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Es war einmal…

… eine kleine Nation, die im 15. Jahrhundert ein Weltreich schuf und auf vier Erdteilen zu Hause war. Allerdings begann diese Erfolgsgeschichte mit einem gewaltigen Irrtum und endete nicht unbedingt rühmlich. Die Ausstellung „Portugal – Drawing the World“ erzählt indes hauptsächlich von den Sonnenseiten portugiesischer Expansion.

Fotos: MNHA/Tom Lucas, MNAA (6)

Auf hoher See läuft nicht immer alles nach Plan. Diese Erfahrung macht Pedro Alvares Cabral, als er im Jahr 1500 mit einer stolzen Flotte von 13 Schiffen und einer nicht minder beachtlichen Besatzung von 1.200 Mann – darunter mehrere Priester und Mönche sowie namhafte Kapitäne – aussticht, um das Tor zu Indiens Gewürzmärkten, das Vasco da Gama etwas mühsam geöffnet hat, weit aufzustoßen. Doch dann werden die Karavellen nicht nur von starken Winden, sondern ebenfalls von der Äquatorialströmung erfasst und nach Westen abgetrieben. Eineinhalb Monate später heißt es: „Land in Sicht.“ Zuerst erblicken die Portugiesen einen Berg und zu dessen Füßen einen Fluss und einen flachen Strand. So wird – wegen der Osterwoche – der „Monte Pascoal“ geboren. In Brasilien.

Während Kolumbus in seinen Bordtagebüchern mitunter zum Schwelgen neigt, hat Alvares Cabral einen vergleichsweise nüchternen Chronisten an Bord, der die ersten Eindrücke seiner Landsleute von der Neuen Welt und dem ersten Kontakt der Seefahrer mit den Ureinwohnern, ziemlich sachlich aufzeichnet. „Wir zeigten ihnen einen Hammel, sie beachteten ihn kaum. Wir zeigten ihnen ein Huhn, sie hatten fast Angst vor ihm.“ Auch an den Kreuzen, welche gezimmert und aufgestellt werden, zeigen die Indianer vom Stamm der Tupinamba wenig Interesse. An den Werkzeugen der Fremden schon. Da Alvares Cabrals Ziel Calicut und sein Auftrag Gewürzgeschäfte lautet, weiß der portugiesische Eroberer derweil nicht wirklich, was er mit dem Neuland und den nackten „Wilden“ anfangen soll. Brasilien wird demnach erst viel später kolonisiert. Hierbei sollen die Jesuiten eine wichtige Rolle gespielt haben. Allen voran Pater Antonio Vieira (1608-1697), der „vor allem mit seiner Tatkraft und einer überzeugenden Rhetorik für Aufmerksamkeit sorgte (…) und ein erbitterter Verteidiger und Beschützer der Indianer und Sklaven war“, wie es in der Ausstellung „Portugal – Drawing the World“ heißt.

Es gibt also nicht nur von Sonnenseiten, sondern auch von Schattenseiten zu berichten. Davon, dass die Konquistadoren die Einheimischen zu Frondiensten in Gold- und Silberminen gezwungen haben. Und dass drei Millionen Afrikaner nach Brasilien verschleppt worden sind, um dort im Bergbau oder beim Zuckerrohranbau zu schuften, weil ein großer Teil der indigenen Bevölkerung eingeschleppten Krankheiten zum Opfer gefallen ist. Das MNHA hat sich hingegen für ein anderes Ausstellungsthema entschieden: die faszinierende Entstehungsgeschichte des vor etwa 900 Jahren gegründeten Portugals nachzeichnen und die Reiserouten schildern, welche die portugiesischen Seefahrer in vier Erdteile geführt haben. Illustriert werden die Marksteine dieser Geschichte anhand des eindrucksvollen künstlerischen Erbes, das das Land besitzt: Porzellan aus China, Masken aus Japan, Haarschmuck aus Indien, Elfenbeinkunststücke aus Sierra Leone… Die Leihgaben, die aus den öffentlichen Sammlungen des Nationalmuseums für Alte Kunst in Lissabon und aus weiteren Kultureinrichtungen Portugals stammen, sind bemerkenswert.

Die Eroberungslust portugiesischer Seefahrer trug maßgeblich zur allgemeinen Entwicklung Europas bei.

Auch die Inszenierung verdient Lob. Und selbstverständlich möchte das MNHA mit dieser Ausstellung auch ein breiteres Publikum ansprechen. Was – angesichts des Anteils der Nachfahren Vasco da Gamas in der Gesamtbevölkerung Luxemburgs – durchaus Sinn macht. Präsident Marcelo Rebelo de Sousa ist jedenfalls begeistert gewesen. Obwohl davon auszugehen ist, dass er die Geschichte seines Landes nicht nur in großen Zügen kennt. Für alle anderen, die nicht wissen, dass die portugiesische Dynastie des 15. Jahrhunderts zur allgemeinen Entwicklung Europas beigetragen ist, dass Lissabon einst zu den größten Städten des Alten Kontinents zählte, dass die portugiesische Anwesenheit in Japan im 17. Jahrhundert zu einem ganz eigenen Kunstkapitel führte, der sogenannten Namban-Kunst, ist „Portugal – Drawing the World“ wahrlich eine Bereicherung.

„Um zu dem Wind zu sprechen, genügen Worte. Um zu dem Herzen zu sprechen, sind Taten notwendig“, lautet ein Zitat von Pater Antonio Vieira. Er lernte, mit den Tupi-Guarani zu sprechen, verfasste sogar einen Katechismus in der Sprache der Einheimischen und ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich im Zusammenleben mit anderen um Toleranz bemühen sollte. So grausam die Unterdrückung der Indianer und Sklaven durch portugiesische Eroberer auch war, ohne die Entdeckung des Seeweges nach Indien, ohne die Kolonisierung Amerikas und der westafrikanischen Küste, ohne den weltweiten Handel mit Seide, Porzellan und Diamanten und ohne die Neugier, Neues kennenzulernen, wären wir vielleicht nicht dort angelangt, wo wir heute stehen.

Bis zum 15. Oktober im MNHA, geöffnet von dienstags bis sonntags von 10-18 Uhr, donnerstags von 10-20 Uhr, es gibt regelmäßige Führungen in Luxemburgisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Portugiesisch sowie ein umfangreiches Rahmenprogramm, mehr Infos: www.mnha.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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