Meer entlassen, großzügig ausgestattet wie eine gigantische Flotte von Archen – und einer ordentlichen Zahl aktiver Vulkane, für den Fall, dass die Menschen nicht anständig mit ihren Geschenken umgehen sollten.

In Moyo, einer kleinen Insel im Norden des von den Elementen gründlich zerzauselten Sumbawa, beginnt die Seereise in einen noch wenig erschlossenen Teil des Inselstaates, jenseits von Touristenhorden, Strandparties und genormten Hotelzimmern in Braun und Beige. Die „Ombak Putih“ ist ein eleganter Zweimaster, aus Eisenholz gebaut nach dem Vorbild der legendären Bugis- oder Pinisi-Schoner, die schon seit einigen hundert Jahren mit den „trade winds“ die Meere zwischen Indischem Ozean und Pazifik befahren. Weil Reisende heute aber nicht mehr auf Wind warten können, um ihre Flugzeuge zu erreichen, verlässt man sich lieber auf die zwölf Zylinder eines Mercedes-Motors. Der Schoner ist gerade auf West-Ost-Kurs von Bali nach Flores als uns Dick Bergsma, einer der Eigner des Schiffes, am Nachmittag im Hafen des Dorfes Labuan Aji aufliest. Eine Hand voll hübscher Holzhäuser, die kleinen Grundstücke ordentlich eingezäunt zum Schutz gegen die Raubzüge diebischer Wildschweine, die auf ihrer Futtersuche vor kaum etwas halt machen.

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Vom Sonnendeck aus sieht der Mount Tambora ganz freundlich aus. Ein paar Wölkchen tanzen über seiner Caldera und nur der dunkelgrüne Salzwassersee, Folge eines gewaltigen Tsunamis, im Innern der winzigen Insel Satonda, die wie eine unordentlich getöpferte Obstschale vor der Küste liegt, erinnert daran, dass der Stratovulkan einmal die halbe Welt verdunkelte, als er am 10. April 1815 ausbrach und Tonnen von Asche und Gestein rund um die Erde schickte. Das auf dem Ausbruch folgende Jahr 1816 ging als das Jahr ohne Sommer in die Weltgeschichte ein. Die beiden Bäume am Ufer des Sees tragen sonderbare Früchte: Steine, Knochen, Korallenstücke, ein Kinderschuh an bunten Schnüren. Die Leute aus der Umgebung kommen mit kleinen Booten und großen Hoffnungen hierher. Jedes Ding am Schnürchen steht für einen Wunsch: nach Gesundheit, Kindern, Geld, Glück oder Liebe.

Als am Morgen um sieben Uhr die Ankerkette rasselnd das Ende der Nacht verkündet, hat die Sonne schon eine Stunde lang die vorbeiziehenden Inselketten in alle Schattierungen von Zinn und Graphit getaucht. Im Morgendunst erscheint vage das Dorf Wera an der Ostküste Sumbawas, eine Siedlung der Bugis, die als die kühnsten Seefahrer und besten Schiffsbauer der Welt gelten. Dünne Rauchsäulen steigen zwischen den Häusern auf, verwoben in den Duft der Holzfeuer treibt der Ruf des Imam übers Wasser. In der Bucht vor der Insel dümpeln bunte Einmaster, am Strand liegen hölzerne Körper halbfertiger Pinisi-Boote unter Palmdächern wie Skelette gestrandeter Wale. Noch heute bauen die Schiffbauer, die ursprünglich aus dem Süden Sulawesis stammen, die bis zu 40 Meter langen Gefährte ohne einen schriftlichen Plan.

Die Leute aus der Umgebung kommen mit kleinen Booten und großen Hoffnungen hierher.

Kleine Mädchen, bis auf die perfekten Ovale ihrer hübschen Gesichter verschleiert, posieren keck fürs Foto, Jungen fragen nach Geld und Stiften. Dabei versuchen sie sich im devoten Gesichtermachen. Lange halten sie nicht durch, bis sie über sich selbst lachen müssen. Auf windschiefen Holztischen bieten Frauen Gemüse zum Verkauf an: Tomaten, Auberginen, Bohnen, Zwiebeln, kleine rote Chilies. Opulenz ist anderswo. Die Älteren haben kantige Gesichter, in die das Leben zwischen Wasser und Land seine Geschichten geschliffen hat. Wenig Neues glänzt neben Verwitterndem; seltsam überdimensionierte Treppen, bunt gefliest, führen zu filigranen Holzhäusern auf Stelzen, deren heitere Farben von Regen und Zeit beständig angenagt und vom Wind davongetragen werden.

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Am späten Nachmittag sitzt man bei Dosenbier auf dem schattigen Sonnendeck. Die Welt zieht wie in Bühnenbildern vorbei, langsam und still. Wellen branden gegen ferne Strände, so weiß und unwirklich, dass man sich fortwährend die Augen reiben möchte. Inseln verblassen und lösen sich im Blaugrau dieser Wunderwelt auf, verschwinden irgendwann ganz im gefühlten Nirgendwo, hinter der Kimmlinie, dem Horizont der Seefahrer. Und was, wenn die Erde doch eine Scheibe wäre?

In einer Zeit, in der das Mantra des „Zeit ist Geld“ alle anderen Glaubenssätze abgelöst zu haben scheint und alles schnell erreichbar sein soll, ist das Meer das ideale Medium zur Entschleunigung. Bei sechs Knoten hat auch die Seele endlich Gelegenheit mitzureisen, statt vom üblichen Eindrücke-Overload erschöpft und kopflos hinterherzuhetzen.

Vielleicht hundert Meter neben dem alten Holzsteg am Bootsanleger in Loh Liang auf Komodo sticht eine Stahl- und Holzkonstruktion wie eine Ufo-Landebahn weit ins Meer. In Erwartung des künftigen Ansturmes großer Kreuzfahrtschiffe hat die Regierung dieses Monstrum erst kürzlich ins Meer rammen lassen, doch jetzt, da der Pier verwaist aus dem Meer ins Nichts ragt, wirkt er wie die krause Idee eines megalomanen Rajas in Erwartung einer Armee von Riesen. Wie Überbleibsel aus einer fernen Zeit liegen zwei Komodo-Warane, jeder gut drei Meter lang, schlapp, wie gestrandet, in der Morgensonne. Die Vorderbeine verdreht und weit abgespreizt, saugen sie jeden Sonnenstrahl auf. Bevor sie sich aufgewärmt haben sind die wechselwarmen Reptilien so gut wie unbeweglich. Das ist gut so, denn Empathie scheint ihre Stärke nicht zu sein. Das findet auch unser Guide, ein kleiner Mann mit ernstem Gesicht. Alle paar hundert Meter stellt er sich auf einen Sandhügel, um einen Vortrag über die Lebensweise der Riesenechsen zu halten, den er stets mit den Worten „Like that!” und einem nachdrücklichen Kopfnicken beendet. Mehrfach macht er seinem Missfallen darüber Luft, dass die Waranweibchen zwar auf ihr Gelege aufpassen, für ihre Kinder, wenn sie denn geschlüpft sind, aber wenig Liebe übrig haben, sondern die Kleinen, sowie sie ihrer habhaft werden, einfach auffressen. Erst kürzlich hat ein Team internationaler Wissenschaftler an der Universität Melbourne herausgefunden, dass nicht, wie bisher angenommen, der mit einem Bakterien-Cocktail getränkte Speichel der Riesenechsen zunächst zu einer Blutvergiftung und schließlich zum langsamen Tod führt, sondern dass hierfür ein im Speichel der Jäger gelöstes Nervengift verantwortlich ist, das die Beute schließlich – ganz kommod – zur Strecke bringt.

Bevor sie sich aufgewärmt haben, sind die wechselwarmen Reptilien so gut wie unbeweglich.

Nur wenige Kilometer südlich von Loh Liang liegt der „pink beach“ wie ein surreales Postkarten-Idyll: rosa Korallenstrand säumt kristallklares Wasser in allen Türkistönen unter unwirklich blauem Himmel in augenblendendem Licht. Beim Schnorcheln können sich die Augen vom Licht, nicht aber von den Farben erholen: malkastenbunte Korallen wie aus dem Taucherhandbuch, Fische schwarz-weiß geringelt, zitronengelb, papaya-orange und lapislazuli. Baby-Mantas schweben neugierig im flachen Wasser als wollten sie die zweibeinigen Ungetüme einmal genauer betrachten. Die Tauchgründe Indonesiens zählen nicht zufällig zu den besten der Welt.

Eine knappe Schoner-Stunde entfernt liegt Rinca zwischen den Nachbarinseln Komodo und Flores. Eine dicke Girlande aus Mangroven umfließt die afrikanisch anmutende Savannenlandschaft und sattgrüne Täler, in denen imposant behörnte Wasserbüffel grasen und Javaneraffen in Familienverbänden umherstreifen. Jährlich kommen etwa 45.000 Besucher in den Komodo-Nationalpark, um auf geführten Touren zwischen einer und drei Stunden die Riesenechsen zu sehen. Für die meisten Touristen ist der Besuch ein Tagesausflug, der gerade für eine Insel und dann meist das bekanntere Komodo reicht. Ganz unverdient wird die kleinere Schwester Rinca oft „rechts liegen gelassen“, dabei ist die zerklüftete Insel nicht nur landschaftlich reizvoller, sondern auch von Flores aus flott zu erreichen.

Zum Essen sitzt man auf geflochtenen Matten im Sand.

Auf dem sandigen Zipfel eines namenlosen Eilands haben Gede, unser balinesischer Smutje, und die aus allen Winkeln des Archipels stammende Crew am Abend ein opulentes Buffet aufgetischt: Saté-Spießchen aus Huhn, Rind und Garnelen, bunte Salate, scharfe Sambals, Curries, Reis und Ofenkartoffeln für Heimwehkranke. Öllampen und ein knisterndes Strandfeuer brennen. Hinter uns ist die See schwarz wie Lakritz. Über uns, ganz weit oben, scheint es als haben sich dort für die letzte Nacht auf See alle Sterne dieser Hemisphäre versammelt. Zum Essen sitzt man auf geflochtenen Matten im Sand. Es gibt Dosenbier, eiskalten Weißwein und bittersüße Seemannslieder. Die Lieder, die die Mannschaft in den Nachthimmel singt, handeln vom immer Gleichen: von Heimat und der Sehnsucht nach der Ferne und dem Unbekannten, von der Familie, der Mutter und der Einsamkeit auf See. Es muss ein weltumspannendes Seemannsgen geben, das all die Poesie vom Fernweh und Heimweh, vom Reiz und Kreuz des schwer Erreichbaren hervorbringt. Das charmante Hafenstädtchen Labuanbajo ist das östliche Eingangstor zum Komodo-Nationalpark. Von hier legen Schiffe und Boote in beinahe allen Aggregatzuständen, von luxuriös bis lieber-nicht, für Tagesausflüge und mehrtägige Kreuzfahrten in den Nationalpark ab.

Unsere Reise endet hier mit der Gewissheit, dass der größte Teil des Landes noch zu entdecken ist. Der englische Naturforscher Alfred R. Russell notierte 1856 während seiner Seereise durch den Archipel „Er (der gewöhnliche Engländer) kommt nicht umhin, diese Region als abgelöst vom Rest der Welt zu betrachten; mit seinen ganz eigenen Menschentypen, seinen eigenen Aspekten der Natur, mit seinen eigenen Gefühlen, Bräuchen, Sprachweisen und mit einem Klima, einer Vegetation und einem ganz einzigartigen anregenden Leben, das seinesgleichen sucht.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

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Author: Philippe Reuter

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