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Flucht in den Sport

Unzählige Luxemburger mit Migrationshintergrund haben sich in den letzten Jahrzehnten über den Sport integriert. Gemeinsames Schwitzen, Leiden und Lachen hilft auch den Flüchtlingen auf ihrem schwierigen Weg.

Fotos: Julien Garroy (2), Chrëscht Beneké

Ein erster Höhepunkt in Rio ist der traditionelle, stundenlange Einmarsch der Nationen. Jedes Land schaut auf seine sportlichen Aushängeschilder, die populären Botschafter des Landes. Unmittelbar vor dem abschließenden Gastgeber Brasilien kommt es zu Jubelstürmen, Standing Ovations. Erstmals betritt ein Refugee Olympic Team die größte Bühne des weltweiten Sports. Es ist eine geschickte, viel gelobte Initiative des ansonsten so umstrittenen Internationalen Olympischen Komitees. Ausnahmsweise geht es nicht ums Schneller, Höher, Stärker. Das Mensch sein und die Anerkennung sind wichtiger.

„Ich will mit meinem Auftritt auch anderen Flüchtlingen Hoffnung machen“, sagt Yonas Kinde mit leiser Stimme. Der schnelle Langstreckenläufer aus Äthiopien war beim Großherzog eingeladen, speiste mit dem IOC-Präsidenten Thomas Bach. Auf internationaler Ebene hat der schüchterne Läufer bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro bei weitem am meisten Werbung für sein luxemburgisches Zuhause gemacht. Dabei ist das nur ein netter Nebeneffekt. Der vielleicht wichtigste, und im Allgemeinen von der Politik und der Gesellschaft unglaublich unterschätzte Aspekt des Sports ist die Integration.

Etliche Ebenen tiefer, von der großen Öffentlichkeit ignoriert, stretchen sich an einem kalten Samstagnachmittag nahe der Sporthalle in Lintgen ein Dutzend Sportler, führen einige Technikübungen durch. Die persönliche Ausrüstung ist bunt gemischt, ein Jugendlicher fröstelt im dünnen T-Shirt. Ich werde mit einem „Moie Monsieur“ begrüßt, ansonsten fliegen oft französische und englische Sprachfetzen umher, wird aber auch per Gesten und Blicken kommuniziert, etwas Rumgealbert und Gelacht.

Am Ende gewinnen alle Seiten.

„Im Sport ist die Kommunikation und Sprache einfach“, findet Tom Majerus. Er ist Erzieher in einem Heim in Troisvierges, elf unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge sind dort zuhause. Beim Sport können sich seine Jugendlichen austoben, aber auch leichter mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Ziemlich sportlich haben einige gleich beim City Jogging mit gemacht und waren auch beim Kulturlaf am Start. Der diplomierte Triathlontrainer Guy Bertemes gibt nun etwas mehr Struktur ins Training. „Ich habe mich fünf Jahre lang in Schrassig mit um den Sport gekümmert, ich weiß, wie sehr Sport Jugendlichen hilft“, erklärt der Vollzugsbeamte. Mit seiner Trainerarbeit im Verein hat er aufgehört, aber er will gerne weiter mit Jugendlichen arbeiten. Weil es Sinn mache. „Wir bereiten uns auf den Sylvesterlauf vor. Es tut ihnen gut, ein Ziel zu haben“, erklärt er.

Der König der Läufer: Ohne den aufmerksamen Journalisten Pierre Gricius hätte sich Yonas Kinde wohl nie für das Refugee Olympic Team gemeldet. So erhalten sie am 1. Dezember auch gemeinsam den Ehrenpreis der hiesigen Sportpresse.

Der König der Läufer: Ohne den aufmerksamen Journalisten Pierre Gricius hätte sich Yonas Kinde wohl nie für das Refugee Olympic Team gemeldet. So erhalten sie am 1. Dezember auch gemeinsam den Ehrenpreis der hiesigen Sportpresse.

Längst ist der kalte Wind schneidend geworden. Der fröstelnde Afghane läuft in seinem für Sport denkbar ungeeigneten Mantel mit der Gruppe los. Ziel ist nicht der Hochleistungssport. Ziel ist auch nicht, neue Sportler für seinen geliebten Triathlon zu rekrutieren. Es geht eigentlich nur darum, das Richtige zu tun. Und das ziemlich unstrukturiert, von Zufällen, Beziehungen und persönlichem Einsatz gekennzeichnet. Tom Majerus hatte einfach als erster auf das Trainingsangebot von Guy Bertemes reagiert, nun läuft auch dessen Bekannter Patrick Thill einige Runden in hochmoderner, atmungsaktiver Funktionsbekleidung mit. Im Auto hat der FLTri-Generalsekretär weitere Kisten davon. Wenn Sponsorenlogos ändern, werden die noch unbenutzten Kleidungsstücke für die Elitesportler des Verbandes unbenutzbar. Die Laufgruppe ist dankbarer Abnehmer. Beim Aquathlon revanchieren sie sich demnächst als freiwillige Helfer.

Sam Kries erzählt, dass kürzlich einige Flüchtlinge den Schwimmverband als Freiwillige unterstützten. Der administrative Leiter kümmert sich beim COSL darum, dass Flüchtlinge möglichst reibungslos in die luxemburgische Sportwelt aufgenommen werden können. Bereits im Oktober 2015 hat der Dachverband des privat organisierten Sports erste Leitlinien an die Verbände geschickt. Immer wieder setzen sich COSL, Sportministerium, Akteure wie das Rote Kreuz und das für die Flüchtlinge zuständige Amt OLAI zusammen an einen Tisch. Der Rat des OLAI an die Sportvereine in der Flüchtlingsfrage ist einfach: „Macht die Tür auf und sagt, sie können kommen.“

Dafür musste zuerst hinter den Türen einiges geklärt werden: Wer mit anerkanntem Flüchtlingsstatus hier arbeiten darf, sich weitgehend frei bewegen kann, kann natürlich für die Dauer seiner Aufenthaltserlaubnis auch recht einfach eine reguläre Sportlizenz lösen. Sogar die Frage einer etwa von einem syrischen Verein unmöglich zu erhaltende Freigabe ist ziemlich einfach geklärt. Solange der eigene Asylantrag nicht fertig bearbeitet ist, wird nur den unter 16-Jährigen eine zeitlich begrenzte Lizenz ausgestellt. Zu groß ist die Befürchtung, dass ansonsten kurzfristig Meisterschaften verfälscht werden können. Aber auch, dass sportliche Flüchtlinge ausgebeutet werden und ein Menschenhandel entsteht. Zumindest am Training und Freundschaftsspielen dürfen auch junge Erwachsene teilnehmen. Unbürokratisch übernimmt die OLAI die Versicherung der ersten drei Monate. Auch das COSL und das Sportministerium haben mit ihren Versicherern den Versicherungsschutz der Flüchtlinge geklärt.

„Es tut gut, ein Ziel zu haben.“ Guy Bertemes

Rund die Hälfte seiner Jungen hat eine Sportlizenz, erzählt Tom Majerus. Neben dem großen Favoriten Fußball sind Kampfsportarten recht beliebt. Als der Verein TaeKwonDo-Norden letztens nach Belgien fuhr, musste er seinen lizensierten Flüchtling aber zurücklassen: Auslandsreisen sind vor Anerkennung des Flüchtlingsstatus kaum möglich. Doch auch für anerkannte Flüchtlinge bleiben etliche Probleme. Die Brüder Al Ali aus Syrien konnten mit Pässen voller Visen zwar vergleichsweise einfach nach Deutschland flüchten. Anschließend lotste der Präsident des Differdinger Vereins Fred Charlé die ihm bekannten Weltmeister vor rund einem Jahr nach Luxemburg. Der 21-jährige Muhannad und sein ein Jahr jüngerer Bruder Mohamad wurden jedoch im nördlichen Bourscheid untergebracht und nahmen, zu Fuß, mit Bus und Bahn stundenlange Reisen zum Training im Verein oder dem Nationaltraining in der Coque auf sich.

Sport hilft: Guy Bertemes gibt sein Wissen gerne ehrenamtlich an Flüchtlinge weiter.

Sport hilft: Guy Bertemes gibt sein Wissen gerne ehrenamtlich an Flüchtlinge weiter.

Als Syrier war ihr Statut bereits im Februar geklärt, doch bei einem Turnier in der Türkei wurden sie im Juli vom dortigen Militärputsch überrascht und kehrten verspätet zurück. Ihr Heimplatz war mittlerweile vergeben. Eigentlich ist das OLAI bei anerkanntem Statut auch nicht mehr zuständig und so landeten sie letztlich sogar wieder im Erstaufnahmezentrum der Kirchberger Ausstellungshallen. Ihrer Liebe zum Karate tut aber sogar das keinen Abbruch und sie geben seit vier Monaten selber Kurse im Karate. Insbesondere bei jungen Syrern kommt diese Initiative von Sportunity ausgesprochen gut an. Der Verein unterstützt seit drei Jahren benachteiligte Jugendliche im und durch Sport.

Auch ein gewisser Yonas Kinde hat für sie bereits Kurse geleitet. Im Gegensatz zu dessen Wettkampf in Rio, den der IOC finanzierte, stemmte der nationale Verband die Kosten und Logistik für die WM-Teilnahme der Brüder Ende Oktober im österreichischen Linz. Karate wird übrigens bereits in Tokyo 2020 olympisch. Im Großen und im Kleinen: bei der Integration durch Sport gewinnen am Ende alle Seiten.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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