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Frauen als Chefs

Schon lange wird über die Frauenquote in Aufsichtsräten und Chefetagen debattiert. Dabei beweist der Blick in die Geschichte, dass es schon immer Frauen gegeben hat, die erfolgreiche Unternehmen geführt haben. Auch in Luxemburg. Fotos: privat, François Aussems/Editpress

Joëlle Letsch und Netty Thines sind Feuer und Flamme. Frauen im Beruf, Vereinbarkeit von Karriere und Familie, weibliche Chefs – das sind ihre Themen. Und beide kennen sich aus. Die eine gründete vor 15 Jahren ein Beratungsunternehmen, die andere leitet seit 25 Jahren eine Firma für Kommunikation. Trotz Kindern, trotz Hausarbeit. „Das geht alles“, sagt Netty Thines. „Es kommt nur auf die Einstellung zur Arbeit an und welche Leidenschaft man dafür entwickelt.“

Claire Ernster-Kihn leitete 27 Jahre lang die „Librairie Ernster“

Claire Ernster-Kihn leitete 27 Jahre lang die „Librairie
Ernster“

Weibliche Chefs sind mittlerweile keine Seltenheit mehr, jedes fünfte kleine Unternehmen mit weniger als 25 Mitarbeitern wird von einer Frau gegründet. Trotzdem ist da noch jede Menge Luft nach oben, finden Joëlle Letsch und Netty Thines. Deshalb haben sie eine Ausstellung auf die Beine gestellt, die an genau solche Frauen erinnert: Frauen, die im eigenen Betrieb „ihren Mann gestanden haben“ – als Gründerin, als Chefin, als Ideenlieferantin. „Les femmes pionnières de l’entrepreneuriat au Luxembourg“.

Zwölf Porträts von erfolgreichen luxemburgischen Unternehmerinnen haben Letsch und Thines gemeinsam mit Domenica Fortunato, die in Hesperingen eine Firma für Hoch- und Tiefbau betreibt, zusammengetragen. Die Idee entstand in einem Gremium, dem alle drei Frauen angehören, dem „Female Entrepreneurship Ambassadors Luxembourg“ (FEALU). Es wurde 2010 mit dem Ziel gegründet, andere Frauen zu ermutigen, eigene Firmen und Betriebe zu gründen. „Mit der Ausstellung wollen wir Frauen, von denen nur wenige Menschen überhaupt wissen, sichtbar machen, auch deshalb, damit sie als Inspirationsquelle für junge Frauen dienen können“, erklärt Joëlle Letsch.

Barbe Peckels, Christine Decker-Mullendorff, Elise Goedert, Valérie Meris-Wagner – das sind nur einige der Namen, denen man in der Ausstellung begegnet. Sie alle haben sich – in unterschiedlichen Bereichen – sehr erfolgreich um einen Betrieb gekümmert, den sie entweder selbst gegründet oder aber mehr oder weniger zufällig übernommen haben. „Viele Familienbetriebe sind zumindest eine Zeitlang von Frauen geführt worden“, erzählt Joëlle Letsch. „Vor 50 oder 100 Jahren ging das gar nicht anders. Wenn der Mann plötzlich weggefallen ist, blieb nur die Wahl, alles liegen zu lassen oder weiter-zumachen. Und was vielleicht aus der Not entsprungen ist, wurde auf einmal richtig gut, effizient und erfolgreich.“ Nicht selten hätte der Betrieb hinterher sogar besser und breiter gefächert dagestanden.

Nelly Duhr leitete fast 30 Jahre lang das gleichnamige Weingut.

Nelly Duhr leitete fast 30 Jahre lang das gleichnamige Weingut.

Zwei Jahre haben die Recherchen für die Ausstellung gedauert. Am schwierigsten war es, überhaupt auf die Geschichten der Frauen zu stoßen und anschließend das Material zusammen zu bekommen: Fotos, Briefe oder alte Rechnungen. „Es war interessant zu sehen, wie sich plötzlich Menschen wieder daran erinnert haben, dass es in ihren Familien durchaus Frauen gegeben hat, die ein Geschäft eröffnet haben“, sagt Netty Thines. Die Familien der Frauen zeigten sich hilfreich und steuerten gar die eine oder andere Anekdote bei. Wie die über Claire Ernster-Kihn. Zwischen 1939 und 1956 leitete sie die Geschicke des Familienbetriebs, der „Librairie Ernster“. Im von den Deutschen besetzten Luxemburg war sie gezwungen, zum Geburtstag des Führers ein Foto von Adolf Hitler ins Schaufenster zu stellen. Ganz unkommentiert ließ sie das jedoch nicht: Sie platzierte eine Ausgabe von Dostojewskis „Der Idiot“ genau daneben.

Von den zwölf porträtierten Frauen ist eine noch am Leben: Nelly Duhr vom Domaine viticole Mme Aly Duhr et Fils in Ahn. Bis vor drei Jahren leitete sie das familieneigene Weingut. Nach Aussage von Joëlle Letsch und Netty Thines ist die 83-Jährige allerdings so bescheiden, dass sie sich anfangs für die Ausstellung nicht einmal fotografieren lassen wollte. Getan hat sie es glücklicherweise trotzdem.

Den Traum vieler Luxemburgerinnen, einen Job beim Staat zu bekommen, können Joëlle Letsch und Netty Thines zwar nachvollziehen. Doch gutheißen können sie ihn beide nicht. „Einen Betrieb zu führen hat viele tollen Seiten“, sagt Joëlle Letsch. „Man hat Freiraum, Verantwortung und kann seine Ideen einbringen. Dafür hat man vielleicht weniger Sicherheit, aber die Leute, die Freiheit gerne haben, suchen sicherlich weniger Sicherheit.“

Die Ausstellung läuft vom 26. März bis zum 3. April in der Chambre de Commerce. Für nachfolgende Ausstellungen wird weiteres Material gesucht. Mehr Infos unter: Joelle.Letsch@ADT-Center.lu oder netty.thines@mediation-sa.lu.

 Mary Keiser-Miller legte den Grundstein für die Ferber-Group in Bascharage

Mary Keiser-Miller legte den Grundstein für die Ferber-Group in Bascharage

Verantwortliche: Netty Thines und Joëlle Letsch. (François Aussems/Editpress)

Verantwortliche: Netty Thines und Joëlle Letsch. (François Aussems/Editpress)

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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