Ob Gebrauchsanweisungen oder Beipackzettel – viele Texte sind so unverständlich, dass einem beim Lesen schon die Lust vergeht, nicht nur Menschen mit einer Leseschwäche. Mit Übersetzungen in „leichte Sprache“ soll Abhilfe geschaffen werden.
Fotos: Sergey Nivens/Foltolia, Lebenshilfe Trier, burnhead/Fotolia
„Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“, heißt es so schön. Klingt logisch. Denn wo man auch hinsieht, überall ist die geschriebene Sprache schon da: in den Straßen, den Geschäften, auf der Arbeit, im Briefkasten, im Smartphone, zu Hause. Schriftsprache gehört einfach dazu. Überall. Kaum vorstellbar, wie jemand durchs Leben kommt, ohne lesen und schreiben zu können. Allein deshalb verbringen wir mehr als die halbe Schulzeit damit, Bücher zu wälzen und Buchstaben zu Papier zu bringen.
Doch bedeutet die Fähigkeit, einen Text lesen zu können, auch gleichzeitig, dass man ihn versteht? Eher nicht. Trotz gut strukturiertem Schulwesen gehen rund 20 Prozent aller Schüler in Europa mit schlechten bis ungenügenden Lesekompetenzen von der Schule ab, fünf Prozent gelten gar als Analphabeten. Auch in Luxemburg. Und wie steht es um Menschen mit einer Lese- oder Lernschwäche, mit einer geistigen Behinderung oder Nicht-Muttersprachlern? Sie alle werden ausgeschlossen. Denn ob Gebrauchstexte wie Bedienungsanleitungen, Beipackzettel und Kochrezepte, amtliche Mitteilungen oder Websites, selbst Elternbriefe von Schulen – viele Texte sind stellenweise so verworren, dass sich einem der Sinn nicht sofort erschließt. Da wird auch für Menschen mit guter Lesefähigkeit die Lektüre nicht unbedingt zum Vergnügen. Abgesehen von allen möglichen Fachsprachen, die sowieso ausschließlich Eingeweihten vertraut sind, ist nämlich die Alltagssprache oft komplizierter als sie sein müsste.
In den USA, Skandinavien und den Niederlanden wurde deshalb bereits vor 20 Jahren damit begonnen, Gebrauchstexte in verständlicher Sprache anzubieten, um so vielen Menschen wie möglich den Zugang zu Informationen zu gewährleisten. „Leichte Sprache“, wie es im deutschsprachigen Raum heißt, wird auch hierzulande immer wichtiger. Spätestens mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen im Jahre 2011 hat sich Luxemburg ohnehin der Inklusion verpflichtet, was nicht nur bedeutet, alle Kinder gemeinsam zu unterrichten, sondern auch dafür zu sorgen, jedem denselben Zugang zu allem Öffentlichem zu gewährleisten, seien das Gebäude, Ämter oder Informationen. Stichwort: Barrierefreiheit.
„Stil ist die Fähigkeit, Kompliziertes einfach zu sagen und nicht umgekehrt.“ Andrea Paulus, Geschäftsleiterin „capito“-Trier
Das deutsch-österreichische Netzwerk „capito“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Barrierefreiheit herzustellen. Sowohl in Texten als auch auf räumlicher Ebene. Dafür bietet es bauliche Beratungen und Übersetzungen in leichte Sprache an. Kunde werden kann dort jeder: Organisationen, Firmen, öffentliche Einrichtungen, Behörden, Ämter. Angeboten wird das Erstellen von Texten für Broschüren, Kataloge, Bücher, Websites und Ähnlichem. Dass das gar nicht so einfach ist, zeigt ein Besuch in dem gerade eröffneten Büro in Trier. Es wird von der Lebenshilfe betrieben, einem Verein zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen.
„Stil ist die Fähigkeit, Kompliziertes einfach zu sagen und nicht umgekehrt“, sagt Andrea Paulus, Leiterin des Büros. Sie hat jahrelang als Werbetexterin gearbeitet und dabei oft das Bedürfnis verspürt, Dinge einfacher ausdrücken zu wollen. Deshalb sieht sie ihre neue Arbeitsstelle nicht nur als Dienstleistung für Menschen mit Behinderungen oder Leseschwächen, sondern für alle. „Für 10 Prozent ist leichte Sprache notwendig, für 40 Prozent hilfreich, für 100 Prozent komfortabel. Man hat so viel zu lesen, so viel zu erledigen. Da bin ich selbst froh über jeden Text, den ich sofort verstehe und dadurch auch behalten kann.“
Ein Beispiel: „Im Falle einer wirksamen Rückgabe sind die beiderseits empfangenen Leistungen zurück zu gewähren und die ggf. gezogenen Nutzungen herauszugeben. Bei einer Verschlechterung der Sache und für Nutzungen, die nicht oder teilweise nicht oder nur in verschlechtertem Zustand herausgegeben werden können, müssen Sie uns insoweit Wertersatz leisten“, steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen irgendeines Fan-Clubs bezüglich der Rückgabe eines gekauften Fan-Artikels in gewolltem Amts-Deutsch.
„capito“ macht daraus: „Wenn Sie das Produkt im gleichen Zustand zurückgeben, wie Sie es von uns bekommen haben, zahlen wir Ihnen Ihr Geld zurück. Wenn das Produkt schlechter geworden ist, weil Sie es schon benutzt haben, müssen Sie für die Verschlechterung einen Wert-Ersatz bezahlen.“ Dieselben Informationen, nur wesentlich verständlicher.
Die Grundvoraussetzung für das Übersetzen von Texten in leichte Sprache ist natürlich, den Sinn des Originals zu verstehen. Dann muss man sich über die Zielgruppe im Klaren sein, die man erreichen möchte. „Es gibt unterschiedliche Niveaus, auch in der leichten Sprache“, erklärt Andrea Paulsen. Ähnlich wie beim Erlernen von Fremdsprachen hat „capito“ diese Niveaus eingeteilt: „A1“ für das am leichtesten verständliche, „A2“ für das etwas anspruchsvollere, „B1“ für die allgemein verständliche Alltagssprache. Um diese Niveaus einhalten zu können, gibt es einen Kriterienkatalog mit 130 Punkten, aufgeführt unter jeweiliger Schwierigkeitsstufe, unterschieden nach Medium Print, Internet, Buch und Katalog.
Die Qualität seiner Texte sichert das Netzwerk durch ein Gütesiegel, welches durch interne Prüfungen erreicht wird. Jeder Text wird von einer Prüfgruppe genau in Augenschein genommen. Jede Prüfgruppe besteht aus drei bis fünf Personen, die der Zielgruppe ähnlich sind. Gibt es Einwände von der Gruppe, wird der Text so lange überarbeitet, bis sie behoben sind.
20 Prozent aller Schulabgänger können schlecht oder gar nicht lesen.
Das klingt nach einer aufwändigen und langfristigen Prozedur. Doch Andrea Paulus versichert, dass kein Kunde lange auf die Erledigung seines Auftrags warten müsse. Allein durch das Netzwerk, deren Mitglieder in diversen deutschen und österreichischen Städten sitzen, könnten die Aufgaben je nach Dringlichkeit und Themenbereich schnell verteilt werden. „Wenn ein Kunde zu mir kommt und ich weiß, dass die Kollegen in Berlin schon Erfahrung in dem Bereich haben, dann kann ich das weiterleiten“, sagt sie.
Zur Arbeit von „capito“ gehört neben dem Einsatz für Barrierefreiheit auch die Ausbildung neuer Übersetzer. So hat sich die luxemburgische „Association des Parents d‘Enfants Mentalement Handicapés“ (APEMH) bereits vor drei Jahren Erste Hilfe geholt und dann „Klaro“ gegründet, ein Büro, in dem ebenfalls Übersetzungen in leichte Sprache und Weiterbildungen stattfinden. Noch sind die Angebote auf die deutsche Sprache begrenzt, sie sollen aber auf alle Landessprachen erweitert werden.

Von der Werbetexterin zur Übersetzerin: Andrea Paulus leitet das capito-Büro in Trier.
Trotz aller berechtigten Gründe für die breite Einführung von leicht verständlicher Sprache sind natürlich auch kritische Stimmen zu vernehmen. „Wer kann irgendwann noch Goethe oder Shakespeare lesen, wenn wir uns an leichte Sprache gewöhnen?“ ist eine von ihnen. Doch Menschen, die alte Klassiker lieben, lesen und verstehen, wird es hoffentlich immer geben. Für alle anderen muss ein Zugang gefunden werden. Ein Brücke, die ihnen ermöglicht, dort überhaupt hinzukommen, ohne gleich völlig überfordert zu sein.
Kontakt: www.capito.eu/trier, www.klaro.lu







