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Erfolgsleiterkletterer

Vor vier Jahren hat Dan Tanson das Format „Young Performance“ lanciert. Mit grandiosem Erfolg. Nun kehrt der Luxemburger als „artiste étoile“ ans Lucerne Festival zurück und präsentiert zwei Tanzmusikstücke, die klar stellen, dass Jungsein keine Frage des Alters ist.

So viele strahlende Kinderaugen wird man selten im Kultur- und Kongresszentrum in Luzern antreffen. Aber genau das ist Absicht. Immerhin steht das diesjährige Sommerfestival unter dem Motto „Kindheit“. Und so gibt es viele Projekte, die sich speziell an die jüngste Generation richten. Das Publikum von morgen soll nämlich im Fokus stehen. Kein Wunder demnach, dass man Dan Tanson als „artiste étoile“ verpflichtet hat, denn bereits vor vier Jahren hat der luxemburgische Regisseur und Performer mit der Geburt der einzigartigen Plattform „Young Performance“ bewiesen, dass man Kinder und Jugendliche nur mit phantasievollen und lebendigen Musiktheaterstücken begeistern kann.

Beim „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns wird Dan Tanson mit Solisten des Lucerne Festival Orchestra sowie den beiden Klassikstars Sol Gabetta und Patricia Kopatchinskaja auf der Bühne stehen. In dem Erfolgsstück „Heroïca“, das 2014 in Luzern Premiere feierte, u.a. in der Hamburger Elbphilharmonie aufgeführt wurde und mit dem renommierten „Junge Ohren Preis“ ausgezeichnet ist, möchten sieben Musiker und Musikerinnen par force die erste Geige spielen und ordentlich auf die Pauke hauen – was das gemeinsame Konzert fast zum Scheitern verurteilt. „Senegalliarde“ versteht sich derweil als eine Ode an den Multikulturalismus und feiert eine utopische Welt ohne Grenzen und frei von Vorurteilen. In diesem Stück, das keine sprachlichen Barrieren kennt und ein klassisches westliches Repertoire mit traditioneller senegalesischer Musik vermischt, trifft ein tapferer Trommler auf eine verspielte Geigerin und eine elegante Harfenspielerin aus Italien. Zusammen erlebt das Trio eine Geschichte mit überraschendem Ausgang.

„Ech si mat MTV grouss ginn.“

Bei den Probevorstellungen hätte der senegalesische Perkussionist die ganze Zeit wie ein Tiger im Käfig gewirkt, erzählt Dan Tanson. Um nach dem Applaus spontan eine Tanznummer hinzulegen. Daraufhin hätte er das Stück noch einmal überdacht. Nun startet „Senegalliarde“ mit dieser Energie. „De Public soll vun Ufank u begeeschtert sinn.“ Darüber hinaus setzt sich das Projekt mit einem hochaktuellen Thema auseinander: die sogenannte Schwarz-Weiß-Malerei. Im Jahr 2015 taten sich diesbezüglich tiefe Gräben in Hollywood auf. Afroamerikanische Filmschaffende wie der Regisseur Spike Lee riefen zum Boykott der Oscar-Verleihung auf und warfen der Wählerschaft des bedeutendsten Filmpreises der Welt Rassismus vor, weil kaum Kandidaten mit dunkler Hautfarbe nominiert wurden (und werden). Diese vielschichtige Problemlage betrifft allerdings auch andere Kulturbereiche.

„95 Prozent vun de Leit, déi an e Concert oder an de Musée ginn, si wäiss an hunn eng akademesch Ausbildung“, bestätigt Dan Tanson. Bei Konzerten für Schüler verhält es sich glücklicherweise anders. „Do erreche mir e vill méi ënnerschiddleche Public.“ Auch ist er der Ansicht, dass die farbige Gesellschaft, die immer größer wird, sich zu wenig auf der Bühne spiegelt. In Luxemburg seien 30 Prozent der Schüler nicht hellhäutig, in Brüssel sogar 80 Prozent. In Orchestern oder Opernensembles halten sich indes weiß und blond. Daher ist Alain Patel sein Held. Für „Requiem pour L.“ hat der belgische Kultchoreograf von Les Ballets C de la B Mozarts unvollendetes Requiem von einem kongoaffinen Jazzer fertig schreiben lassen, und alle Performer sind schwarz. In „Senegalliarde“ kommen der Afrikaner und die beiden Europäerinnen daher nicht als Gegensatz, sondern als Nebeneinander daher.

Dass er dieses Jahr als „artiste étoile“ nach Luzern und zu einem der renommiertesten internationalen Festivals zurückkehrt, ist ihm selbstverständlich eine Ehre. Genauso wichtig ist ihm allerdings, dass das neue Stück sein Ziel erreicht. „Ech si mat MTV grouss ginn.“ Mit Bildern zu Musik. Heute wachsen Kinder in wahren Bilder- und Musikfluten auf. Sie unterscheiden nicht zwischen Stilen. Pop und Klassik können neben Hiphop laufen. Alle Musik ist gut, solange sie auch spannend ist. Musiker beim Musikmachen zuzuschauen, ist hingegen nicht besonders aufregend. Daher konfrontiert Dan Tanson seine Protagonisten mit unerwarteten Verhältnissen und nennt sein Musiktheater situationistisch. Anders ausgedrückt: Er möchte Musik visualisieren. Fühlen tun Kinder diese sowieso.

Foto: Patrick Galbats

Daten

Karneval der Tiere, am 26. August in Luzern Senegalliarde,
am 1. September in Neubad Luzern,
am 16. Juni 2019 im Kinneksbond in Mamer
Heroïca, am 11. & 16. September in Luzern
Dan Tanson & Überraschungsgäste, am 12. September in Luzern

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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