Home » Home » Früher Herbst

Früher Herbst

Der heiße und trockene Sommer hat dem Luxemburger Wald zugesetzt. Vor allem die Fichten leiden unter vermehrtem Borkenkäferbefall. Bei einem Spaziergang durch den Grünewald erklärt Diplom-Forstwirt Georges Kugener von der Naturverwaltung die Folgen der Dürre.

Man sieht ja schon auf den ersten Blick, dass der Wald ziemlich trocken ist, oder?
Durch die Trockenheit und die hohen Temperaturen dieses Sommers war das Blattbild schon im August so, wie es normalerweise erst Ende September aussieht: braune, rote und gelbe Verfärbungen in den Blättern. Zudem sind viele Blätter bereits zum eigenen Schutz der Bäume abgeworfen worden. Wenn ein Baum weniger Blätter hat, verdunstet weniger Wasser, das bedeutet, dass er auch weniger Wasser verbraucht.

Die Bäume schützen sich also?
Sie passen sich an, vor allem die Laubbäume verringern ihre Blattmasse, indem sie Blätter abwerfen. Das Nadelholz kann das auch, indem es die Öffnungen (Stomata) auf der Unterseite der Nadeln schließt, wodurch weniger Wasser verdunstet und der Wasserverbrauch gesenkt wird.

Schadet Trockenheit den Bäumen?
Solche Perioden sind Stress für die Bäume. Die Fichten leiden unter dem Wassermangel und werden anfälliger für den Borkenkäfer. Im Ösling ist es trockener als im Gutland, wo die Böden meist tiefgründiger und somit feuchter sind. Im Gutland können die Bäume tiefer wurzeln, bis dorthin, wo noch ausreichend Restfeuchte ist. Im Ösling haben wir in verschiedenen Bereichen nur 20 bis 30 Zentimeter Boden, in dem die Bäume wurzeln können, dann kommt sofort Stein, meistens Schiefer. Die Bäume müssen dort meist mit weniger Boden und folglich auch weniger Wasser auskommen, das bedeutet noch mehr Stress, was die Bäume weniger vital sein lässt und somit anfälliger gegenüber Schädlingen macht.

Warum sind Fichten in trockenen Perioden anfälliger für Borkenkäfer?
Weil sie Stress haben und z.B. weniger Harz produzieren. Wenn ein Borkenkäfer eine Fichte befällt, tritt an der Stelle vermehrt Harz aus dem Baumstamm aus. Sehr vitale Bäume können sich so erfolgreich gegen die Käfer wehren, weil sie ausreichend Harz produzieren können. Dieses Jahr aber sind die Bäume so geschwächt, dass sie kaum Harz produzieren, und die Borkenkäfer sind sehr zahlreich.

Was genau macht der Borkenkäfer?
Er geht durch die Rinde, dort produziert er seine Fraßgänge, wodurch der Saftzufluss unterbrochen wird. Rechts und links des Muttergangs legt das Weibchen seine Eier ab, die Larven schlüpfen aus den Eiern und bilden ebenfalls Fraßgänge (Larvengänge) unter der Rinde, die Larve verpuppt sich am Ende des Larvenganges in der Puppenwiege. Hier entwickelt die Larve sich zu einem fertigen Insekt von ein paar Millimetern Größe (Buchdrucker 5 mm und Kupferstecher 2 mm), dann bohren sie sich durch die Rinde und fliegen aus.

Welches sind die bedeutendsten Borkenkäferarten?
Es gibt unterschiedliche Arten. Der Hauptverantwortliche bei uns ist der Buchdrucker. Seine Fraßgänge sehen so aus wie die Seiten eines Buchs. Es gibt die vertikale Linie von dem adulten Tier und dann die horizontalen Linien von den Larven, die fressen sozusagen die Zeilen ins Buch. Der Kupferstecher ist ein weiterer Vertreter der Borkenkäfer , aber weniger häufig und wird oft als der kleine Bruder des Buchdruckers bezeichnet.

Woran erkennt man einen befallenen Baum?
Durch kleine Löcher in der Rinde. Später dann werden die Nadeln in der Krone braun und die Rinde fällt ab. Darunter sind dann die Fraßgänge der Käfer zu erkennen. Man findet ebenfalls Bohrmehl am Stammfuß befallener Fichten.

Dem Borkenkäfer macht die Hitze nichts aus?
Im Gegenteil, der Borkenkäfer mag die Hitze, er braucht eine gewisse Mindestlufttemperatur für die Entwicklung seiner Larven. Normalerweise gibt es ein oder zwei Generationen im Jahr, bei sehr günstigen Bedingungen wie in diesem Sommer, wo es Ende August Anfang September noch so warm war, konnte eine dritte Generation erfolgreich schlüpfen. Diese fliegt jetzt gerade aus und legt erneut Eier unter die Rinde der Bäume. Wenn es bald kühler wird, so unter acht Grad, dann überwintern die Eier oder Larven unter der Rinde, setzen ihren Reifungsfraß im Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird, fort und im Mai oder Juni werden wir schon die ersten befallenen Bäume sehen.

Was kann man gegen Borkenkäfer tun? Gibt es Mittel?
Die Anwendung von Bioziden steht heute gar nicht mehr zur Debatte. In absoluten Ausnahmefällen wäre es mit einer speziellen Genehmigung möglich, Insektizide auszubringen, sehen wir aber mal davon ab. Bekämpft wird der Käfer nur durch die gezielte Herausnahme von Bäumen. Waldbesitzer sollten regelmäßig in ihren Wald gehen und schauen, ob irgendwelche Bäume befallen sind. Bei Feststellung von befallenen Bäumen muss sofort gehandelt werden, die befallenen Bäume sind aus dem Wald zu entnehmen.

Reicht es nicht, ihn nur zu fällen?
Nein, der Baum mitsamt der Rinde muss aus dem Wald herausgebracht werden, am besten direkt in das Sägewerk oder mindestens 500 Meter vom nächsten Wald entfernt gelagert werden. Ist ein Abtransport der Bäume aus dem Wald nicht sofort möglich, müssen die Stämme entrindet werden und je nach Entwicklungsstadium der Larven, bei fertig entwickelten Käfern (dunkle Färbung) in der Rinde, gibt es zwei Möglichkeiten, dem Ausfliegen der Käfer entgegen zu wirken. Erste Maßnahme man verbrennt die Rinde. Zweite Maßnahme, man wirkt dem Ausfliegen entgegen durch das Aufwerfen von Rindenhaufen (Mindesthöhe 0,5m). In den Anhäufungen entstehen hohe Temperaturen und intensives Pilzwachstum, durch die die Käfer abgetötet werden.

Ist das Verbrennen erlaubt?
Das Verbrennen von Grünschnitt ist seit zwei Jahren in Luxemburg verboten. Es gibt aber Ausnahmeregelungen für bestimmte Schadorganismen wie z.B. Pilze, aber auch den Borkenkäfer. Die Genehmigung zum Verbrennen muss man beim Förster beantragen.

Fichten werden gezielt als Bauholz gezogen, oder?
Ja, zum Großteil. Und es gibt die Meinung, dass Fichten hier eigentlich nicht gut hinpassen, weil es im Durchschnitt nicht genügend Niederschlag gibt. Ich teile diese Meinung nicht ganz. Fichten wachsen hier sehr gut, haben einen hohen Volumenzuwachs. Wir brauchen Fichtenholz als Bauholz. Kaum jemand baut seinen Dachstuhl aus Eiche oder Buche. Dafür wird einfach Nadelholz gebraucht. Und es macht wenig Sinn, dieses Holz z.B. aus Rumänien oder Polen zu importieren. Man sollte also Fichten erhalten. Allerdings sollte man keine Monokulturen anpflanzen. Am besten wäre es, Nadel- und Laubholz zu mischen. Bei großen Flächen, die nur mit Fichten bepflanzt sind, hat ein Schädling wie der Borkenkäfer natürlich leichtes Spiel. Er befällt ein paar Bäume, dann schlüpfen die Larven, die wieder neue Bäume befallen, usw. Die Fichtenmonokultur ist sozusagen das Schlaraffenland der Borkenkäfer. Wenn die Fichtenbestände weitflächiger verteilt wären, wäre es auch für den Borkenkäfer schwieriger, die Fichten zu finden.

Die Fichtenmonokultur ist sozusagen das Schlaraffenland der Borkenkäfer. Georges Kugener, Diplom-Forstwirt

Haben die Tiere im Wald von der Trockenheit etwas mitbekommen?
Zu fressen gab es trotz der Trockenheit genug. Doch die weiblichen Tiere, die ihre Jungen säugen mussten, hatten natürlich einen erhöhten Bedarf an Flüssigkeit. Wild nimmt eher selten Wasser aus Pfützen oder Wasserstellen auf, der Großteil der benötigten Flüssigkeit wird mit der Nahrung aufgenommen. Die Tiere kommen mit einem Sommer wie diesem zurecht, sie sind es ja gewohnt, draußen zu leben.

Abgesehen von den Schädlingen, erholen sich die Bäume von der Trockenheit wieder?
Wie schnell sich die geschwächten Bäume vom Trockenstress erholen, hängt davon ab, wie das Wetter im nächsten Jahr wird. Problematisch wäre, wenn 2019 gleich nochmal ein Trockenjahr werden würde. Wenn es stets nur einzelne Trockenjahre sind, erholen sich die Bäume. Im Winterhalbjahr müssen natürlich die Wasserspeicher im Boden wieder aufgefüllt werden, dies ist dann der Fall, wenn wir im Winter viel Regen bzw. Schnee haben. Weil der Wasserverbrauch der Bäume im Winter sehr gering ist, da sie kein Laub tragen und somit keine Verdunstung über Blätter stattfindet, kann der Bodenwasservorrat dann wieder aufgefüllt werden.

Bewirkt der Klimawandel, dass sich andere Pflanzen im Wald ansiedeln?
Wir haben Neophyten, also Pflanzen, die hier neu und nicht unbedingt willkommen sind. Wie das indische Springkraut zum Beispiel oder der japanische Knöterich. Das Springkraut mag hübsch aussehen, aber es vermehrt sich wie Unkraut, vor allem an unseren Flüssen und Bächen. So können die Samen immer weiter geschwemmt werden. Deren Verbreitung ist meiner Meinung nach nicht mehr zu stoppen. Diese beiden genannten Arten sind aber keine Baumarten sondern krautige Pflanzen. Bei den Baumarten gibt es auch einige unerwünschte Arten, z.B. die spätblühende Traubenkirsche (Prunus serotina), welche zu den invasiven Baumarten gezählt wird.

Wird etwas gemacht, um besser für die Zukunft gewappnet zu sein, bezüglich des Klimawandels?
Wir werden in Zukunft geprüftes Saatgut verwenden, um Baumarten und Pflanzen aus unseren Wäldern, die es zurzeit aber nur selten gibt und die mit einem wärmeren Klima klarkommen, gezielt anzusiedeln. Auf trockenen Standorten sollte man ernsthaft überlegen, ob man nicht bereits jetzt vermehrt auf Eichenarten, Elsbeere, Speierling, Edelkastanie und Nussbaum setzt.

Fotos: Alain Rischard (Editpress)

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Philippe Reuter

Login

Lost your password?