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Es war einmal

Hipstertum war gestern. Wer heute jung, fesch und „in“ sein will, der hat längst den Bart abrasiert, das Karohemd eingemottet, das Fixie durch ein stylisches Pedelec ersetzt und den sicheren „9to5“-Bürojob geschmissen, um fortan irgendetwas in „Kreativität“ zu machen. Angenehmer Nebeneffekt dieses Stilwandels, man darf sich fortan „Yuccie“ (steht für „Young Urban Creative“ ) schimpfen lassen. Zumindest so lange bis irgendwann der nächste (urbane) Trend auf der Matte steht.

Das Modephänome schnelllebig sind, ist keine bahnbrechende Erkenntnis, es ist eigentlich ein inhärentes Merkmal der ach so hippen Fashionwelt. Erstaunlicher ist es schon, dass mittlerweile auch in der Politik die Uhren schneller drehen, als Lucky Luke schießen kann. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch anders, doch heute verkommt die Redewendung „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ schon fast zur Maxime. Beispiel gefällig?
Vor knappen sechs Monaten tobte der Wahlkampf samt immer wiederkehrenden Thematiken. Es wurde zum Beispiel viel über Wirtschaftswachstum diskutiert und über die anzustrebende Familienpolitik gefachsimpelt. Alles Dinge, die im Moment eigentlich keine große Bedeutung mehr in der politischen Aktualität spielen. Aktuell wird viel eher über die Effizienz des kommenden gratis-öffentlichen-Transports diskutiert, etwas, was im Wahlkampf noch nicht mal ansatzweise für Diskussionen gesorgt hatte.

Die Sprachenthematik ist längst in Rauch aufgegangen.

Auffallend ist auch, dass ein Thema, welches vor dem Urnengang die Gemüter noch erhitzte – nämlich das der Identität und der Luxemburger Sprache – aktuell keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Während im vergangenen September die adr samt Wee-Anhängsel noch jedes gutes Wochenende auf irgendeiner Braderie zwischen Wurstbude und Wühltisch mit ihrem „Luxemburger Straßenschild“ versuchten die Werbetrommel für ihre Anliegen zu rühren und es sogar schafften, dass andere Parteien sich vor diesen Sprachenkarren spannen ließen, ist dies mittlerweile kalter Kaffee und die Thematik längst in Rauch aufgegangen.

Zumindest mal bis September 2023, dann wird die adr – und ihre Facebook-Komplizen vom Wee2050 – mit großer Wahrscheinlichkeit erneut tief in die rechtspopulistische Trickkiste greifen und wieder fleißig vor Pathos triefenden und von Nationalstolz eingefärbten Seemannsgarn, rund um die Luxemburger Sprache, deren Untergang und die fortschreitende Frankofonisierung des Großherzogtums spinnen. Bis dahin dürfte in der Sprachenthematik jedenfalls etwas Ruhe im Karton sein.

Allerdings kann man sich genauso sicher sein, dass die adr versucht ihre Position im politischen Spektrum mit anderen Thematiken zu besetzen. Der adr-Abgeordnete Fernand Kartheiser untermauert diese These jedenfalls anhand von (teilweise recht skurilen) parlamentarischen Anfragen im Wochenrythmus – das schwule Känguru lässt grüßen – und man kann sich jetzt schon fragen, in welchen populistischen Themenschubladen die vier adr-Vertreter sich noch bedienen werden, um in Erinnerung zu bleiben.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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