Home » Home » Gaming hält Senioren fit

Gaming hält Senioren fit

Von wegen Zocken ist nur was für Jugendliche. Für verschiedene Senioren gehört die Spielkonsole mittlerweile zum Alltag. Neben dem Spaßfaktor bietet sie aber vor allem eine Therapieform, die heute nicht mehr wegzudenken ist.

Der Blick ist starr auf den Bildschirm gerichtet, und die Füße stehen fest auf dem Balanceboard. Vorsichtig schaukelt Lilly ihren Körper nach rechts. Dann wieder nach links. Die kleinste Gewichtsverlagerung zum falschen Zeitpunkt könnte sie kostbare Punkte kosten. Auf dem Bildschirm rutscht ein Pinguin über eine schaukelnde Eisscholle, und aus dem Meer hüpfen kleine Fische. Speisefutter für den Seevogel. „Oh je! Es sind zu viele“, meint Lilly lachend. Trotzdem bleibt sie konzentriert. Immer schön im Gleichgewicht bleiben. Im Hintergrund hört man die Ermutigungen und die Begeisterung der anderen Teilnehmer, die die Partie mit großer Aufmerksamkeit verfolgen. Es herrscht Stimmung in dem kleinen Saal. Und trotzdem sind wir nicht zu Besuch bei einer pickeligen Teenie-Stubenhocker-Gruppe. Lilly und ihre Freundinnen haben schon längst nicht mehr mit ekeligen Pusteln und Pickeln zu kämpfen. Sie sind bereits über 70. Zum alten Eisen gehören sie aber längst noch nicht, und Angst vor der neuen Technik haben sie erst recht nicht.

Es ist kaum zu glauben, dass die 76-jährige Lilly erst vor Kurzem einen Schlaganfall erlitten hat und halbseitig gelähmt ist. „Ich war noch nie sportlich“, betont sie. Und doch trainiert sie heute zum ersten Mal auf spielerische Art und Weise ihr Gleichgewicht, ihre Feinmotorik und ihre Koordination. Und das Dank eines Bretts, das anfangs sicher nicht für Therapiezwecke entworfen wurde. Drucksensoren auf dem Balanceboard speichern jede Bewegung, senden diese dann weiter an die Nintendo Wii und werden dann auf dem Bildschirm dargestellt.

Eine Spielkonsole haben die meisten noch nie betätigt. Cathy Gross der „Stëftung Hëllef Doheem“

„Anfang 2012 hat die Stiftung dieses Projekt in zwei Tagesstätten eingeführt“, erklärt Cathy Gross der „Stëftung Hëllef Doheem“. Eine Wii-Spielkonsole wurde als Therapieform eingesetzt. „Heute ist sie nicht mehr wegzudenken. Für unsere Senioren ist das etwas ganz Neues. Eine Spielkonsole haben die meisten noch nie betätigt. Das steigert ihre Neugierde, und wenn sie bis begriffen haben, wie es funktioniert, kommen sie mit großer Begeisterung zurück“. Studien beweisen es, und weltweit sind sich viele Experten einig: Wii-Konsolen und deren Spiele bieten die perfekte Möglichkeit, Spaß und Bewegung bei Senioren zu fördern, wenn sie gezielt eingesetzt werden. Kognitive und sensormotorische Fähigkeiten werden auf spielerische Art angekurbelt.

„Ich komme zweimal die Woche zum Spielen“, verrät ganz begeistert die 76-jährige Thérèse. „Letztes Mal habe ich 89 Kilogramm Fische gefangen. Ich bin eine ziemlich gute Spielerin.“ Mit einem Lachen im Gesicht fügt sie hinzu: „Gewinnen ist eigentlich nicht das Wichtigste. Trotzdem möchte ich die Beste sein.“

„Es ist ein fester Bestandteil unserer täglichen Aktivitäten“, betont Tom Bouché, Erzieher bei der „Stëftung Hëllef Doheem“. „Das Spiel lenkt sie einen Augenblick von körperlichen Problemen ab. Da der Spaßfaktor und die Konzentration auf das Geschehen auf dem Bildschirm sehr hoch sind, vergessen sie auf diese Art, ihre Probleme aus dem Alltag oder dass sie krank sind.“

Gewinnen ist eigentlich nicht das Wichtigste. Trotzdem möchte ich die Beste sein. Thérèse – 76 Jahre

Das Wii-Modell eignet sich ganz besonders für Senioren. Ein komplizierter Controller mit vielen Knöpfen braucht hier nicht bedient zu werden. Die Spiele werden nur mit Gesten und Körperbewegungen gesteuert. Mit der Wii-Fernbedienung ist die Steuerung kinderleicht. Kleine und natürliche Handbewegungen genügen schon. Berührungsängste gegenüber der Technik hat Thérèse keine. Sie wartet schon ganz ungeduldig darauf, ihre Spielkünste endlich vorzeigen zu können. In einem Wettlauf gegen die Zeit soll sie sich beweisen. Ihre Beine benötigt sie allerdings dafür nicht. Schnelle Auf- und Abbewegungen mit den Armen dienen zur Fortbewegung.

„Das ist nicht einfach, aber es macht Spaß“, meint Thérèse. Der körperliche Einsatz scheint sie nicht abzuschrecken. Immer schneller bewegen sich die Arme. „Sie sind erst bei der Hälfte angekommen“, informiert sie Tom Bouché. „Sie brauchen noch ein bisschen Ausdauer bis ins Ziel.“ Hinten im Saal wird gelacht. „Es sieht komisch aus, wenn man sich hier zum Affen macht“, verrät Sylvie amüsiert. „Der Konkurrenzkampf ist ein wichtiger Faktor, auch wenn er nicht das Hauptziel dieser Aktivität ist“, erklärt Cathy Gross. „Die Teilnehmer können an ihrem Spielergebnis feststellen, dass sie Fortschritte machen und immer besser werden.“

Thérèse ist endlich am Ziel angekommen. In einem Quiz werden jetzt ihre Erinnerungen abgefragt, und es wird getestet, was sie alles während ihres Wettlaufs auf dem Bildschirm beobachten konnte. Die Spielkonsole soll nämlich nicht nur die körperliche Bewegung fördern, sondern auch den Geist. Nicht selten wird sie als Vorbeugung gegen Demenz und Alzheimer eingesetzt. Drei richtige Antworten auf vier Fragen. Mit ihrem Endresultat scheint Thérèse zufrieden, auch wenn sie der Wettlauf erschöpft hat. Sie wünscht sich eine süße Limo, um neue Kräfte zu sammeln.

„Diese Aktivität hat natürlich ein Ziel“, erklärt Cathy Gross. „Es wird jedes Mal eine Auswertung durchgeführt, um festzustellen, ob ein Spiel auch die richtige Auswirkung auf die Person hat. Wir passen uns natürlich auch dem Gesundheitszustand unserer Teilnehmer an. Sie sind sich auf keinen Fall alleine überlassen.“

Neuerdings bietet die Tagesstätte der „Stëftung Hëllef Doheem“ ihren Gästen auch Tablets an. Prävention geht nun eben auch durch digitale Medien. „Wir möchten sie an die neuen Technologien gewöhnen“ erklärt Tom Bouché. „Die Neugierde ist auf jeden Fall da. Sie sind erstaunt, dass man auf einem Tablet eine Film anschauen kann, die Zeitung lesen kann oder Lieder einfach abrufen kann.“ Natürlich haben die Tablets auch eine kognitive Rolle. Hier geht es vor allem darum, die technologische Anwendung sinnvoll und sinngemäß zu machen. Das kann zum Beispiel mit Hilfe von Spiele-Apps gefördert werden. Das Projekt scheint auf jeden Fall schon viel Erfolg zu haben. In der kleinen Gruppe waren alle so stark auf das Tablet konzentriert, dass sie nicht einmal gemerkt haben, als wir uns verabschiedet haben.

Fotos: Philippe Reuter

Cathy Gross und Tom Bouché machen die technologische Anwendung für Senioren sinnvoll und sinngemäß.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?