Sollten Eltern ihren Kindern vorlesen? Und wenn ja, wann beginnt man damit? Und was passiert, wenn man es nicht macht? Haben Kinder dadurch Nachteile? Ein Plädoyer für einen frühen Kontakt mit Büchern.
Text: Heike Bucher / Fotos: S.v.Gehren/pixelio.de, Claudine Kirsch
Wenn Claudine Kirsch über Kinderbücher spricht, kann sie gar nicht mehr aufhören. Dann sprudelt es nur so aus ihr heraus. Und es fallen Sätze wie: „Das Vorlesen von Geschichten ist elementar.“ Oder: „Durch Geschichten werden Erfahrungen gemacht, die über das Hier und Jetzt hinausgehen.“ Und: „Kinder lernen durch Geschichten, sich in andere hineinzuversetzen.“
Claudine Kirsch ist Professorin an der Uni Luxemburg, hat neun Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet und selbst zwei kleine Kinder zu Hause, mit denen sie regelmäßig und gerne liest. Ihr Fachgebiet ist Sprachdidaktik und Literalität. Letzteres bedeutet so viel wie „Lese- und Schreibfähigkeit“. „Der englische Begriff ‚literacy‘ ist sehr gängig und beschreibt alles, was den Umgang mit Büchern betrifft“, erklärt sie.
Lesen ist ein komplexer Vorgang, der mehr beinhaltet als die pure Aufnahme von Information. „Für Kinder ist es zuerst einmal auch ein physisches Erleben, wenn sie Bücher kennenlernen. Sie wissen ja noch gar nicht, wie ein Buch funktioniert. Das müssen sie erst lernen“, erzählt Claudine Kirsch und fügt hinzu, dass sie schon Vierjährige gesehen habe, die nie zuvor ein Buch in der Hand gehalten hätten. „Die wussten nicht, dass man die Seiten umblättern muss. Und auch nicht, dass Schrift und Bilder eine Geschichte erzählen oder dass es überhaupt so etwas gibt wie geschriebene Sprache.“
Lesen ist ein zentraler Faktor für schulischen Erfolg.
Alarm schlagen möchte die Professorin aber nicht. Denn immerhin – zwei von drei Kindern bekommen regelmäßig Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen. Was nachweislich jede Menge Vorteile bringt. Zuallererst fördern Lesestunden für Kinder und Eltern oder Großeltern die Beziehung mit- und das Verständnis füreinander. Beim gemeinsamen Lesen erlebt man Abenteuer, spricht und lacht miteinander und kann zusammen überlegen, wie die Geschichte weitergehen könnte. Nebenher kann dabei auch noch gekuschelt werden, ein nicht ganz unwichtiger Aspekt.
Für die intellektuelle Entwicklung von Kindern legt Lesen elementare Grundsteine. Diverse internationale Studien haben nachgewiesen, dass die Erfahrung mit Geschichten und der Umgang mit Büchern einen der wichtigsten Faktoren für späteren schulischen Erfolg darstellen. Auf der sprachlichen Ebene lernen Kinder die Unterschiede zwischen geschriebener und gesprochener Sprache kennen, sie erwerben einen größeren Wortschatz, lernen die Rechtschreibung kennen und beim Sprechen über die Geschichten üben sie, ihre Gedanken in Worte zu fassen und sich verständlich auszudrücken.
Auf kognitiver Ebene lernen Kinder beim Lesen, Texte und Geschichten zu verstehen und Zusammenhänge zwischen Bildern und Schrift zu erkennen. Viele Geschichten in Kinderbüchern erzählen von dem, was Kinder auch in ihrem Alltag erleben: von Gefühlen wie Angst, Freude, Liebe, Alleinsein, Trauer oder Wut. Aber auch von der Suche nach Abenteuern, neuen Freunden und vielem mehr. Dadurch verarbeiten Kinder ihre eigenen Erlebnisse und erfahren, dass andere Menschen ähnliche Erfahrungen oder Wünsche haben. Zudem fällt es ihnen leichter, sich in andere hineinzuversetzen und deren Perspektiven einzunehmen.
Auch auf sozialer Ebene werden Kinder durch Lesen gefördert. So hat eine Studie der deutschen „Stiftung Lesen“ ergeben, dass Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, „häufiger darum bemüht sind, andere in die Gemeinschaft zu integrieren“, wie es heißt. Außerdem sei der allgemeine Gerechtigkeitssinn dieser Kinder besonders ausgeprägt. Soziale Kompetenzen, Kreativität, Vorstellungskraft, Einfühlungsvermögen – all diese wichtigen Fähigkeiten werden durch Lesen positiv verstärkt.

Doch wann sollte man anfangen, mit seinen Kindern zu lesen? Erst wenn sie schon sprechen können oder alt genug sind, zu begreifen, dass man Bücher nicht essen kann? „Am besten sofort“, meint Claudine Kirsch. „Von Geburt an.“ Wichtig sei nur, altersgerechte Bücher auszusuchen. Für die ganz Kleinen sollten es auch erst einmal Abzählreime und kurze Verse sein. Junge Eltern würden das ohnehin ganz automatisch machen und ihren Babys Kinderlieder vorsingen oder Reime aus den eigenen Kinderzeiten wieder aufleben lassen.
Sollten Kinder partout keine Lust auf Bücher verspüren, dürfen Eltern keinen Druck aufbauen. Wichtiger sei es, die Schwierigkeit des Textes anzupassen und Kinder nicht zu über-, aber auch nicht zu unterfordern. „Außerdem“, sagt Claudine Kirsch, „vorlesen bedeutet nicht das Ablesen von Text. Vorlesen heißt erzählen, Bilder anschauen und beschreiben, am besten gemeinsam mit dem Kind.“
Für eine Weiterbildung im Mai sucht Claudine Kirsch interessierte Erzieher und Erzieherinnen aus Maisons Relais. E-Mail: claudine.kirsch@uni.lu






