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Feierwütige Copycats

Klar, hierzulande gibt es eine gewisse Anzahl von Stammtischpolemikern, die sich scheinbar schwer tut, ihr Croissant beim Bäcker auf Französisch zu ordern. Im Internet und in den sozialen Netzwerken zeigen sich diese Zeitgenossen regelmäßig empört über die Tatsache, dass ihnen so viel Kenntnis in der Sprache Victor Hugos abverlangt wird. Eine Diskussion mit diesen Kleingeistern zu führen, ergibt relativ wenig Sinn. Und letztendlich hindert auch niemand sie daran, morgens in der Bäckerei zu versuchen, statt einem Croissant ein „angewinkeltes, goldbraun gebackenes französisches Butterhörnchen“ zu bestellen. Das klingt allerdings dermaßen bescheuert, dass vielleicht deshalb die Anzahl derer, die sich so zum Affen machen, gering ist.

Und trotzdem, wenn es um Befindlichkeiten geht, dann schlägt das Herz eines großen Teils der Luxemburger scheinbar eher für die deutsche als für die französische „Kultur“. Zumindest so weit, wie man plumpe Volksfeste als Kultur bezeichnen kann oder will.

Bei einem Blick in den Veranstaltungskalender wird dies mehr als deutlich. Vor allem die Events, die aus dem deutschen Kulturkreis zu uns rüber schwappen, erfreuen sich steigender Beliebtheit und erleben einen regelrechten Boom.

Zurzeit grassiert quer durchs Land das „Oktoberfest“-Virus. Nicht wenige Mitmenschen quetschen sich, passend zur Maß Bier, zu Schweinshaxen und schunkelseliger Blasmusik, in das Dirndl oder die Lederhose. Das alles in der Hoffnung, das Oktoberfesterlebnis möglichst so real werden zu lassen wie im 450 Kilometer Luftlinie entfernten München. Diese Rechnung geht allerdings selten auf: Das Bild, das sich einem bietet, wirkt in der Regel eher wie ein peinlicher Vorbote der fünften Jahreszeit und kommt meistens so authentisch rüber wie eine chinesische 10-Euro- Kopie einer Rolex-Uhr.

Ein gleich gelagertes Problem haben die Après-Ski-Parties. Diese reihen sich hierzulande nahtlos an die Oktoberfeste an. Und von Anfang November bis Ende April wird scheinbar ständig irgendwo „ge- après-skied“. Dass deutsche Mitgröl-Texte und dumpfe Melodien zur alkoholgeschwängerten Feierabendunterhaltung für feierwütige Skihasen in den unterschiedlichen deutschsprachigen Skigebieten funktionieren, mag sein. In Luxemburg, ohne entsprechende Bergkulisse, Schneegarantie und Minusgrade, sind sie so fehl am Platz wie eine Truppe jodelnder Pinguine in der Wüste.

Vielleicht sind Traditionen auch einfach nur polyglotter geworden.

Jeder hat selbstverständlich das gute Recht, lieber ein „Volksfest“ statt einem „Dëppefest“ oder einer „fête populaire“ zu feiern, aber man sollte nicht vergessen, dass Volksfeste sich – wenn sie authentisch wirken und bleiben sollen – nicht einfach so mit demselben Charme und Stil an einen x-beliebigen Ort verpflanzen lassen.

So unterscheidet sich die „Schueberfouer“ in ihrer Ausrichtung zwar nicht wirklich grundlegend vom Münchener Oktoberfest und doch ist sie für Luxemburg das, was man als „glaubwürdiges Volksfest“ betiteln könnte. Eine Tradition eben und kein künstlich implantierter Event. Aber vielleicht sind Traditionen auch einfach nur polyglotter geworden. Die erste „Sprangprozessioun“ in Rio de Janeiro oder die erste „Éimaischen“ auf dem Roten Platz in Moskau werden bestimmt authentisch wirkende Mordsgaudis. Hoffentlich fehlt das Luxemburger Bier nicht…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Stellvertretender Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Georges Noesen

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