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Fata Morgana im Urwald

Bergab vom peruanischen Iquitos bis ins brasilianische Bélem am Atlantischen Ozean: mit der „Bremen“ auf dem Amazonas, dem längsten Fluss der Erde.

Wenn die Passagiere am Morgen an die Reling treten, steht der Himmel als gigantisches Deckenfresko über ihnen. Darunter erstreckt sich der Amazonas, der von Tag zu Tag breiter wird. Dampf steigt auf, er verschmilzt mit orangefarbenen Fetzen in der Atmosphäre. Bald darauf fängt die Sonne an zu sengen, dann wird sie ein irres weißes Auge, in das man nicht schaut.

Der erste Zodiac startet früh. Die MS Bremen hat ein Dutzend davon. Werden die Motoren angeworfen, kommt Stimmung unter den Passagieren mit ihren Schwimmwesten auf. Bis zu acht Leute hocken im Schnellboot, am Steuerknüppel steht einer der drei Biologen oder der zwei Ökologen, die mit an Bord sind. Sie erläutern Klima und Luftfeuchtigkeit, erklären den Aufbau des Regenwaldes, die schwüle Luft darin, die bizarre Pflanzen und Bäume in die Höhe treibt. Und die Wassertypen des Amazonas und der zahlreichen Nebenflüsse: Weißwasser, lehmig gelb mit einer Sichttiefe von einem halben Meter. Klarwasser, blaugrün bis olivgrün mit Sichttiefen von mindestens fünf Meter und organischen Nährstoffen. Und Schwarzwasser, schwarz bis rötlich mit Sichttiefen bis zwei Meter und arm an Sedimenten.

4.130 Kilometer werden in 17 Tagen auf dem Wasser zurückgelegt. Die Maschinen in den Tiefen des Schiffes arbeiten nahezu rund um die Uhr. Jeden Tag gibt es Ausflüge mit Zodiacs in den Regenwald, aber auch zu kleinen und größeren Städten in Peru, Kolumbien und auf der langen Strecke, die zu Brasilien gehört. Nach dem Amazonas ist in Brasilien auch der Bundesstaat benannt, der vor allem aus Wald und Wasser besteht. Mittendrin die Dschungelmetropole Manaus, die zugleich boomt und zerfällt.

Wir sind in einen Seitenarm eingebogen, nun geht es über ein seeartiges, wasserpflanzenverfilztes Ge-
wässer. An der Mündung haben wir ein kleines Caboclo-Dorf gesehen, dessen Bewohner winkten. Wir winkten zurück. Caboclos sind die Nachfahren von Indigenen, Portugiesen und Afrikanern. Es ist ihr Land, sie lieben es und haben Angst um seine Zukunft. Amazonien ist akut bedroht von Holzsägen und Sojawurzeln, die in Erdflächen geschoben werden, die so riesig sind wie Großstädte.

An den Bäumen hängen Faultiere, die ihrem Namen alle Ehre machen. Sie bewegen sich nur, wenn sie alle paar Tage die Notdurft dazu treibt, gaaaanz langsam rutschen sie am Baum herunter. In den dicht verwachsenen Bäumen hängen auch Termitennester, Tukane schweben über sie hinweg und im sanft geriffelten Wasser schmatzen bis zu zwei Meter lange Pirarucu-Fische, die zum Luftholen nach oben kommen. Im Wald grölen Brüllaffen, pfeifen Vögel und Aras krächzen.

Amazonien ist das Land mit Farben, die noch die Steine weich aussehen lassen. Und dramatischen Wolkengebilden am Himmel, die sich nach einiger Zeit auflösen wie Zucker im Wasser. Das Tiefland ist halb so groß wie Europa, eine Region ohne Übergänge zu anderen Naturräumen. Eine einheitliche Landschaft zwischen Dezember und Juni, wenn es täglich regnet, und zur Trockenzeit von Juli bis November, wenn sie am leichtesten zu bereisen ist.

Es ist der größte Regenwald der Erde. Letztes Rückzugsgebiet indigener Völker und zugleich vitale Wirtschaftszone, in der von Großgrundbesitzern und Farmern exzessiver Raubbau an der Natur betrieben wird. Sie lassen enorme Flächen entwalden, um sie mit Zuckerrohr- und Palmölplantagen zu übersäen. Die ursprünglichen Schutzzonen sind bereits um die Hälfte reduziert, das belegen Satellitenaufnahmen. Brasilien ist größter Fleischlieferant für Europa, die Rinder fressen Soja. Das Bedürfnis nach mehr Wohlstand im bitterarmen Amazonien überschwemmt das kollektive schlechte Gewissen so verlässlich wie der ansteigende Amazonas zur Regenzeit.

Die Passagiere werden an Land durch Städte wie Iquitos (Peru), Leticia (Kolumbien) und urbane brasilianische Orte in Bussen gefahren. Manaus ist nur auf dem Wasser- oder Luftweg zu erreichen. Rund zwei Millionen Menschen leben dort, die meisten sind waldflüchtige Indigene, die sich als Tagelöhner verdingen. Die Stadt des kurzen Kautschuk-Booms vor hundert Jahren verrottet flächendeckend, sie ist schmutzig, hektisch und überbevölkert. Die Jugendstilbauten sind traurige Denkmäler, gesichtslose Wohnbauten modern vor sich hin. Aber Touristen wird das extravagante Opernhaus gezeigt, 1896 eröffnet im Stil der Renaissance. Marmor aus Italien, Treppen aus englischen Schmiedeeisen, die ummantelte Riesenkuppel mit Kacheln aus dem Deutschen Reich. Vier Ränge voller Plüsch und 700 rote Samtsitze, 198 Lüster, viele aus Murano-Glas, Skulpturen, Spiegel und Deckengemälde europäischer Pinselstars. Während ringsherum vieles zerfällt.

Die Stadttouren sind eine willkommene Abwechslung, aber der wahre Hit für die nur 150 Passagiere auf dem Expeditionsschiff ist die Natur. Farne, Lianen und knotige Äste. Piranhas und Kaimane, die auf der Nachttour im Zodiac mit glühenden Augen im Schlick dümpeln. Ameisen krabbeln Kolonne, Vögel geben nicht mal nachts Ruhe, Schmetterlinge sind kobaltblau und fluoreszierende Libellen groß wie eine Erwachsenenhand. Man kann mit rosabäuchigen Flussdelfinen schwimmen. Die Biologen erzählen von der amazonischen Waldapotheke. Von 120 Obstsorten, süßsauren Bacuris, kakaohaltigen Cupuacus und bitteren Camu-Camu, deren Antioxidantien freie Radikale killen. Anakonda-Fett heilt Knochenbrüche, manche Baumrinde hat Viagra-Wirkung. Nur die Moskitos sind für nichts gut.

An Bord geht es leger zu, zum Abendessen sind Rundtische fein eingedeckt. Zu vier Gänge-Menüs gibt es noble Weine. Die Passagiere genießen das, gehen aber früh zu Bett. Schon kurz nach Sonnenaufgang gegen sechs Uhr rumpeln die ersten Zodiacs vor dem Ausstieg aus dem Schiff. Die Passagiere stehen Schlange.

Text: Roland Mischke  Fotos: Robert Simeon

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Author: Philippe Reuter

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