Home » Home » Freiheitsentzug und Sexualität

Freiheitsentzug und Sexualität

Dass bei einer Gefängnisstrafe dem Verurteilten die Freiheit entzogen wird, klingt logisch, ist aber weit komplizierter als man denkt. Denn auch im Gefängnis behält der Gefangene Freiheiten – auch die sexuelle Freiheit. Philosophische Gedanken über den Strafvollzug von Norbert Campagna.

Ein Gefängnisinsasse hat die Freiheit, sich die Zähne zu putzen, das heißt: Niemand darf ihn zum Zähneputzen zwingen, auch darf ihn niemand daran hindern, sich die Zähne an dem dafür vorgesehenen Ort zu putzen. Durch das Urteil zur Freiheitsstrafe wird dem Gefangenen also nicht DIE Freiheit entzogen, sondern einzelne Freiheiten. Damit stehen wir aber vor der Frage nach dem Kriterium zur Bestimmung der Freiheiten, die dem Gefangenen entzogen werden sollen und auch dürfen.

Dass ihm die Freiheit genommen wird, sich in der „außergefänglichen“ Gesellschaft aufzuhalten, liegt auf der Hand und definiert sozusagen die „Gefängnisstrafe“. Dabei wird man zwischen dem Grund und dem Zweck der Strafe unterscheiden müssen, sowie zwischen zwei Strafzwecktheorien. Die erste Theorie ist vergangenheitsorientiert und behauptet, dass die Strafe im Sinne der Vergeltung zu denken ist: Du wirst bestraft, weil Du ein Verbrechen begangen hast. Die zweite Theorie ist zukunftsorientiert und fasst die Strafe als präventive Maßnahme auf: Du wirst bestraft, damit Du (oder Dritte) kein Verbrechen (mehr) verübst. Der Gefangene kann gegenüber der großen Mehrheit der Bevölkerung kein Verbrechen mehr begehen. Und die Aussicht auf eine Strafe kann mögliche Verbrecher davon abschrecken, zur Tat zu schreiten. Diese Aussicht kann natürlich auch den Gefangenen selbst davor abschrecken, erneut eine kriminelle Tat zu begehen.

Man sollte allerdings nicht bei reinen Wirksamkeitsüberlegungen stehen bleiben. Es gibt bestimmte Freiheiten, die man auch innerhalb der Mauern eines Gefängnisses weiterhin genießen sollte. Dazu gehört die schon erwähnte Freiheit, seine Zähne zu putzen – oder eben nicht. Dazu gehört auch die Freiheit, sich vegetarisch ernähren zu können, vor allem dann, wenn der Vegetarismus auf Gewissensgründen beruht. Und keinem Gefangenen sollte die Freiheit entzogen werden, sich zu bilden.

Im Gefängnis, so ließe sich das bisher Gesagte zusammenfassen, sollten niemandem prinzipiell jene Freiheiten genommen werden, die ihm qua autonomer Person zustehen. Und wenn jemand glaubt, dass man einem Gefangenen eine dieser Freiheiten entziehen sollte, dann liegt die Last des Beweises auf den Schultern desjenigen, der die Freiheit entziehen will. Man wird sich hier nicht mit fadenscheinigen Argumenten begnügen können.

Trägt die Sexualität nicht auch zur Humanisierung und Kultivierung des Menschlichen bei?

Eine dieser Freiheiten ist die sexuelle Freiheit, verstanden als Freiheit, sein Sexualleben so zu gestalten, wie man es für richtig findet – allerdings immer nur im Rahmen des Respekts gegenüber seinen Mitmenschen. Die sexuelle Freiheit lässt sich dabei in einem doppelten Sinn verstehen: als Freiheit von und als Freiheit zu.Dass kein Gefangener zu sexuellen Handlungen gezwungen werden darf, die er nicht erleiden will, dürfte jedem klar sein. Leider kommt es noch immer vor, dass Gefangene von ihren Mitgefangenen sexuell misshandelt werden. Dass ein Staat leider nicht absolut verhindern kann, dass im öffentlichen Raum Menschen vergewaltigt und sexuell belästigt werden, ist verständlich. Dass er aber nicht einmal in der Lage ist, es innerhalb einer geschlossenen Anstalt zu verhindern, lässt Fragen hinsichtlich seiner Effizienz aufkommen.

Doch lassen wir diese Fragen im Augenblick auf sich beruhen und betrachten wir die Freiheit zu. Hier geht es nicht darum, dass Gefangene zu sexuellen Handlungen gezwungen werden, sondern darum, dass sie die Gelegenheit bekommen, jene sexuelle Handlungen auszuüben, die sie ausüben wollen, und zwar mit Menschen von denen sie wissen, dass sie damit einverstanden sein werden. Der klassische Fall ist hier derjenige eines verheirateten Paares, wo ein Ehepartner im Gefängnis ist. Sollte man hier davon ausgehen, dass der sexuelle Freiheitsentzug automatisch im Freiheitsentzug enthalten ist – so wie der Entzug der Freiheit, Handlungen auszuführen, die man nur außerhalb des Gefängnisses ausüben kann –, oder bedarf der Entzug der sexuellen Freiheit einer besonderen Begründung? Und wie könnte dann eine solche Begründung aussehen, um den Entzug zu rechtfertigen?

Sexuelle Lust ist zwar als solche ein Gut, aber nur in dem Sinne, wie das Trinken eines Glases Wassers ein Gut ist.

Dass man den Gefangenen die Freiheit, sich selbst zu befriedigen, nicht entziehen sollte, scheint kaum begründungsbedürftig zu sein – solange diese Freiheit in der gewünschten Diskretion ausgeübt wird und man andere nicht damit belästigt. Und wer immer noch glaubt, dass Selbstbefriedigung blöd macht, wie der Arzt Tissot es im 18. Jahrhundert in der Onania behauptete, muss sich in seiner Jugend sehr viel selbst befriedigt haben. Allerdings sollte der Hinweis darauf, dass Gefangene die Freiheit zur Selbstbefriedigung haben, nicht zur Schlussfolgerung verleiten, dass Gefangene demnach die sexuelle Freiheit, die sie wollen, ja schon genießen, beziehungsweise, dass sie damit über genügend sexuelle Freiheit verfügen.

Was der sexuellen Freiheit ihren eigentlichen Wert gibt, ist die Möglichkeit, diese Freiheit zusammen mit jemandem auszuleben. Sexuelle Lust ist zwar als solche ein Gut, aber nur in dem Sinne, wie das Trinken eines Glases Wassers ein Gut ist. Das Trinken eines Glases Weins – oder eines frisch gepressten Orangensaftes – ist ein höheres Gut. Nicht im moralischen, aber doch im ästhetischen Sinn. Und ähnlich könnte man sagen, dass auch ein Sexualakt zu zweit einen höheren ästhetischen Wert haben kann – und meistens auch hat –, als ein allein praktizierter Sexualakt.

Doch sollte man beim Ästhetischen stehen bleiben? Kann man dem höheren ästhetischen nicht zugleich auch einen höheren, wenn nicht moralischen, so doch zumindest ethischen Wert zuschreiben? Macht ein „schöneres“ Sexualleben – und damit meine ich nicht ein sich sklavisch den einzig auf Performanz pochenden Szenarien billiger Erotik- oder Pornofilme unterwerfendes Sexualleben – nicht zugleich auch bessere Menschen aus uns? Oder noch anders formuliert: Trägt die Sexualität nicht auch zur Humanisierung und Kultivierung des Menschlichen bei? Die Babylonier hatten dies übrigens schon im Gilgamesch-Epos vorausgeahnt.

Wenn die Sexualität als möglicher Vektor ethischer Werte angesehen wird, dann wird man schon gewichtige Argumente ins Feld führen müssen, um Gefangenen ein Sexualleben zu verweigern, das aus mehr als der Selbstbefriedigung besteht. Was könnten solche Argumente sein? Als erstes ließe sich das Praktikabilitätsargument anführen, das da lautet: Es geht nicht, beziehungsweise es ist viel zu kompliziert. Auch wenn man nicht bestreiten kann, dass Schwierigkeiten bestehen, so sind diese doch nicht unüberwindlich. In manchen Ländern hat man sie gelöst, und die gefangene Person kann während einiger Stunden mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin allein in einem eigens dafür eingerichteten Raum verbringen.

Es ist ein Thema, über das in Luxemburg weitgehend geschwiegen wird.

Als zweites ließe sich das Sicherheitsargument anführen. Wer weiß, was ein Partner oder eine Partnerin alles ins Gefängnis einführen kann, wenn er oder sie für ein Schäferstündchen kommt. Auch dieses Argument kann nicht einfach so übergegangen werden. Allerdings wird man feststellen, dass auch jetzt schon viele Dinge in den Zellen der Gefangenen sind, die dort nicht sein sollten – etwa Mobiltelefone oder gar Gegenstände, die als Waffe missbraucht werden können. Diese Feststellung ist natürlich noch kein zufriedenstellendes Argument. Als solches könnte aber der Hinweis gelten, dass man durchaus eine Ganzkörperkontrolle des Partners oder der Partnerin vornehmen könnte. Besser wäre es natürlich, wenn man das Ganze in einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens durchziehen könnte. Und in diesem Kontext wird man nicht nur auf das Recht der gefangenen Person auf ein schönes Sexualleben hinweisen, sondern auch auf die Pflicht dieser Person, nicht unangemessen von der Freiheit zu profitieren, die man ihr lässt.

Ein drittes Argument nimmt die Form des Arguments der glitschigen Bahn an: Wenn man den Besuch zu sexuellen Zwecken für einen Ehepartner oder eine Ehepartnerin zulässt, dann müsste man auch denjenigen einer Person zulassen, die in einer festen Beziehung mit der gefangenen Person lebt. Und lässt man dies zu, wird man auch Besuche bei Personen zulassen müssen, zwischen denen eine losere Beziehung besteht. Am Ende wird man dann auch zulassen müssen, dass sich prostituierende Personen im Gefängnis tummeln und dort ihr Gewerbe betreiben.

Auch wenn man sich vor solchen Argumenten in Acht nehmen muss, da sie oft den Teufel an die Wand malen, den es dort ebenso wenig gibt wie den wirklichen, so sollte man das Argument doch ernst nehmen und es zu entkräften versuchen. Ein solcher Entkräftungsversuch könnte folgende Form annehmen: Wenn das wirklich Wertvolle an sexuellen Handlungen in jenen vorhin genannten ästhetischen und ethischen Dimensionen liegt, dann kommt einer sexuellen Handlung, die man mit einer sich prostituierenden Person vollzieht, im Regelfall ein geringerer ästhetischer und ethischer Wert zu – die moralische Dimension setze ich hier zwischen Klammern, da sie uns in die komplexe Diskussion betreffend den moralischen Charakter der Prostitution führen würde. Wenn dem so ist, und wenn man annimmt, dass es keinen wesentlichen ästhetischen oder ethischen Unterschied gibt zwischen einer sexuellen Handlung mit einer aufblasbaren Puppe und einer sich prostituierenden Person, dann scheint folgender Schluss gerechtfertigt: Einer gefangenen Person wird keine wesentliche Freiheit entzogen, wenn man ihr den Rekurs auf die Dienste einer sich prostituierenden Person verweigert.

In diesem Beitrag habe ich das Thema des Sexuallebens hinter Gittern nur in seinen groben Linien skizzieren können. Es ist ein Thema, über das in Luxemburg weitgehend geschwiegen wird. Ich weiß nicht, ob jemals ein Abgeordneter oder eine Abgeordnete eine diesbezügliche Frage an den Justizminister gerichtet hat. Da manchen hinter Gittern sitzenden Menschen ihre Wahlfreiheit entzogen wurde, wird auch wahrscheinlich kein Abgeordneter und keine Abgeordnete in Zukunft eine diesbezügliche Frage stellen.

Text: Norbert Campagna / Fotos: Pixabay, Jean-Claude Ernst (Editpress), Anne Lommel

Norbert Campagna
Geboren 1963, Dr. phil. Habil., unterrichtet Philosophie am Lycée de Garçons Esch und ist professeur associé an der Universität Luxemburg. In seinen zahlreichen Publikationen befasste er sich unter anderem mit Staats-, Rechts- und Moralphilosophie sowie mit Ethik und Sexualität.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?