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Eric’s Car Corner: Abgefahren in Hollywood

Woher kommt eigentlich das Cliché, das besagt, dass Sex nur ein billiger Ersatz für einen potenten Sportwagen ist? Aus Hollywood, denn dort hat man früh auf den V8 gesetzt und dann ein geradezu schizophrenes Verhältnis zum europäischen oder asiatischen Automobil entwickelt. Die amerikanische Arbeiterklasse mit dem Pick-up hat den unkomplizierten Sex, die Intelligentsia von der Ostküste weiß nur mehr darüber zu erzählen. Und fährt einen Prius. Igitt!

Wer sich ein bisschen mit Film beschäftigt, dem wird gleich klar, mit was für Stereotypen hier operiert wird. Nehmen wir die wenigen Hollywood-Helden, die ihre Probleme nicht mit dem Schießprügel oder einem beherzten Fußtritt an die Gurgel regeln, sondern auf Deduktion und die Kraft der Dialektik setzen. Solche Individuen, ganz klar in der Unterzahl und nicht eben die Lieblinge der Massen, fahren in Hollywood-Produktionen immer ein Vehikel, das sie als zerebrale, sich an Europa orientierende und vermutlich sozialistisches Gedankengut wiederkäuende Weicheier brandmarkt.

Der schrullige Inspektor Columbo, zum Beispiel. Sein Gesicht sieht aus, als hätte jemand darin geschlafen, sein Trenchcoat ist so zerknittert und versifft wie sein Peugeot 403 Cabrio. Zu Hause trinkt er französischen Rotwein mit seiner Alten… Oder Robert Redford als CIA-Bücherwurm in „Three Days of the Condor“ (1975) von Sydney Pollack: Er verdient seine Brötchen mit Lesen und rollt zipfelbemützt auf einem Velo Solex durch New York. Paul Giamatti in „Sideways“ (2004), ein neurotischer Englischlehrer und Weinliebhaber, fährt als hirnlastiger Schwerenöter mit seinem Korkenzieher in einem Saab 900 Cabrio durch die kalifornischen Rebstöcke, derweil Dustin Hoffman in „Straw Dogs“ (1971) als Schriftsteller mit Ladehemmung einen Triumph Stag fährt, was so viel heißt wie „Hirsch“, das schreit nach Hörnern, die aufgesetzt werden wollen. Seine Gemahlin trägt keinen Büstenhalter, wird vergewaltigt, der eigentlich pazifistische Hoffman dezimiert daraufhin das halbe Dorf mit der Schrotflinte. Aber gerne tut er es natürlich nicht. Und in Woody-Allen-Filmen können prinzipiell nur Mafiosi richtig Auto fahren.

Hollywood insinuiert mit dem europäischen Wagen, dass hier ein Klugscheißer ohne Saft daherkommt, der zwar nicht unbedingt schlecht ist, dem es allerdings ganz klar an Libido fehlt: High-School-Lehrer von der Ostküste, einfühlsame, in ihrer Freizeit Klarinette spielende Anthropologen mit einem Faible für Ikebana, lesbische Kunstgaleriebesitzerinnen aus New Jersey, Tiefenpsychologie lehrende Mauerblümchen und dergleichen „Gesocks“ fahren immer Volvo Estate, einen alten Käfer oder gar einen Morris Minor.

Eine Ausnahme machen hier lediglich die etwas kräftigeren deutschen Limousinen aus Bayern oder Stuttgart, denn russische Waffenschmuggler, kolumbianische Drogenbarone und auferstandene Altnazis lässt Hollywood zwecks schneller Identifikation meist S-Klasse oder 7er Reihe fahren. So verirrt sich der Konsument nicht im Gestrüpp der Symbolik und weiß sofort, wer die Braut bzw. die Faust von Bruce Willis in die Schnauze bekommt. Wer im Vorspann mit der Ente ins Bild rollt, der kriegt weder das eine noch das andere.

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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