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Gegenpol zum Mainstream

Originell, speziell und seit 25 Jahren auf Sendung – Radio ARA ist heute nicht mehr aus der luxemburgischen Medienlandschaft wegzudenken. Weit entfernt von den Mainstreamsendungen der kommerziellen Konkurrenz, hält der Sender trotzdem durch.

Fotos: Anne Lommel

„Radio ARA ist ein freies Radio“, betont Robert Garcia. Der heute 62-Jährige ist einer der Gründer des Senders, den täglich etwa 5.200 Einwohner Luxemburgs hören und der, vom Konzept her, außergewöhnlich ist. Seit seiner Gründung am 6. Dezember 1992 lebt der Sender hauptsächlich durch den Einsatz seiner freiwilligen Mitarbeiter. Insgesamt arbeiten 120 Personen aus mehreren Generationen und unterschiedlichen Kulturen dort. Eine Art von Multikulti, die dem Sender eine besondere Identität gibt.

Die Vielseitigkeit bezieht sich auch auf die Zuhörerschaft: Nicht zuletzt bietet „Ara Radio City“ ein Informationsprogramm in englischer Sprache. Pluralität herrscht auch intergenerationell im Aufnahemstudio: So wird zum Beispiel Jugendlichen eine Plattform geboten, indem diese eine eigene Radiosendung produzieren können – seit 2004 bietet Radio ARA dazu eine pädagogische Betreuung an, mit finanzieller Hilfe vom Familienministerium. Die Jugendsendung mit dem Namen „Graffiti“ wird montags bis freitags zwischen 14 und 17 Uhr ausgestrahlt. Ein weiteres Projekt ist das Campusradio an der Universität Esch/Belval sowie „Ënnert dem Pavé“, bei dem die Jugendorganisationen Unel, OGBL Jeunes, Jonk Lénk und Richtung22 jeweils eine eigene Sendung produzieren.

Pluralität – dazu gehört auch die Musiksendung „Bloe Baaschtert“, über die luxemburgische Musikszene, oder „Visions of the Past“, eine musikalische Reise in die Vergangenheit, ebenso wie „Salam“, die erste Radiosendung in Luxemburg auf Arabisch. Nicht zu vergessen die Knastsendung „Iwwert d´Maueren ewech“ – seit Radio ARA vor 25 Jahren die Frequenzen 103,3 und 105,2 bekam. „Wir sind kein Mainstream-Radio“, sagt Garcia. „Man schaltet uns ein, um etwas ganz Spezifisches zu hören.“ Radio ARA sei jedoch auf keinen Fall ein anarchistischer Sender aus den 70er Jahren, betont der frühere Journalist und Politiker von Déi Gréng, der von 1992 bis 2003 für seine Partei Abgeordneter war und der danach unter anderem Koordinator für Luxemburg als europäische Kulturhauptstadt sowie Leiter der „CarréRotondes“ war.

„Wir sind kein Mainstream-Radio. Man schaltet uns ein, um etwas ganz Spezifisches zu hören.“ Robert Garcia

Garcia mischt sich als Geschäftsführer von Radio ARA nicht in die Gestaltung des Programms ein. Auch Aktionäre, die das Format des Radio Senders bestimmen könnten, gibt es nicht. Radio ARA sei anders, betont er ein ums andere Mal. „Wir machen Sendungen, bei denen es nicht von vornherein feststeht, ob es überhaupt eine Nachfrage dafür gibt“, sagt er. „Wir bieten ein Programm an. Wenn die Sendung von guter Qualität ist und ein gewisses Publikum anzieht, dann gibt es keinen Grund sie nicht weiterzuführen.“

Was sich hier eher außergewöhnlich anhört, ist und bleibt die Stärke des Senders. Er bildet den Gegenpol zum Mainstream und ist – nach eigener Einschätzung – vor allem das einzige unabhängige Radio hierzulande. Bei Radio ARA kann im Grunde jeder mitmachen – und natürlich zuhören. Er ist ein „Mitmachsender“. Und er ist ein Überbleibsel jener vielversprechenden Pluralität, die das Mediengesetz von 1992 mit sich bringen sollte. Die Liberalisierung der Frequenzen sollte damals der Monopolstellung von RTL ein Ende machen.

„Von dem Mediengesetz ist nichts mehr übriggeblieben“, bedauert Garcia. „Es ist alles gescheitert. Es waren zu viele schöne Versprechungen.“ Damals habe es noch einen stärkeren Geist von Pluralismus gegeben, sagt der ARA-Geschäftsführer. „Aber diese Vielfalt existiert heute leider nicht mehr“, so Garcia. Er kritisiert außerdem, dass sich die Frequenzen heute alle in den Händen der mächtigen Mediengruppen befinden.

Das Entwicklungspotenzial von Radio ARA besteht nach wie vor. Davon ist Garcia überzeugt. Die materielle Situation ist jedoch eher prekär. Dennoch gelingt es dem Sender, sich finanziell über Wasser zu halten. Rote Zahlen gibt es zwar nicht, doch um sich weiterentwickeln zu können, braucht Radio ARA finanzielle Unterstützung. Der Sender fordert deshalb eine Pressehilfe. Staatliche Gelder, die seine Existenz garantieren sollen.

„Wir verlangen keine Pressehilfe, um Journalisten und Moderatoren einzustellen. Wir benötigen jedoch geschultes Personal, um unsere freiwilligen Mitarbeiter zu betreuen. Das ist ein wichtiger Punkt“, versichert Garcia. Im Mai dieses Jahres hat sich Premierminister Xavier Bettel (DP) zum Thema geäußert. Akteure wie Radio ARA und Nordliicht TV würden die luxemburgische Medien- und Kulturlandschaft bereichern, betont er. Ein lokales Engagement, das oft auf freiwilliger Basis beruht und das der Premier Minister stärker unterstützen möchte, auch auf finanzieller Basis.

„Wenn der Premieminister in der Chamber betont, Radio ARA und Nordliicht TV seien wichtig für unsere Medienlandschaft, dann muss da schon etwas dran sein. In den letzten 25 Jahren haben wir das noch nicht zu hören bekommen. Ob jetzt auch etwas geschehen wird, kann ich nicht sagen. Es ist sicher keine Priorität“, so Garcia. „RTL hat dabei Vorrang, weil der Staat verhindern will, dass RTL unser Land verlässt. Aber das ist ja auch zu verstehen. Ich möchte aber jetzt kein politisches Urteil fällen.“

Mehr Informationen: www.ara.lu

Wie alles anfing

• Radio ARA feiert am 6. Dezember sein 25-jähriges Bestehen, doch eigentlich geht die Entstehung des alternativen Senders viel weiter zurück.
• „1981 hat alles in Arlon mit Radio Grénge Fluessfénkelchen angefangen. Es handelte sich allerdings nicht um einen Piratensender. Wir sendeten ja aus Belgien, und dort war unser Radio legal“, verrät Robert Garcia.
• Gesendet wurde aus der Sakristei der St. Donatus Kirche. Ab 1984 übernimmt Radio Atelier UKaWeechelchen (RadAU). Über 20 verschiedene Vereine sind am Projekt beteiligt und warten startbereit darauf, dass in Luxemburg endlich neue Frequenzen verteilt werden.
• „1986 sind wir mit Radio RadAU zurück nach Luxemburg. Hierzulande waren wir dann ein Piratensender. Wir haben aus verschiedenen Orten gesendet. Auf dem Kirchberg haben wir sogar mit unserer Frequenz den Flugverkehr gestört. Also hat man uns das gesagt. Wir haben dann aufgehört, von dort zu senden, aus Angst, es könne doch zu einem tragischen Unfall kommen“, erzählt Garcia begeistert.
• Es herrschte eine spannende Aufbruchsstimmung. „Es war eine etwas wahnsinnige Zeit.“ Und damals wurde auf Antenne über alles geredet. Verschiedene Akteure und Vereine nahmen sich das Recht sich über Themen auszudrücken, die damals bei RTL-Tabu waren. „Das kann man sich heute einfach nicht mehr vorstellen“, bedauert Garcia.

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Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen & Gesundheit

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Author: Philippe Reuter

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