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Es lebe die Bequemlichkeit!

Aus Zeitmangel greifen viele Berufstätige in der Mittagspause zu Pasta, Pizza und Co. Dabei lässt sich seit einigen Jahren eine Wende in Luxemburg erkennen, hin zu gesundem Fastfood. Wir haben drei Unternehmen besucht, die diese Alternative fördern.

Fotos: Philippe Reuter, Leslie Schmit

Vom Fastfood wegzukommen, ist gar nicht so einfach. Wer unvorbereitet in den Tag startet, hat fast keine andere Wahl, als sich etwas von der Imbissbude, Tankstelle oder vom Bäcker zu holen. Was wäre, wenn man gar nicht erst aus dem Teufelskreis ausbrechen müsste, um sich gesünder zu ernähren?

In unserer Gesellschaft ist Fastfood ein durchweg negativ konnotierter Begriff. Was wir eigentlich damit meinen, sind sogenannte „Convenience“-Produkte. Also bequeme Lebensmittel, die meist schon verzehrfertig sind. Sprich: Pommes, Burger und anderes Junkfood. Allerdings wird zwischen sechs verschiedenen Verarbeitungsstufen unterschieden. Mikrowellengerichte, die nur noch aufgetaut oder aufgewärmt werden müssen, werden beispielsweise als regenerierfertig bezeichnet.

Im Berufsalltag greifen die meisten zu Artikeln mit einem hohen Convenience-Grad. Die Lebensmittelindustrie nimmt uns die zeitaufwendige Zubereitung ab. Praktisch. Um ein paar Minuten zu sparen, nehmen wir jedoch einiges in Kauf. Vorgefertigte Gerichte enthalten mehr Zusatzstoffe, Nährstoffe gehen hingegen verloren. Sie sind vergleichsweise teuer und können geschmacklich kaum mithalten. Persönliche Vorlieben können nicht berücksichtigt werden und obendrein führen die Verpackungen zu einer Menge Abfall. Doch ist jedes „schnelle“ Essen automatisch kalorienreich, ungesund und umweltschädigend? Die Antwort lautet: nein.

„In den vergangenen Jahren hat sich viel am Ernährungsbewusstsein der Luxemburger verändert.“ Kristjana Steingrímsdóttir

Vor rund zehn Jahren hat hierzulande ein Umdenken eingesetzt. Statt fettiger Klassiker setzen die Unternehmen nun vermehrt auf eine leichte Küche. Immerhin können Wraps, Salate und Säfte genauso schnell, wenn nicht sogar schneller, vor Ort hergestellt werden. In den vergangenen Jahren habe sich viel am Ernährungsbewusstsein der Luxemburger verändert, bestätigt auch Chefköchin Kristjana (Jana) Steingrímsdóttir. Seit 2010 arbeitet sie im Restaurant und Take-away „Happ“. Als es seine Türen zum ersten Mal öffnete, stand es mit seiner Philosophie fast alleine da. Von Anfang an wurde auf frische, gesunde und bunte Zutaten gesetzt. Wer beim Namen an Häppchen denkt, liegt falsch, denn er steht eigentlich für „healthy and pure products“.

Fünf Tage die Woche steht Jana mit ihren Kolleginnen in der Küche und bereitet hauseigene „food bags“ zu. In der Mittagsstunde kommen die Kunden vorbei und holen ihre fertig zusammengestellten Menüs ab, gehen zum Picknick, bestellen sie ins Büro oder essen vor Ort. Die Gerichte in den „Futterpaketen“ sind aufeinander abgestimmt und so konzipiert, dass Zuckerschübe und Heißhungerattacken ausbleiben. „Kohlenhydrate, zum Beispiel Nudeln, sättigen nicht auf Dauer. Nachmittags ist der Kohldampf wieder da“, weiß die Köchin und Gesundheitscoachin.

Die 38-jährige Isländerin, die ihre Ausbildung zum „health coach“ am „Institute for Integrative Nutrition“ (IIN) absolvierte, interessierte sich immer schon für Gastronomie und Gesundheit. Für sie war die Weiterbildung eine Möglichkeit, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Das positive Feedback ihrer Gäste bestärkt Jana zusätzlich. „Wer seine Ernährung umstellt, kann schon nach fünf Tagen deutliche Unterschiede erkennen. Wenn sich der Körper nicht um eine schwere Verdauung kümmern muss, hat er mehr Zeit, sich selbst zu heilen“, behauptet sie.

Eine Aussage, die Cynthia Rollinger, Besitzern des „Chippy Fresh Point“, ebenfalls unterstützen dürfte. Vor anderthalb Jahren entschloss sich die Quereinsteigerin aus der Dachdeckerbranche, eine Salatbar zu eröffnen. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung von Gastronomie hatte, war sich die 27-Jährige sicher: „Sowas fehlte hier im Süden“. Während sich die Hauptstadt in ein Mekka des gesunden Fastfoods verwandelt hatte, hinkte der Rest des Landes hinterher. Cynthia konnte zunächst nicht einschätzen, wie ihre Geschäftsidee ankommen würde. Sicherheitshalber mietete sie einen Container und nicht gleich ein ganzes Restaurant. „Ursprünglich wollten wir nur einen Monat bleiben. Doch es lief so gut, dass wir jetzt sogar ausbauen“, verkündet sie.

Den winzigen Laden schmeißt sie derzeit mit ihrer Angestellten und Kollegin Charly. Sonderwünsche sind für beide kein Problem, da sich die Kunden die Gerichte so zusammenstellen lassen können, wie sie wollen. Alle nötigen Komponenten liegen frisch gewaschen und zerkleinert parat. Die meisten Bestellungen kommen vormittags zwischen neun und zehn Uhr, per SMS, rein. Zu den Gästen zählen (Gemeinde-)Arbeiter, Studenten und Sportler, die unterwegs Halt machen und sich ihre Mahlzeit abholen. Durch die Vorabbestellungen entstehen keine Wartezeiten. Die „Chippy“-Geschäftsführerin hat begriffen, dass heute jede Sekunde zählt. Trotzdem weist sie daraufhin, dass ihre Salate und Wraps alles andere als kompliziert sind. Nichts, was man nicht daheim zubereiten könnte, meint die 27-Jährige, doch es fehle einfach an Zeit, Motivation und Geduld. „Für ein Glas Saft stellt wohl kaum jemand seine ganze Küche auf den Kopf“, fasst sie zusammen.

Vorgefertigte Gerichte enthalten mehr Zusatzstoffe, Nährstoffe gehen hingegen verloren.

Der allgemeine Trend scheint anzuhalten. Es wird leichter, sich mit wenig Aufwand ausgewogen(er) zu ernähren. Das betrifft nicht nur Allesesser, sondern auch Vegetarier und Veganer. Erst vor zwei Monaten erblickte ein rein veganer Shop das Licht der Welt. „Venga“ ist momentan der einzige dieser Art im ganzen Großherzogtum. Denis Tornare, Mitbegründer und Teilhaber der Kooperative, meidet tierische Produkte schon seit 17 Jahren. Er kann sich noch genau daran erinnern, wie schwierig es damals war, an bestimmte Artikel zu kommen. „Ich musste meine Lebensmittel in Deutschland oder online besorgen“, sagt der 36-Jährige. Mittlerweile verfüge jeder Supermarkt über eine vegane Ecke und immer mehr Lokale bieten „to go“-Alternativen an. Dennoch gibt es noch Luft nach oben. Bei „Venga“ hat man deshalb die Möglichkeit, seine Produktwünsche an eine Tafel zu schreiben. Denis versucht sie dann zu besorgen.

Augenfällig ist, dass der kleine Laden von Putzmitteln bis Fertigerrichten so gut wie alles führt – nur kein frisches Obst und Gemüse. Was zunächst paradox erscheint, lässt sich schnell erklären: „Wir befinden uns erst in einer Testphase. Wir bestellen nichts Verderbliches, weil wir nichts wegwerfen möchten, falls mal Kunden ausbleiben“. Alle 400 verschiedenen Artikel sind demnach abgepackt. „Natürlich gibt es zwei Seiten der Medaille“, so Tornare und verweist damit auf die zweideutige Rolle der Industrie. Ihm und seinen Kollegen sei es wichtig, dass die zubereitungs- und verzehrfertigen Waren zumindest Bio seien und fair gehandelt werden.

Was geht und was nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Die Frage, was nun wirklich gesund ist und was nicht, lässt sich an dieser Stelle nicht klären. Einer der gesunden Fastfood-Anbieter bietet Pizzavarianten an, beim anderen stehen neben Salz- und Pfefferstreuern Maggi-Flaschen auf dem Tisch. Der letzte verkauft industriell hergestellte Schokoriegel. Was geht und was nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Unbestreitbar ist jedoch, dass alle drei wahre Alternativen zum täglichen Einheitsbrei darstellen.

www.happ.lu, www.chippy.lu, www.venga.lu

Françoise Stoll

Journalistin / Gastronomie

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Martine Decker

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