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Es war einmal…

Der Kurort Mondorf, den Großherzog Henri und Großherzogin Maria Teresa am Vorabend zum Nationalfeiertag besuchen werden, hat mit der Geburtsstätte von John Grün und anderen Einzigartigkeiten nicht mehr viel gemein.

Fotos: Editions Klopp

Sympathisch soll der stärkste Mann der Welt gewesen sein. Und von Grund auf ehrlich. Anders als viele seiner damaligen Kollegen hat John Grün nie mit faulen Tricks, sondern stets mit echten Gewichten gearbeitet. Ende des 19. Jahrhunderts tritt der gebürtige Mondorfer auf den größten Bühnen Europas und der USA auf, wird zum Weltstar und macht auch Luxemburg jenseits seiner Grenzen bekannt. Heute erinnern eine nach ihm benannte Straße, ein 1920 errichtetes Denkmal, eine an seinem Geburtshaus angebrachte Gedenktafel und eine zum 100. Todestag des Kraftsportlers eingeweihte Skulptur an den Mann, der auf der Schueberfouer ein Karussell mit elf Menschen kurze Zeit in der Luft im Gleichgewicht gehalten hat und 1912 als 44-Jähriger an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben ist.

Ob „Herkul“ Grün mit seinen Zähnen einen tonnenschweren Eisenbahnzug von der Stelle hätte bewegen können? Wenn ja, hätte es die Schmalspurbahn, die von 1903 bis 1934 Mondorf mit Thionville verbindet und liebevoll „Jaengelchen“ genannt wird, vielleicht ebenfalls zu Weltruhm gebracht. Wegen ihrer selten erreichten Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern geht die Bimmelbahn indes nicht in die Geschichte der Eisenbahn ein. Für Schlagzeilen sorgt lediglich ein schwerer Unfall im Bahnhof von Garche, bei dem drei Damen beim Aussteigen unter einen Waggon fallen und vom anfahrenden Zug fast überfahren werden, hätte der geistesgegenwärtige Bahnhofsvorsteher nicht schnell reagiert und die Passagiere auf den Bahnsteig zurückgezerrt.

Zu den „Gästen“, die 1945 im Mondorfer Hotel Palace verhört werden, bevor in Nürnberg die Kriegsverbrecherprozesse beginnen, zählt auch Hermann Göring.

Bereits in den 1920er Jahren wird die Linie unrentabel und auch die Maßnahme, die Züge gleichzeitig als Personen- und Warentransport zu nutzen, kann nicht verhindern, dass der „Jaengelchen“ eingestellt und durch Autobusse ersetzt wird. 1969 wird auch der Bahnhof in Mondorf abgerissen. Glücklich demnach diejenigen, die noch im Laufschritt zur Kur ins Thermalbad gehen durften. Dort wird im Juni 1846 übrigens ein Weltrekord aufgestellt: Auf der Suche nach Salzvorkommen dringen die verantwortlichen Ingenieure 736 Meter tief in die Erdschicht vor – leider vergeblich. Stattdessen stoßen sie auf eine stark mineralhaltige Quelle, deren Wasser sich bestens zu Kurzwecken eignet. Das erste Kurzentrum wird 1847 eingeweiht.

Berühmtheiten wie Victor Hugo, Maurice Ravel und Jean Monnet fühlen sich in Mondorf pudelwohl. Heute, nach etlichen Höhen und Tiefen und mehreren Umbauarbeiten wird das Thermalbad von vier Pfeilern getragen. Als Oasen der Entspannung bieten die Wellnesspavillons u.a. Schönheitsbehandlungen und therapeutische Bäder zur Entgiftung des Körpers. Im Fitnesspavillon trainiert, wer so stark wie John Grün werden will. In den beiden Hotels sind sowohl Kurgäste als auch Geschäfts- und Privatleute willkommen. In den Thermen werden vor allem rheumatische Erkrankungen kuriert.

Für feierliche Anlässe steht im angrenzenden Park die Orangerie zur Verfügung, im einstigen „Waasserhaus“ werden Kinoliebhaber glücklich, im Pavillon „Source Kind“ hat die „Association Luxembourgeoise pour la Maintien du Patrimoine Aéronautique“ ein der Luftfahrt gewidmetes Museum eingerichtet. Wo früher angestanden wurde, um von dem heilenden, nicht jedoch sehr schmackhaften Quellwasser zu kosten, kann man nun u.a. „d’Klemm“, Baujahr 1934, und den 1974 konstruierten, ersten Luxemburger Heißluftballon „Feierwon“ bewundern. Interessant ist auch, dass sich der Glasbau genau dort befindet, wo die Ursprünge der nationalen Luftfahrt liegen: Im Juni 1910 organisiert der Luxemburger Industrielle Charles Bettendorf in Mondorf eine Flugwoche, die knapp die Hälfte der Bevölkerung des Großherzogtums anlockt und zu Recht ein wahres Ereignis darstellt.

Ähnliche „Ereignisse“ gibt es mitunter im 1983 eröffneten Casino 2000, wenn der Jackpot geknackt wird. Obwohl Generaldirektor Guido Berghmans unlängst von einer Krise gesprochen hat, die im internationalen Vergleich zwar nicht wirklich schlimm, aber dennoch ernst zu nehmen ist, versuchen jährlich rund 500.000 Gäste ihr Glück an den Spielautomaten oder am Roulette-Tisch. Mit dem Bau von vor über 30 Jahren ist das aktuelle Gesellschaftszentrum nicht mehr zu vergleichen. Die Fläche hat sich vervierfacht, die Zahl der im Chapito stattfindenden Events steigt stetig – der Nachfrage wegen – und in kulinarischer Hinsicht zaubert Alain Pierron im Restaurant „Les Roses“ eine sternewürdige Küche auf die Teller seiner Gäste.

Von wegen Grünschnabel

Er ist zwar der jüngste Bürgermeister des Landes, aber die Energie, mit welcher Lex Delles einer der bedeutendsten Gemeinden vorsteht, reicht locker für drei.

Foto: Didier Sylvestre/Editpress

Herr Delles, mit 27 Jahren sitzen Sie im Schöffenrat, vor gut einem Jahr wurden Sie zum Bürgermeister ernannt. Zudem sind Sie DP-Abgeordneter. Ist es eigentlich von Vor- oder eher von Nachteil, als junger Politiker mit derart verantwortungsvollen Herausforderungen konfrontiert
zu sein?

Weder noch. Da ich mich schon sehr früh für Politik interessiert habe und aus einem Elternhaus komme, in dem politische Belange offen diskutiert wurden, mein Vater Roland war schließlich von 1994 bis 1996 Bürgermeister von Mondorf, ist weder die Wahl ins Parlament noch die Ernennung zum Gemeindeoberhaupt ein Sprung ins kalte Wasser für mich gewesen.

Trotzdem setzt politisches Interesse ein gewisses Engagement voraus…
… und dieses Engagement ist wohl zum Teil auch auf meinen Charakter zurückzuführen. Ich meckere gern. Wer indes Kritik ausübt, muss auch Vorschläge parat haben, wie man das, womit er nicht zufrieden ist, besser oder anders machen kann. Und genau das ist der Punkt, auf den es in der Politik ankommt. Es geht nicht darum, das Vorhandene ständig anzuprangern. Stattdessen muss man sich darum bemühen, Mängel zu beheben, Probleme aus der Welt zu schaffen und Neues nachhaltig aufzubauen.

Wie erfährt man, wo was nicht rund läuft?
Indem man die Nähe zum Bürger sucht. Wenn mein Terminkalender es erlaubt, gehe ich mindestens einmal wöchentlich durch den Ort spazieren. So treffe ich Leute, die mich entweder aufmerksam machen auf mögliche Missstände oder sich mit mir darüber unterhalten, was eventuell besser zu machen wäre. Dabei geht es um Themen wie die Einrichtung eines zusätzlichen Behindertenparkplatzes oder die Veröffentlichung von aktuellen Trinkwasseranalysen auf der Internetseite der Gemeinde. Diese Gespräche sind für eine „greifbare“ Politik, wie sie mir am Herzen liegt, überaus wichtig.

„Mondorf ist weder Stadt noch Land, aber genau dieses Dazwischen macht den Reiz des Ortes aus.“

Und welche zu verwirklichenden oder bereits abgeschlossenen Projekte sind Ihnen derzeit wichtig?
Das Pfadfinderheim auf dem ehemaligen Campinggelände zum Beispiel. Oder die Renovierung der ehemaligen Synagoge, die im November neu eingeweiht wird. Zusammen mit den „Stolpersteinen“, die den Opfern des Holocaust ihre Namen und ihre Würde zurückgeben. Dazu kommen die neue Musikschule, das Boulodrome… Es gibt viele Projekte, die mir wichtig sind, weil sie wichtig für den Ort Mondorf und vor allem seine Einwohner sind.

Im Sommer wird die 5.000-Einwohner-Marke höchstwahrscheinlich erreicht werden. Wie würden Sie persönlich die Attraktivität des Ortes beschreiben?
Mondorf ist weder Stadt noch Land, aber genau dieses Dazwischen macht den Reiz des Ortes aus. Die ärztliche Versorgung wäre perfekt, würde es – ich zitiere meine Vorgängerin Maggy Nagel – auch einen Frauenarzt geben. Man kann noch zu Fuß einkaufen gehen. In touristischer Hinsicht locken der Park, die Thermen und das Casino 2000, auf wirtschaftlicher Ebene gibt es eine Geschäftswelt, die durchaus ausbaufähig ist.

Es kommen jährlich ja auch mehrere Hunderttausend Besucher…
… was uns in Sachen Infrastruktur vor besondere Herausforderungen stellt. Man kann uns um die vier Millionen Euro beneiden, die aus dem Casinobetrieb direkt in die Gemeindekasse fließen, aber diese direkten Steuereinkünfte sind aufgrund anderer Ausgaben in Bezug auf die hohe Gästezahl zu relativieren.

Die finanzielle Situation der Gemeinde ist dennoch keineswegs schlecht, oder?
Die Verschuldung ist minimal, und bis 2017 wird die Gemeinde keine neuen Schulden aufnehmen, so viel steht fest. Dennoch ist in den letzten Jahren viel investiert worden und es wird auch weiterhin investiert werden, aber Bauen „op Puff“ kommt nicht in Frage, weil es keine Lösung ist. Vor allem nicht für die kommenden Generationen.

Dafür, dass das großherzogliche Paar Mondorf am Vorabend zum Nationalfeiertag einen Besuch abstattet, musste die Gemeinde sich bewerben. Was gab für das Ja den Ausschlag?
Die Einweihung der Maison Relais, die den Namen „Grande-Duchesse Maria Teresa“ trägt. Geplant ist aber auch ein Rundgang durch das Dorfzentrum. Abends gibt es, wie gewohnt, ein Feuerwerk und einen „bal populaire“.

Kennt ein engagierter Berufspolitiker wie Sie eigentlich noch Muße, und wenn ja, was tun Sie in Ihrer Freizeit?

Am liebsten treffe ich mich mit Freunden zum Essen. Eigentlich müsste ich mehr Sport treiben, doch meist beschränkt sich mein sportlicher Einsatz darauf, dass ich mir sonntags die Spiele der US Mondorf anschaue, die zum Glück den Klassenerhalt in der BGL Ligue geschafft haben.

Lex-Delles-(c)-Didier-Sylvestre Lex Delles

Jahrgang 1984, wächst in Mondorf auf, hat in Lenningen an der Grundschule gelehrt, bevor er 2013 ins Parlament gewählt und im Januar 2014 zum Bürgermeister von Mondorf ernannt wird.

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Feldmaus Ketti wäre begeistert. Die Heldin der 1936 veröffentlichten Fabel stammt zwar aus dem benachbarten Burmerange, aber ihr Schriftvater Auguste Liesch ist in Mondorf geboren. Was sie an ihrem Zuhause schätzt – ein stressfreies Leben in Naturnähe –, wissen heute die meisten Einwohner des einzigen Thermalbads in Luxemburg gleichermaßen zu schätzen.

Nicht besonders froh muss man hingegen 1945 in Mondorf gewesen sein, als zwischen Mai und September die NS-Elite im Palace Hotel untergebracht und verhört wird, bevor es nach Nürnberg zu den Kriegsverbrecherprozessen weitergeht. Camp Ashcan lautet der Codename des von den Amerikanern eingerichteten Gefangenenlagers, dessen berühmtester „Gast“ Hermann Göring ist. Mit 16 Koffern und einem Kammerdiener, 20.000 Paracodin-Tabletten, einem Morphiumersatzmittel, und zwei Ampullen Zyankali soll er eingecheckt haben. Niemand will im Speisesaal den Tisch mit ihm teilen. Ein fünf Meter hoher Stacheldrahtzaun umgibt das Kriegsverbrecher-Hotel. Auf Wachtürmen stehen schwerbewaffnete Posten. Im Garten aber spazieren Nazi-Größen und unterhalten sich miteinander. „Ein gespenstischeres Abenteuer ist nicht vorstellbar“, schreibt Erika Mann, die Tochter von Thomas Mann, die als Reporterin für US-amerikanische Zeitungen durch das Nachkriegseuropa reist und das mittlerweile abgerissene Palace Hotel besucht.

Mondorf

Die Gemeinde setzt sich zusammen aus Mondorf, Altwies und Ellingen.

• Einwohnerzahl Mondorf: 3.711
• Einwohnerzahl Altwies: 748
• Einwohnerzahl Ellingen: 329
• Ausländeranteil: 43%
• Fläche: 13,66 km2
• Wahlsystem: Proporz
• Bürgermeister: Lex Delles (DP)
• Schöffen: Steve Reckel (DP), Steve Schleck (déi gréng)

www.mondorf-les-bains.lu

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Inzwischen ist längst Ruhe eingekehrt, und wenn das großherzogliche Paar Mondorf am Vorabend des Nationaltags besuchen wird, steht mit der Einweihung der neuen Maison Relais nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft im Mittelpunkt. Und diese sieht sehr rosig aus.

Mehr Infos über Mondorf:
Mondorf-les-Bains, erschienen bei Gérard Klopp, 48 Euros,
www.editions-klopp.com

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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