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Entzaubert

Eine Prinzessin, ein Elf und ein Dämon gehen in eine Bar – So könnte ein guter Witz beginnen, oder die dritte Zeichentrickserie von Matt Groening. Mit „Disentchantment“ dringt er in einen neuen Bereich vor, kreiert eine unglaublich kreative Welt, um ihre Mauern gleich wieder einzureißen.

Nach Springfield und New New York kommt Dreamland. Fast dreißig Jahre nach dem Debüt der „Simpsons“ (1989) und zwanzig nach dem von „Futurama“ (1999) wechselt Matt Groening von einem familiären zu einem futuristischen und schließlich zu einem fantastischen Setting. Zufall ist das keinesfalls. Mit einer amerikanischen Durchschnittsfamilie kann sich nahezu jeder (aus der westlichen Welt) identifizieren. Kurz vor der Jahrtausendwende auf Scifi zu setzen, war genauso durchdacht. Und wie sieht es im Jahr 2018 aus? Fantasy wird immer beliebter und erreicht mit Serien wie „Games of Thrones“, „Supernatural“ oder „Once Upon a Time“ nicht nur Nerds. Tatsächlich ist das Genre seit dem ersten Quartal dieses Jahres die populärste Kategorie auf der Streaming-Plattform Netflix. Und wo erschien die erste Staffel von „Disentchantment“ nun exklusiv? Genau, auf Netflix, nicht wie bisher auf Fox.

Bei seinem rezenten Projekt erhielt Groening Unterstützung von Josh Weinstein. Letzterer arbeitete nicht nur als Autor für „Gravity Falls“ (2012), sondern schrieb ebenfalls Episoden für „Die Simpsons“ und „Futurama“. Und so scheint es auf den ersten Blick auch, als ob man die ebengenannten drei Sendungen in einen Mixer geworfen und einmal gut durchgemischt hätte. Viele neue Figuren kommen einem verdächtig vertraut vor: Der olivgrüne Elf mit dem rassentypischen Namen Elfo trägt Züge von „Futurama“-Protagonist Philip J. Fry, Dämon Luci nimmt dieselbe Rolle wie dessen bester Freund Bender ein. Selbst König Zøg hat einige Gemeinsamkeiten mit dem metallischen Sidekick. Das liegt aber vor allem daran, dass er von Voice Actor John DiMaggio gesprochen wird, dessen Stimme man automatisch mit dem Roboter assoziiert. Last but not least kommen wir zu Zøgs Sohn, einer gewaltigen (reptiloiden) Mimose, die eine Mischung zwischen Martin Prince und Ralph Wiggum aus den „Simpsons“ darstellt.

Prinzessin Tiabeanie (oder kurz Bean) ist, wenn man so sagen darf, emanzipiert.

Trotz dieser Ähnlichkeiten entwickelt „Disentchantment“ eine eigene Dynamik und wärmt nicht nur Altbekanntes wieder auf. Erfrischend ist beispielsweise, dass sich Groening und Weinstein für eine weibliche Protagonistin entschieden haben. Prinzessin Tiabeanie (oder kurz Bean) ist, wenn man so sagen darf, emanzipiert. Im Grunde genommen ist sie ein „garçon manqué“, wie er im Buche steht. Bean nimmt kein Blatt vor den Mund, schert sich nicht darum, wie man sich als Frau zu benehmen hat und läuft pöbelnd, rülpsend und prügelnd durch die Gegend. Homer Simpson lässt grüßen. Als Prinzessin weigert sie sich, sich verheiraten zu lassen und glaubt nicht an eine Bestimmung, eine bereits ausgelegte Zukunft.

Obwohl sie das Herz am rechten Fleck hat, schlägt sie mehr als einmal über die Stränge, trinkt, nimmt Drogen, stiehlt. Aus Verzweiflung steckt Zøg sie ins Kloster, eine Art mittelalterliche „Rehab“. Doch auch das bringt nichts. „You screwed up as a princess, you screwed up as a nun. Those are the only two girl things I know”, meint der König nüchtern. Damit ist die Sache für ihn gegessen. Außer Rand und Band ist Bean erst seit dem Tod ihrer Mutter. Seit sie sie verloren hat, steckt sie in einer existenziellen Krise, findet ihren Platz in der Familie und der Gesellschaft nicht. Und, seien wir mal ehrlich, eine reptiloide Stiefmutter kann niemals ein Mutterersatz sein.

Genauso wie Tiabeanie ergeht es Elfo. Während alle anderen Elfen sich damit zufrieden geben, ununterbrochen zu singen, Fließbandarbeit zu verrichten und Süßigkeiten zu verputzen, ist er einfach nur eines: unglücklich. „Singing, while you work isn’t happiness. It’s mental illness“, ist er überzeugt und wird mit dieser Einstellung aus dem Elfenreich verbannt. Über Umwege trifft er auf Bean und den dritten im Bunde: einen Dämon.

„Disentchantment“ ist eine vermeintlich oberflächliche Sendung, die in schwarzen Humor getunkt wurde.

Luci, wohl eine Kurzform von Lucifer, legt einen Mushu-artigen ersten Auftritt hin und scheint an die Hauptfigur gebunden zu sein. Zumindest stellt er sich als ihr ganz persönlicher Dämon vor. Während alle Außenstehenden ihn für eine niedliche Katze halten, ist er derjenige, der die Prinzessin dazu verführt, Böses zu tun. Elfo hingegen repräsentiert das Gute. Ein Engel links, ein Teufel rechts. Zwei Moralprediger auf Beans Schultern. Schließlich prügeln sich die beiden nicht ohne Grund so oft. Doch ganz so einfach ist es nicht: Weder Luci, noch Elfo sind nur einer Seite verschrieben. Sogar der naive Elf lügt, dass sich die Balken biegen und selbst im teuflischen Dämon verbirgt sich ein Fünkchen Güte.

Es stimmt, dass „Disentchantment“ gegenüber seinen Vorgängern einiges an Gesellschaftskritik einbüßt. Immerhin muss die Zeichentrickserie seinem ehemaligen Sender Fox nicht länger die Stirn bieten. Der Zuschauer begleitet das ungleiche Trio dabei, wie es Abenteuer mit Exorzisten, Hexen, Hippogreifen, Meerjungfrauen und Wikingern besteht. Dennoch handelt es sich nur um eine vermeintlich oberflächliche Sendung, die in schwarzen Humor getunkt wurde und beinahe nebenbei Themen wie Identität und Selbstfindung aufgreift. Der Introsong (von Mark Mothersbaugh) reißt mit seinen baltischen Einflüssen und seiner Derbheit sofort mit. Die ersten beiden Folgen schlagen richtig ein. Das neue Umfeld ist spannend und kreativ ausgearbeitet. Ein Lacher folgt auf den anderen. In der Mitte lässt die Spannung allerdings ein bisschen nach. Hier werden sicherlich einige Zuschauer abspringen. Doch Durchhalten lohnt sich: Das Staffelfinale hat es in sich und lässt einen – im wahrsten Sinne des Wortes – mit einem gemeinen Cliffhanger hängen. Wir haben jedenfalls angebissen und sind gespannt auf das, was noch kommt. 

Fotos: Netflix

Disenchantment – Misadventure awaits, Part 1
10 Folgen à 30 Minuten
seit dem 17.8 auf Netflix

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Martine Decker

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