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Euter bis wolkig

Eine Milchkuh gibt durchschnittlich 7.500 Liter Milch pro Jahr. Die Leistung variiert, sowohl qualitativ nach Eiweiß- und Fettgehalt als auch quantitativ je nach Phase der Laktation. Dass „Hochleistungskühe“ heute bis zu 50 Liter pro Tag liefern können, haut jeden Hobbymelker vom Schemel. Mehr Leistung bei immer weniger Kühen, so der Trend der letzten Jahrzehnte, das entspricht den Prinzipien von Effizienz und freiem Markt. In den letzten 30 Jahren hat dem ungehemmten Melkwahn um die viehische Kompetitivität nur die europaweite Milchquote Einhalt geboten. Am 1. April wird diese fallen. Und die Milchproduzenten können melken, was die Euter ihrer Kühe hergeben.

Den einen ist es recht, das sind vor allem die großen Betriebe. Nach dem marktradikalen Prinzip „Wachs oder stirb“ haben sie ihre Kapazitäten darauf ausgerichtet, den Molkereien noch mehr Milch zu liefern und im globalen Wettbewerb zu bestehen. Die anderen, vor allem kleinere Bauern, müssen statt Milch die Segel streichen. Sie sehen noch mehr Wolken am landwirtschaftlichen Himmel. Der Blick durchs Milchglas zeigt die Situation der hiesigen Landwirtschaft. Schließlich nehmen Milch und Fleisch unter ihren Produkten eine herausragende Stellung ein. Seit der Milchkrise haben die Bauern aufgrund hoher Preise wieder aufgeholt.

Doch der Eindruck von der starken Landwirtschaft täuscht: Sie hat an Bedeutung verloren, ihr Anteil an der Gesamtwirtschaft in Bezug auf die Bruttowertschöpfung betrug 2013 nur 0,3 Prozent, das landwirtschaftliche Durchschnittseinkommen liegt unter dem nationalen Referenzeinkommen und die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte an den Gesamtbeschäftigten gerade mal ein Prozent. Ohne die EU-Beihilfen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) können die Bauernhöfe kaum ihre Kosten decken, was zu einer extremen Abhängigkeit von den Subventionen geführt hat. Weltweit herrscht die Dualität zwischen Marktradikalität und Protektionismus.

Eine neue Ausrichtung der Landwirtschaft ist überfällig – nachhaltig und ökologisch.

Die Betriebe daher ins kalte Wasser des globalen Marktes zu werfen, wirkt dabei wie der Einsatz eines Himmelfahrtskommandos. Der Landwirtschaftsminister als erster Lobbyist auf internationaler Bühne spricht von viel Knowhow und guten Strukturen. Das trifft zu. Die Milchproduzenten, die vor allem die heimische Luxlait oder die schwedisch-dänische Molkereigenossenschaft Arla beliefern, setzen auf eine gute Mischung aus Hightech und Erfahrung.

Andererseits bekommen auch die Bauern den Zukunftspak zu spüren. Das neue Agrargesetz steht aus. Die Landwirte ächzen unter zahlreichen Auflagen vor allem in puncto auf Umweltschutz. Leicht gemacht wird es ihnen nicht. Bauer ist kein Zukunftsberuf. So verwundert es nicht, dass mehr als tausend Vertreter des Berufsstands vor gut zwei Monaten in Ettelbrück den Aufstand probten: Von der Bauernzentrale bis zu den Jungbauern – sie suchen nach einer Perspektive. Die Landwirte sollten gesellschaftlich wieder besser anerkannt werden. Dies würde nicht bedeuten, das Rad des Strukturwandels zurückdrehen, sondern wäre ein wichtiger Schritt und würde eine Aufwertung der Branche mit sich bringen.

Eine Neuausrichtung der Landwirtschaft ist daher überfällig – und eine Agrarpolitik, die sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch nachhaltig ist. Von vielen Bauern werden die hohen Umweltschutzauflagen moniert. Dabei schließen Landwirtschaft und Ökologie einander nicht aus. Ein nachhaltiges Konzept, wie es zum Beispiel die Plattform „Meng Landwirtschaft“ fordert, würde den Bauern langfristig zugute kommen. Umweltschutz und Landwirtschaft unter einen Hut bringen, das ist die große Herausforderung, ebenso neue Möglichkeiten der Diversifizierung, wie es viele Bauern vormachen, und die Suche neuen Nischen. Und nicht produzieren auf Milch komm raus.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Philippe Reuter

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