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Eric’s Car Corner: Schlangenöl im Getriebe

Neulich wurde ein Wägelchen vorgestellt, das, ginge es nach dem Wunsch seiner Väter, mindestens fünf Fliegen mit einer Klappe erlegt. Es soll ein Beinahe-SUV sein, zu jener Spezies gehören, die sich im übergewichtigen Westen am allerbesten verkauft. Aber nur fast.

Denn auch einige Elemente von Kombi und Limousine sollte das „Crossover Utility Vehicle“ in sich vereinen, dazu einen umweltverträglichen Hybridantrieb haben und auf den von den Kunden sowieso kaum beanspruchten Allradantrieb verzichten. Dagegen war nichts einzuwenden, bis die in „Neusprech“ geschulten Motivationstrainer in die Gänge kamen. Der neue Tausendsassa habe „chromierte, von oben in der Mitte nach unten und dann von innen nach außen verlaufende Spangen an Bug und Heck“, verkündete ein dynamischer Marketing-Houdini, während in seinem Hinterkopf ein Trommelwirbel die Neuigkeit begleitete, so als handele es sich um die Entdeckung von Moses‘ dritter Tafel mit den Geboten 11 bis 15. Diese markanten Zierelemente an Frontschürze und Heckdiffusor, Rennsporttechnik für den Rollator, würden dem Neuling „zu einem eigenständigen Erkennungsmerkmal verhelfen“. Ein Raunen ging durch den Saal, mir blieb die Spucke weg! Aber nur fast.

Es ist im heutigen Einheitsbrei der selbsternannten Alleskönner überlebenswichtig, da braucht jeder Mitstreiter sein stilistisches Kinkerlitzchen, um im inflationären Blechwald der Crossover nicht anynom zu versinken. Es erscheint manchmal als wollten die sinnstiftenden Philosophen mit Hilfe eines zittrigen Schmetterlings am Fußgelenk, eines welken Röschens im Dekolleté, das ausufernde, schlussendlich immer auf wertbeständiges Grau hinauslaufende Gewirr der „Tribal Tattoos“ auf dem automobilen Bizeps überpinseln. Bei den noch unnützeren Coupé-Varianten der bereits von Anfang an sinnlosen SUVs, jenen aufgedunsenen Blechburgen für den Off-road-Parcours zwischen Kita und Supermarkt-Tiefgarage, soll die „erhöhte Sitzposition“ die optische Überlegenheit des meist eher unsportlichen Insassen suggerieren, nach dem Motto „Ich schaue auf euch hinab“, während die Opferung der Ladefläche und der Kopffreiheit im Fond, früher einmal als fundamentale Vorteile der klobigen Dampfer gepriesen, ebenfalls dem „sportlichen Auftritt“ anheimfallen. Sportlich, wofür eigentlich?

Dem Kombi hat das SUV den Garaus gemacht, dem echten Geländewagen (früher waren alle Autos für den Transport schielender Löwen in der Serengeti einfach nur „Jeeps“, ob sie nun von Jeep, Toyota oder Land Rover gebaut wurden) hat es den Allradschneid abgekauft und mit seinen Radkästen aus wulstigem Hartplastik und dem optionalen Unterbodenschutz aus Kunststoff, meist weniger schlagresistent als Zwieback, schließlich den 68-jährigen Defender zu Grabe getragen. Und jetzt soll das Heck flachgeklopft werden, nur damit es auch den klassischen Sportwagen angreifen kann, trotz Hüftprothese und Bandscheibenvorfall. Es sind die Wagner-Festspiele von Roland Emmerich, mit Aliens, dem Bauer, der die Frau sucht, Maybrit Illner und Wer wird Millionär, alles in einem, holzgetäfelt und mit dem blauen Heinz-Schenk-Bembel auf der Hutauflage, mit breiten Sitzen und bestens gegen Langeweile im Stau vernetzt. Aber: „In mir habt Ihr einen, auf den könnt Ihr nicht zählen.“ Sportlich ist immer flach, leicht und direkt gelenkt, oft eng, ungemütlich, hart und laut, im Idealfall natürlich manuell geschaltet. Und alles andere ist Kokolores aus der Werbeabteilung.

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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