Home » Kultur » Frischer Wind

Frischer Wind

Aus der Vision eines Kammerorchesters, das Ost- und Westeuropa musikalisch vereint, ist nach 25 Jahren eine feste Institution im Luxemburger Musikleben geworden: die Solistes Européens Luxembourg. Gefeiert wird mit einem außergewöhnlichen Konzert in der Philharmonie.

Eugène Prim ist zwar kein Hellseher, weiß aber ganz genau, wie die Zukunft aussehen soll. Die der Solistes Européens Luxembourg jedenfalls. Die Kraft läge in der Jugend. Sie gelte es aufzubauen und zu fördern. Und so hat der SEL-Präsident der ersten Stunde sich darum bemüht, einen Sponsor zu finden, der Schüler und Studenten gratis Konzertkarten zur Verfügung stellt. Darüber hinaus wird eng mit der Miami University in Differdingen und der Uni Luxemburg zusammengearbeitet. Mit dem Resultat, dass das Publikum sich verjüngt, und das gefällt dem einstigen Banker.

Seit 25 Jahren managt Eugène Prim die SEL, kümmert sich und verhandelt, ist quasi der Motor des 1988 geborenen Projekts. Damals schwärmt Jack Martin Händler, Violinist aus Bratislava und Freund von Jean Wenandy, der die „Soirées de Luxembourg“ organisiert, von einem Kammerorchester, das Ost- und Westeuropa musikalisch vereint. Ein Jahr später geben die SEL unter seiner Leitung ihr erstes Konzert im Großen Theater. Doch damit nicht genug. Der Mitschnitt wird als CD veröffentlicht. Als Dank für die finanziellen Unterstützer. Eine Premiere in Luxemburg.

Foto: Thierry Martin

Eugène Prim, SEL-Präsident / Foto: Thierry Martin

„Am Ufank ware just véier Concerte pro Saison geplangt“, so Eugène Prim, doch bereits im zweiten Jahr steigt die Zahl auf sechs Auftritte und zum zehnjährigen Jubiläum spielen die SEL Beethovens Neunte fünf Mal in Folge – eine kleine Sensation. „Et goufen allerdéngs och schwéier Zäiten“, räumt Eugène Prim selbstkritisch ein. Als 2005 die Philharmonie eröffnet wird, kommt es zu einer recht drastischen Veränderung der Musiklandschaft.

Plötzlich gibt es nicht mehr ein Konzert pro Woche in Luxemburg-Stadt, sondern bis zu sieben anspruchsvolle Veranstaltungen mit bekannten Musikern und Orchestern aus der ganzen Welt. Auf diese Herausforderung sind die SEL nicht vorbereitet. „Mir hunn eis missen eppes afale loossen. Hätte mir einfach weider gemaach wéi gewinnt, géif et d’SEL haut net méi ginn.“ In diesem schwierigen Moment kommt der damalige Philharmonie-Intendant Matthias Naske dem Ensemble zur Hilfe – mit dem Rat, sich eine Nische zu suchen, die noch nicht besetzt ist. Anders ausgedrückt: Schluss mit dem klassischen Programm, her mit neuen Ideen, neuen Solisten, einer anderen Ausrichtung.

„ Am Duerch-schnëtt komme ronn 1.000 Leit op d’SEL-Concerten an der Philharmonie.“ Eugène Prim, SEL-Präsident

Jack Martin Händler will jedoch nicht mitziehen. Die Trennung nach 19 Jahren tut weh, doch es gibt keine andere Lösung. Rolf Beck, früherer Intendant der Bamberger Symphoniker, des NDR Orchesters und des Schleswig Holstein Festivals steht Eugène Prim und seinen Vorstandskollegen mit Rat und Tat zur Seite. Gastdirigenten sollen das Schiff einstweilen schaukeln, mit verschiedenen klappt es hervorragend, mit anderen nicht, und bald steht fest, dass man besser daran täte, sich auf einen Kapitän festzulegen. Die Wahl fällt auf Christoph König. Wegen seiner beachtlichen Kapellmeisterkarriere mit Stationen in Wuppertal und Bonn, wegen seiner Erfahrung als Chefdirigent in Malmö und Porto und weil die Chemie auf Anhieb stimmt. Der Mann, der alles wieder richten soll, unterschreibt zunächst für drei Jahre, verlängert seinen Vertrag für weitere drei Jahre und wird sich – dessen ist sich Eugène Prim sicher – auch ein drittes Mal engagieren. Dem wachsenden Erfolg der SEL sei dank.

Der Aufmischer: Mit gewagten  Konzepten und außergewöhnlichen  Konzerten hat Dirigent Christoph König den SEL ein neues Image verschafft. / Foto: Philippe Hurlin

Der Aufmischer: Mit gewagten
Konzepten und außergewöhnlichen
Konzerten hat Dirigent Christoph König
den SEL ein neues Image verschafft. Foto: Philippe Hurlin

Was Christoph König sich traut, ist wirklich beachtenswert. Im Wagner-Jahr schlägt er ein Wagner-Konzert ohne eine einzige Wagner-Komposition vor, macht sich für luxemburgische Erstaufführungen stark, führt thematische Konzerte und das „concert-surprise“ ein. Eine Art musikalische Sneak-Preview, außer dass der erste Teil des Konzerts vorab bekannt gegeben wird. Das Publikum reagiert zunächst skeptisch. Später sind fast alle begeistert von dem Konzept des Überraschungskonzerts und der Neuorientierung der SEL.

„Am Duerchschnëtt komme ronn 1.000 Leit op eis Concerten an der Philharmonie“, betont Eugène Prim nicht ohne Stolz. Als sein Baby 2008 mit dem Erstickungstod kämpfte, hat auch er gekämpft – und gewonnen. Ohne ihn wären die SEL heute Vergangenheit, aber darüber diskutiert ihr langjähriger Präsident nicht gern. „Mir sinn en Team. Ee muss sech op deen anere verloosse kënnen“. Zudem sei die Zukunft wichtiger als das, was war. In diesem und im kommenden Jahr werden etliche Musiker das Orchester aus Altersgründen verlassen. Über Ersatz und Nachwuchs muss man sich allerdings keine Sorgen machen. „Mir hunn am Ausland e ganz gudde Ruff.“

Ursprünglich sollten die SEL jährlich vier Konzerte spielen. Heute sind es ein Dutzend.

Dass sich die SEL nach wie vor zur Hälfte aus Musikern aus Westeuropa und zur anderen Hälfte aus Solisten aus dem Osten zusammensetzt, ist an sich Zufall. Eugène Prim würde es wahrscheinlich Konstanz nennen. Wie auch die Tatsache, dass rund 90 Prozent der Musiker bei jedem Konzert mit von der Partie sind. Der Luxemburger Philippe Schartz, zum Beispiel, verpasst als Erster Trompeter keinen Auftritt. Die restliche Besetzung hängt von den Werken ab, die gespielt werden, und den Engagements der einzelnen Solisten. Während in den frühen 1990er Jahren etwa 25 bis 30 Musiker auf der Bühne standen, sind es mittlerweile durchschnittlich 44.

Zum Jubiläumskonzert (am 22. September) in der Philharmonie sind die Brüder Renaud und Gautier Capuçon sowie der Pianist Frank Braley eingeladen, seit Jahren  Freunde der SEL. Auf dem Konzertprogramm stehen Werke von Ludwig van Beethoven, Antonin Dvorak und dem Luxemburger Marco Pütz, der „Strömungen“ komponiert hat. „D’SEL féieren all Joer e Wierk, en Optragswierk vum Kulturministerium, vun engem Lëtzebuerger op“, unterstreicht Eugène Prim. Im vergangenen Jahr war es „Moods“, ebenfalls von Marco Pütz.  „Dat ass schon eng immens flott Initiative vum Kulturministär.“ Dass die Konvention zwischen letzterem und den SEL gekündigt ist, bereitet dem Manager kein Kopfzerbrechen. „Mir maachen elo eis Hausaufgaben, da gesi mir weider.“ Angesichts der Erfolgswellen, auf denen das Orchester derzeit reitet, sieht die Zukunft rosig aus. Demnach: ein Toast auf die kommenden 25 Jahre!

www.sel.lu

Fotos: SEL, Thierry Martin, Philippe Hurlin

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?