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Gefährliche Muntermacher

Bei Jugendlichen sind sie beliebt wie nie zuvor. Energydrinks versprechen mehr Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit oder verleihen, laut Werbung, sogar Flügel. Doch der zu hohe Konsum dieser Trend-Getränke kann gefährliche gesundheitliche Folgen haben.

Fotos: Anne Lommel

Laut einer aktuellen Studie der kanadischen Universität of Waterloo klagen 55,4 Prozent der befragten Jugendlichen, die regelmäßig Energydrinks konsumieren, über Beschwerden. Herzrasen, Bluthochdruck, Schlafstörungen, Brustschmerzen und Übelkeit sind die Symptome. Aber auf was sind sie zurückzuführen?

„Der gefährlichste Inhaltsstoff ist das Koffein“, betont Maryse Storck. Die Allgemeinmedizinerin aus Käerjeng weiß: „Laut Gesetz darf ein solches Getränk nicht mehr als 32 Milligramm pro 100 Milliliter enthalten. Eine 250 Milliliter Dose enthält also 80 Milligramm Koffein. Das ist doppelt soviel Koffein als in einer Cola enthalten ist und entspricht zwei Tassen Filterkaffee.“
Allein in Deutschland wurden 2014 rund 290 Millionen Liter Energydrinks getrunken. Ein Jahr später waren es 328 Millionen Liter. Tendenz steigend. Laut der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen konsumieren fast 70 Prozent aller Jugendlichen die kontroversen Erfrischungsgetränke. Luxemburg ist da keine Ausnahme: „Zwischen 2004 und 2010 habe ich jeden Monat ungefähr 150 Euro für Red Bull ausgegeben“, verrät der 42-jährige Raoul*. „Vier bis maximal acht Dosen am Tag habe ich damals getrunken. Mir war schon bewusst dass es nicht gesund ist, aber das war mir egal.“

Die Dosis macht das Gift. Darüber sind sich viele Ärzte einig. Und anscheinend ist das in verschiedenen Ländern auch den Behörden bekannt. Denn wie lässt sich sonst erklären, dass zum Beispiel die Marke „Red Bull“ in Frankreich bis 2008 verboten war? Auch in Dänemark und Norwegen gab es eine Zeit lang ein Verkaufsverbot. 2014 verbot Litauen den Verkauf von Energydrinks an Minderjährige. Eine Weltpremiere. Sogar der Star-Koch Jamie Oliver setzt sich seit kurzem gegen die heißbegehrten Powergetränke ein.

Die Weltorganisation „WHO“ und die Verbraucherschutzorganisation „Foodwatch“ warnen übrigens schon seit längerem vor den Konsequenzen eines zu hohen Koffeinkonsums bei Kindern.
„Ich habe bei Jugendlichen schon öfter Herzrasen festgestellt“, erzählt Dr. Storck. „Die Herzfrequenz lag dann schon mal über 100 Schlägen pro Minute. Ist dann auch noch der Blutdruck etwas erhöht, frage ich systematisch ob die Patienten Energydrinks konsumieren.“ Die Ärztin weiß: „Bei den meisten ist die Antwort dann ja. Sie haben schon morgens eine Dose intus, doch sie merken nicht einmal, dass sie Herzrasen haben. Sie sind überzeugt, dass diese Powergetränke fit machen, wenn sie morgens müde sind.“

Umstritten war auch lange ein anderer Hauptbestandteil der Energydrinks: Das Taurin. Mit Koffein verbunden ist es eine Powerbombe. Das wird zumindest in der Werbung versprochen. Es wurde sogar vor einigen Jahren behauptet, Taurin werde aus den Hoden von Stieren gewonnen. Aber nur wenige wissen, dass unser Körper selbst Taurin herstellt. „Unser Körper produziert pro Tag 125 Milliliter Taurin“ erklärt Maryse Storck.

Laut Gesetz dürfen Energydrinks nicht mehr als 4000 Milligramm Taurin pro Liter enthalten. Das ist eine hohe Dosis, wenn man bedenkt, dass wissenschaftlich nicht belegt ist ob Taurin überhaupt einen Einfluss auf unsere Leistungsfähigkeit hat.
„Taurin stimuliert unser Gehirn. Es ist aber nicht bewiesen, dass das Taurin unsere Konzentration steigert“, möchte Dr. Maryse Storck klarstellen. „Das behaupten die Hersteller nur in ihrer Werbung. Es ist allerdings bekannt, dass Taurin die Kontraktionsfähigkeit des Herzen steigert. Die Folge ist Herzrasen, zumal dann, wenn Taurin mit Koffein kombiniert wird.“

Es besteht also doch ein Risiko. Vielen Eltern ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, welche Inhaltstoffe sich in Energydrinks befinden und welche Reaktionen sie auslösen können. Auch ist unklar, für wen sie eigentlich geeignet sind und für wen sie eine Gefahr sein können. Die meisten Marken geben zwar an, dass ihre Produkte nicht für Kinder geeignet sind, doch nennen sie keine genaue Altersgrenze. Solche Getränke sollten deshalb auf jeden Fall in begrenzten Mengen getrunken werden, wenn man nicht ganz darauf verzichten will oder kann. Das gilt sowohl für Jugendliche wie auch für Erwachsene.

„Ich hatte auf dem Rücksitz meines Autos immer eine Palette Red Bull liegen“, verrät Raoul. „Eine Palette enthält 24 Dosen. Ich brauchte morgens, wenn ich ins Auto stieg, nur zuzugreifen. Damals war ich 26. Heute trinke ich nur noch selten Energydrinks.“

Bei einem derartigen Konsum kann man schon von einer Form von Abhängigkeit ausgehen. Das kann irreversible Folgen mit sich bringen. Denn ein zu hoher Gehalt an Koffein und Taurin kann zu Hyperaktivität und sogar zu Abhängigkeit führen. Verschiedene Ärzte reden von einer Alltagsdroge, die, wenn sie mit Alkohol vermischt wird, in seltenen Fällen sogar bis zum Tode führen kann. Doch der Zusammenhang von Alkohol und Energydrinks bleibt umstritten. Sicher ist, dass durch den hohen Konsum von Koffein der Körper keine Ruhe findet. „Der Entzug von Koffein kann zu Kopfschmerzen führen. Diese können längere Zeit anhalten“, erklärt Maryse Storck. „Nimmt man wieder Koffein zu sich, verschwinden die Kopfschmerzen. Es entsteht eine Art Abhängigkeitszustand.“

Eine gefährliche Mischung entsteht ebenfalls wenn Energydrinks mit Medikamenten kombiniert werden. Kinder und Jugendliche, die Arzneimittel gegen Hyperaktivität oder ein Antidepressivum einnehmen, sollen auf jeden Fall die Finger von den umstrittenen Trend-Getränken lassen. Wer dennoch überzeugt ist, er müsse seine Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit steigern, der soll lieber auf natürliche Methoden zurückgreifen.

Dr. Maryse Storck rät: „Genug Schlaf, frische Luft und eine gesunde Ernährung mit Früchten und Obst reichen da schon. Man kann auch eine Vitaminkur machen. Wer sich an diese Regeln hält, braucht keine Aufputschdrinks.“

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: alommel

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