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Früchte der Misere

Die Fotografin Carole Reckinger geht bevorzugt an Orte, über die es nur wenige Informationen gibt. Für das Projekt „Bitter Oranges“ war sie bei Erntehelfern in Süditalien.

Der Mann auf dem Foto blickt argwöhnisch zurück – dem Betrachter entgegen. Seine Kapuze hat er über den Kopf gezogen. In der Hand trägt er eine Plastikwasserflasche. Rechts von ihm hängen Kleidungsstücke zum Trocknen über einem Zaun. Zu seiner Linken sind ärmliche Behausungen aus Plastikplanen zu sehen, auf dem Boden eine Pfütze und Müll. Der Mann gehört zu einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge, die zuerst mit Booten auf der Mittelmeerinsel Lampedusa strandeten und dann nach wenigen Tagen in Auffanglager in ganz Italien gebracht wurden. Einige sind in Rosarno gelandet, einer kleinen Stadt in Kalabrien an der Stiefelspitze Italiens.

Die Flüchtlinge halten sich dort als Tagelöhner auf den Orangenplantagen über Wasser. Es könnten aber auch Tomaten oder Erdbeeren sein. Doch die Orange ist das Beispiel par excellence einer „globalisierten“ Frucht, weltweit in den Supermärkten zu kaufen. Es sind „bittere Orangen“, wie die Ausstellung heißt, die bis zum 25. Januar in der Abtei Neumünster zu sehen ist.

Das Foto stammt von Carole Reckinger. Die Fotografin und Entwicklungshelferin hat sich zusammen mit den Kulturanthropologen Gilles Reckinger von der Uni Innsbruck, der nicht mit ihr verwandt ist, und Diana Reiners auf den Weg nach Rosarno gemacht und in dem dortigen Slum geforscht. Es ist ein Ort der Hoffnungslosigkeit. In einem Camp aus Containern oder, bis vor kurzem, im naheliegenden Wald in notdürftig errichteten Zelten aus Plastikplanen und Hütten aus Pappkartons unter teils unmenschlichen Bedingungen, hausen hunderte Menschen. Die meisten sind Männer. Sie kommen aus Ländern wie dem Sudan, dem Tschad oder Niger.

(Foto: Carole Reckinger)

(Foto: Carole Reckinger)


Endstation Rosarno: Für viele Flüchtlinge  aus den afrikanischen Krisengebieten endet die Reise vorläufig in Kalabrien – in  Containern oder Zelten aus Plastikplanen.  In den Camps leben nur wenige Frauen. (Foto: Carole Reckinger)

Endstation Rosarno: Für viele Flüchtlinge aus den afrikanischen Krisengebieten endet die Reise vorläufig in Kalabrien – in Containern oder Zelten aus Plastikplanen. In den Camps leben nur wenige Frauen. (Foto: Carole Reckinger)

Sie arbeiten für einen Hungerlohn von 25 Euro am Tag 12 bis 14 Stunden auf den Plantagen. Früh morgens gehen sie zu Fuß in das Städtchen. Von dem „Arbeitsstrich“ werden sie von „Capos“ angeheuert und mit Lieferwagen auf die Plantagen gebracht. Die „Capos“ sind selbst Afrikaner. Sie haben sich hochgearbeitet oder waren clever genug, um Privilegien in dem auf Ausbeutung basierenden System der Obstplantagen zu erlangen. Für den Transport mit dem Lieferwagen kassieren sie von den Tagelöhnern drei Euro, die von deren Lohn abgezogen werden.

Einige vergleichen ihre Situation mit moderner Sklaverei.

Nachdem die drei jungen Forscher sich in Lampedusa auf die Spuren der Flüchtlinge begeben hatten – Gilles Reckinger hat in dem Buch „Lampedusa“ bereits über die Insel geschrieben –, verbrachten sie seit 2012 regelmäßig einige Wochen in Rosarno: im Winter zur Orangen- und Mandarinenernte, die von November von Februar dauert, aber auch in anderen Monaten. Einige Flüchtlinge gehen dann zum Kartoffelsetzen nach Sizilien oder zur Tomatenernte nach Apulien. Viele bleiben jedoch das ganze Jahr über in Rosarno. Im Idealfall wird ihnen Asyl gewährt – oder sie erhalten eine Duldung und dürfen arbeiten. Viele finden nur eine illegale Arbeit.

Andere wiederum kriegen einen Ausweisungsbescheid. Aber nach Hause können sie nicht, weil sie keine Papiere haben. Auch nicht in andere EU-Staaten. Mit staatlicher Hilfe ist in Italien kaum zu rechnen. Das Geld, das sie in den wenigen Monaten der Ernte verdienen, muss das ganze Jahr reichen. Doch es reicht oft nicht zum Überleben. Trotzdem schaffen es die Afrikaner aufgrund ihrer Solidarität untereinander. Jeder hilft dem anderen. Sie haben sich arrangiert. Eine der nur drei Frauen in dem Camp betreibt eine Garküche und ein Lebensmittelgeschäft. Ein Zelt haben die Flüchtlinge zur einen Hälfte zur Moschee, zur anderen für christliche Gottesdienste umfunktioniert.

„Die Leute sind sich durchaus ihrer Situation bewusst“, stellt Carole fest. Aber nicht jeder will über die Gründe seiner Flucht sprechen. Wer in Rosarno oder an ähnlichen Orten landet, hat kaum noch Hoffnung. Die Flüchtlinge haben spätestens hier ihre Illusionen von einem glücklichen Leben in Europa verloren. Von wegen Schlaraffenland: Einige vergleichen ihre Situation mit moderner Sklaverei. Doch wenn sie mit ihren Familien telefonieren, verschweigen sie ihre Not.

„Unser Forschungsansatz war der, dass wir die Perspektive der Flüchtlinge in den Vordergrund stellen“, erklärt Carole. Ähnlich verhält es sich mit ihrer Vorgehensweise beim Fotografieren. Sie kann nicht einfach hingehen und Fotos schießen. Sie fühle sich dann wie ein Voyeur. Um außerdem zu vermeiden, dass die Fotos nur aus der „europäischen Perspektive“ entstehen, gaben die Forscher fünf Flüchtlingen eine Kamera, um aus ihrem Blickwinkel zu fotografieren. In der Ausstellung sind sowohl die Fotos von Carole als auch die der Flüchtlinge zu sehen.

„Ich begann alles zu hinterfragen, vor allem die eurozentristische Sichtweise.“ Carole Reckinger

„Ich gehe an Orte, worüber es keine oder kaum Informationen gibt“, sagt die 33-Jährige. Aufgewachsen in Esch, wo sie das Lycée Hubert Clément besuchte, hat sie sich früh für abgelegene Regionen interessiert. Sie studierte Politikwissenschaft, Entwicklungshilfe und südostasiatische Geschichte in der Londoner „School of Oriental and African Studies“ (SOAS) und lernte Indonesisch. „Damals wurde mein kritischer Geist geweckt“, sagt sie. „Ich begann alles zu hinterfragen, vor allem die eurozentristische Sichtweise. Das hat einen anderen Menschen aus mir gemacht.“

Sie ging als Mitarbeiterin der „Peace Brigades“ nach Papua, in den indonesischen Teil von Neuguinea. „Zwar durften dort Touristen hin, aber Informationen über das militärisch besetzte Gebiet gab es fast nicht. Ich wollte aber wissen, wie die indigenen Völker dort leben“, erinnert sich Carole. „Bis vor wenigen Jahrzehnten kannten diese Menschen dort kein Geld. Alles wurde geteilt. Eigentum existierte nicht. Doch dann wurde innerhalb kurzer Zeit die indonesische Währung eingeführt.“ Man kann sich den Kulturschock vorstellen, den die Indigenen erlebten. Sie machten die Einführung des Kapitalismus im Zeitraffer durch, was in Europa Jahrhunderte dauerte.

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Gestrandet im Slum: Einige Erntehelfer hausen in Zelten und Hütten aus Plastikplanen. Sie leben von Hungerlöhnen. (Foto: Carole Reckinger)

Für eine Hilfsorganisation leitet Carole die Katastrophenhilfe auf den Philippinen nach dem Taifun im November 2013. Eine Hälfte des Jahres verbringt sie in dem Inselstaat, die zweite hat sie Zeit für andere, davon unabhängige Projekte wie „Bitter Oranges“. Gilles Reckinger lernte sie bei einem seiner Vorträge über Lampedusa kennen. „Wir stellten uns die Frage, was nach Lampedusa komme“, erklärt sie. Das kleine Forscherteam lässt sich viel Zeit mit den Flüchtlingen. „Wir wollen von ihnen lernen“, beschreibt Gilles die Vorgehensweise, die sich unterscheidet von jener vieler Journalisten, die zum Beispiel nach Lampedusa kamen, um schnell eine Story zu schreiben oder eine Reportage drehten und mit ihren Kameras draufhielten, ohne zu fragen.

„Wenn man das Vertrauen der Menschen gewonnen hat“, sagt Carole, „dann fühlt man sich auch sicher.“ Durch ihre Arbeit auf mehreren Kontinenten habe sie mittlerweile gelernt einzuschätzen, auf wen sie sich verlassen kann. „Ich kenne meine Grenzen und bin kein Adrenalin-Junkie“, sagt sie. Ob in den Krisenstaaten Asiens oder Afrikas, in den Katastrophengebieten wie auf den Philippinen – Carole hat viel Not auf der Welt gesehen. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist“, sagt sie über die Situation der Flüchtlinge in Süditalien. „Es war einer der Orte, die mich am meisten mitnahmen.“ Zugleich aber habe sie unter den Flüchtlingen „die nettesten Menschen“ kennen gelernt.

Wenn sie zu Hause in Esch ist, dann genießt sie die Ruhe, sucht den Ausgleich, indem sie viel liest oder die Zeit mit ihrem Pferd verbringt. In der Natur erholt sie sich und schöpft Energie für neue Projekte. Als sie das letzte Mal in Rosarno war, war das Camp im Wald zerstört und in eine Mülldeponie verwandelt worden. Die Orangenernte hat derweil wieder begonnen. Die Früchte kann man wie immer in den Supermärkten kaufen – auch in Luxemburg. Auch wenn sie süß sind, schmecken sie trotzdem bitter.

Kein Ende der Welt: Die Entwicklungshelferin und Fotografin Carole Reckinger geht  vor allem in jene Gegenden, über die es kaum Informationen gibt – hier Papua. (Foto: Antoine Lemaire)

Kein Ende der Welt: Die Entwicklungshelferin und Fotografin Carole Reckinger geht
vor allem in jene Gegenden, über die es kaum Informationen gibt – hier Papua. (Foto: Antoine Lemaire)

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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