Home » Home » Ewige Weinköniginnen

Ewige Weinköniginnen

Am kommenden Freitag wird in Grevenmacher die 70. Trauben- und Weinkönigin gekrönt. Ein einmaliges Erlebnis, das die meisten Weinhoheiten ein Leben lang mit Stolz erfüllt.

„Ich habe mich gefühlt, als sei ich die Königin von Luxemburg“, erinnert sich Cécile Clemens lachend. Mit großer Begeisterung zeigt sie mir in ihrem Fotoalbum eines der seltenen Farbbilder, das an den Augenblick erinnert, als sie 1964, inmitten ihrer Weinprinzessinnen, ganz stolz mit trikolorer Schärpe, Weinpokal und Krone auf dem Kopf für die Fotografen posiert. „Das war so schön. Ich habe vom Festwagen den Leuten zugewunken. Das war einfach herrlich“, erzählt sie mit Leidenschaft.

Für die damals 20-jährige Cécile ging ein Traum in Erfüllung, und das königliche Leben hat sie in vollen Zügen genossen. „Ich war mit Herz, Seele und Tränen dabei“, sagt sie entzückt. „Ich habe vor Freude geweint, als ich gekrönt, wurde und ich habe geweint, als ich die wertvolle Krone wieder abgeben musste.“ Sie muss lachen. Eine Mischung aus Freude, Nostalgie und Stolz liest sich aus ihren Augen.

Wer Weinkönigin werden wollte, musste auch Winzermädchen sein.

„Es war ja auch etwas ganz Besonders“, meint Marie-Thérèse Urwald. 1959 wurde sie in der Weinmetropole zur Königin inthronisiert. „Auf eine gewisse Art und Weise ist man ein Leben lang auf diesen Titel stolz gewesen. Es war eine Belohnung für die viele harte Arbeit, die wir in den Weinbergen geleistet hatten“, erklärt sie. Die damals 20-Jährige war das älteste von sieben Kindern und es gehörte einfach zum Alltag, im Familienbetrieb eine Hand mit anzulegen.

Marie-Thérèse Urwald wurde 1959 in der Weinmetropole Grevenmacher zur Königin inthronisiert.

Wer Weinkönigin werden wollte, musste auch Winzermädchen sein, und verschiedene Arbeiten im Weinberg meistern. Das war Voraussetzung. „Ich wurde in einem Lokal in Grevenmacher gekrönt“, erinnert sie sich ganz stolz. „Das war damals noch nicht so pompös aufgezogen wie heute. Das war ja alles nicht allzu lang nach dem Krieg und wir hatten nicht dieselben finanziellen Mittel. Das kann man gar nicht vergleichen, aber wir waren zufrieden. Sehr sogar. Mein Vater und die ganze Familie waren sehr stolz.“ Zusammen blättern wir die Seiten des so reichhaltig mit Erinnerungen gefüllten Fotoalbums durch. Auf ihrem Festwagen, geschmückt mit vielen bunten Blumen in Form eines riesigen Schmetterlings, mit ihrer goldenen Krone auf dem Kopf, ihrem rosa Kleid und der weißen Perlenkette sieht sie fast aus wie eine Königin aus einer Märchenwelt. Als sei das alles nicht ganz real. „Das Kleid mussten wir in Trier im Stadttheater aussuchen. Das war damals so. Da wurden keine persönlichen Wünsche erfüllt. Es wurde angezogen, was man uns anbot“, verrät Marie-Thérèse Urwald. „Meinen Rock für den Vorabend der Festlichkeiten hatte ich mir sogar selbst angefertigt.“ Trotzdem wurde reichlich gefeiert. Daran erinnert sich Cécile Clemens gerne. Die damals frisch gekrönte Weinkönigin feierte mit Bacchus, dem Gott des Weines, bis tief in die Nacht. Doch am nächsten Tag wurde die Weinhoheit in die Realität des Alltags zurückgebeten. „Ich habe immer gesagt: Wenn ich Weinkönigin werde, dann mache ich am nächsten Tag blau“, erklärt sie mir mit einem schelmischen Blick. „Doch am Morgen hat mein Vater mich in die Weinberge geschickt. Die Trauben waren reif für die Weinlese. Darüber habe ich mich natürlich nicht gefreut, aber damals war das halt so. Da wurde nicht diskutiert.“

Am Wochenende wird in Grevenmacher Jubiläum gefeiert. 70 Jahre „Drauwen- a Wäifest“. Eine Tradition, die in der Moselregion und landesweit für viele Luxemburger einfach nicht mehr wegzudenken ist. „Das erste Weinfest, wie wir es heute kennen, fand 1950 mit der Gründung des Festkomitees hier in Grevenmacher statt“, verrät Carole Clemens, Präsidentin vom „Comité des fêtes“. „Allerdings gab es derartige Feste auch schon am Anfang der dreißiger Jahre.“ Die junge Frau, ebenfalls ehemalige Weinkönigin, ist seit Februar dieses Jahres Präsidentin des Komitees. Eine Premiere. Exklusiv für das Treffen mit der revue hat Carole Clemens die Kronen der vielen Weinköniginnen mitgebracht. Nur selten werden die prachtvollen Kopfzierden aus ihrem Tresor genommen.

„Die Kronen gehören dem Festkomitee“, betont die junge Frau. „Leider sind nicht alle in unserem Besitz. Früher wurden die Kronen meistens nur geliehen, weil es keine finanziellen Mittel gab, um sie zu kaufen und es ist uns leider nicht gelungen herauszufinden, wohin diese verschwunden sind.“

So erging es wahrscheinlich auch der Krone, mit der Marie-Thérèse Urwald 1959 zur Weinkönigin gekürt wurde. Cécile Clemens dagegen kann es kaum fassen, als sie ihr Modell erblickt. „Ich habe diese Krone das letzte Mal vor 55 Jahren in den Händen gehalten. Mein Vater war damals so stolz auf mich. Man war ja dann auch eine Persönlichkeit… eine Königin.“ Wieder muss sie lachen. Sicherlich vor Freude.

„Das erste Weinfest, wie wir es heute kennen, fand 1950 statt.“ Carole Clemens, Präsidentin des „Comité des fêtes“

„Meine Tochter wäre auch sicherlich gerne Weinkönigin geworden“, meint Marie-Thérèse Urwald. „Aber nach meiner Hochzeit bin ich aus Grevenmacher weggezogen. Da war das leider nicht möglich. Aber von meinen zehn Enkelkindern ist einer gelernter Winzer geworden, in Machtum auf dem Weingut Pundel-Hoffeld. Da bin ich sehr stolz drauf.“

Am kommenden Freitag wird Jessica Bastian die 70. Trauben- und Weinkönigin. Auch sie stammt aus einer Winzerfamilie, auch wenn dies heutzutage keine Voraussetzung mehr ist.

„Es gibt leider nicht mehr so viele Winzer in Grevenmacher“, bedauert Carole Clemens. „Seit einigen Jahren motivieren wir alle Mädchen, die interessiert sind, sich schriftlich bei uns zu melden.“ Allerdings handelt es sich hier um ein fünfjähriges Engagement. Das sollten die zukünftigen Kandidatinnen sich schon bewusst machen. Mit 16 Jahren werden die Mädchen Prinzessin und nach vier Jahren werden sie endlich zur Weinkönigin gekrönt.

„Die Weinkönigin ist das Gesicht unserer Winzer, unseres Weines und unseres Crémants. Landesweit kommen die Leute, um sie zu sehen, und das ist nicht nur wichtig für Grevenmacher, sondern für die ganze Moselregion“, betont die Präsidentin vom „Comité des Fêtes“.

Zusammen blättern wir die Seiten des so reichhaltig mit Erinnerungen gefüllten Fotoalbums durch.

Fotos: Philippe Reuter, Raymond Sterba/Privat, Marie-Thérèse Urwald, Tony Krier/Privat, Cécile Clemens

Mehr Informationen über die Festlichkeiten dieses Wochenende in Grevenmachen, finden Sie unter cfg.events

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?