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„Fliehe weit…

… und schnell.‟ So der Titel eines Thrillers aus dem Jahr 2007. Darin kündigt ein Unbekannter die Rückkehr der Pest an. Doch die ersten Seuchenopfer, die gefunden werden, sind lediglich mit schwarzer Kreide angemalt. Und gestorben sind sie nicht an Flöhenbissen, sondern durch ein Gift, das die Lunge in Sekundenschnelle lähmt. Ich habe mir den Film von Régis Wargnier noch einmal angeschaut und nicht schlecht darüber gestaunt, wie ähnlich Menschen sich angesichts einer drohenden Epidemie verhalten.

Der geheimnisvollen Botschaft des Täters an den Türen der Pariser Wohnungen, die im Mittelalter vor der todbringenden Infektionskrankheit schützen sollte – „cito longe tarde‟ (auf Deutsch: Fliehe schnell und weit und kehre nicht zu bald zurück) –, bin ich übrigens gefolgt. Ich bin geflüchtet. Allerdings nur nach Wiltz. Dort fühle ich mich irgendwie sicherer. Nicht so sehr vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus, eher vor dem Buden-Koller. Das Haus meines Partners liegt nämlich in Waldesnähe, und da seit Beginn der Ausgangssperre schönes Wetter ist, gehen wir jeden Nachmittag drei bis vier Stunden spazieren. Nie hat Wandern mir so gut getan. Wir lassen uns Zeit, machen viele Fotos, ruhen uns auf jeder Bank aus. Philosophische Gespräche führen wir unterwegs nicht unbedingt. Stattdessen planen wir die nächsten Tage. Was eigentlich auch nicht dringend notwendig wäre, denn deren Ablauf ist peinlich genau strukturiert.

Büro2-KopieWir stehen – wie gewohnt – um sieben Uhr auf. Nach dem Frühstück und den Morgennachrichten ziehe ich mich in das mir (auf Lebenszeit) zur Verfügung gestellte Büro zurück und schreibe meine Reportagen und Rubriken für die kommenden „revue‟-Nummern, während Marco rund ums Haus oder im Garten werkelt. Um halb zwölf trete ich den Küchendienst an. Wir essen momentan sehr gesund. Wenig(er) Fleisch, viel frisches Gemüse und Ingwer, im Wok zubereitet. Die Spülmaschine ein- und wieder auszuräumen, gehört zum Glück nicht zu meinen Aufgaben. Nach einer Tasse Kaffee werden die Wanderschuhe geschnürt. Und raus geht’s in die Natur. In der ersten Woche haben wir lediglich die Wiesen- und Feldwege rund um Wiltz erkundet, in der zweiten trauten wir uns in die nähere Umgebung: Brachtenbach, Derenbach, Berlé… Früher habe ich Marco oft ausgelacht. Weil ich nicht verstehen konnte, dass man an einem Ort hängt. An Menschen schon. Oder an seiner Freiheit. Nicht jedoch an einer Landschaft, so wunderschön sie auch ist. Mittlerweile habe ich ein Umdenken bei mir festgestellt. Ich habe mich nämlich verliebt. Und zwar ins Ösling.

Was mich noch wundert: Ich vermisse in meinem neuen Leben als Gefangene eines heimtückischen Virus keine meiner früheren kulturellen Lieblingsbeschäftigungen. Filme kann ich mir auch am Computer anschauen. Ausstellungen und Museen sind virtuell zu besuchen. Und sollte die Corona-Krise noch bis zum Ende des Jahres andauern (was ich nicht hoffe), werden zudem immer mehr materialistische Werte für mich an Bedeutung verlieren. Ich kann mir sogar vorstellen, auf Fernreisen zu verzichten. Woran ich mich hingegen nie gewöhnen werde, ist Isolation. An den Wochenenden, die ich allein in meinem Haus in Differdingen verbringe, weil der Briefkasten geleert werden will und weil ich ins Büro muss, da ich privat immer noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen bin, leide ich plötzlich an Klaustrophobie. Obwohl ich tausend Dinge zu tun hätte – Gartenhäuschen ausmisten, Keller sauber machen, die Nähmaschine auspacken und endlich damit beginnen, die tausend Meter Stoff zu verarbeiten, die ich in den letzten Jahren gehortet habe –, liege ich meist völlig lustlos auf der Couch, schaue zur Not sogar DSDS und ärgere mich über mich selbst.

Was mich beim derzeitigen Ausnahmezustand am meisten beunruhigt, ist diese Abhängigkeit von einer Ungewissheit. Wann wird wieder von einer gewissen Normalität die Rede sein? Für wie lange dürfen wir noch im Homeoffice (eine tolle Erfindung) arbeiten? Ich bin ein Mensch, der ohne Plan und ohne Struktur sehr unglücklich ist. Daher ist mir eine geregelte Tagesabfolge derart wichtig. Es gibt mir Halt. Nach den Wanderungen und vor dem Abendessen hat übrigens jeder von uns noch etwas Zeit für sich. Während Marco eine „Soko‟-Folge kuckt, checke ich die Mails oder lese. Um 19.30 Uhr gehören die RTL-Abendnachrichten wiederum zum gemeinsamen Pflichtprogramm. So vergehen die Tage. Ewig so zu leben, wäre nicht mein Ding. Irgendwann wird es auch wieder zu regnen anfangen, und spätestens in dem Moment werden sämtliche Decken meinem Kopf verdammt nahe kommen.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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