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Geister der Tundra

Unter extremsten Bedingungen ist der Tierfotograf Vincent Munier in den kargen Landschaften des Polarkreises unterwegs gewesen, um deren Bewohner aus nächster Nähe zu begegnen. Sein Bildband „Im eisigen Weiß“ zeigt die besten Aufnahmen seiner Expeditionen.

Fotos: Vincent Munier, Knesebeck Verlag

In manchen Augenblicken sei die Stille absolut, fast beängstigend gewesen, schreibt Vincent Munier in seinem Expeditionstagebuch. Und dennoch kann er sich nichts Schöneres vorstellen, als ganz allein am Ende der Welt unterwegs zu sein. Im Revier der Polarwölfe.

Es wird zwar lange dauern, bis er deren Spuren im Schnee entdeckt, aber sobald er einen sich bewegenden Punkt in ein paar Kilometern Entfernung erspäht, erwachen in ihm meist ungeahnte Kräfte. An dem Tag, an dem er dann tatsächlich von einer Meute von neun Tieren angegriffen wird, fühlt er sich indes nicht mehr wie ein Jäger, sondern wie ihre Beute. Zum Glück passiert nichts.

Woher die Faszination für die fremde Welt der Arktis stammt? „Ich schreibe dem Schnee Gefühle zu“, so der 1976 geborene Franzose, der den Polarkreis weder als Angeber, der sich mit irgendeiner extremen Leistung in eine Bestenliste eintragen will, noch als Selbstmörder oder Besserwisser, sondern als Verehrer bereist. „Ich möchte die Natur in ihren ausdrucksstärksten Formen kennenlernen. Denn von ihrer Größe findet der Mensch zu seiner Verletzlichkeit zurück.“ Nicht nur die Konfrontation mit dieser unendlichen Umgebung lässt ihn eine tiefe Bescheidenheit spüren, auch die Begegnung mit den Bewohnern des Polarkreises flößt Vincent Munier Respekt ein.

Sobald Vincent Munier frische Spuren im Schnee entdeckt, erwachen ungeahnte Kräfte in ihm.

Die Eisberge beschreibt er als Pyramiden der Kälte. Als riesige Schönheiten, die es keineswegs zu erobern oder zu beherrschen gilt. Das Gegenteil soll der Fall sein. Das eisige Weiß bemächtigt sich des Menschen. Wenn bloß dieses Frieren nicht wäre. Alles, was der Fotograf berührt, ist gefroren. Sogar der Mirabellenschnaps, der immerhin 52 Prozent Alkohol enthält, erstarrt in seiner Flasche zu einem Klumpen. Die einfachsten Aufgaben werden heikel und sind schwer zu lösen. Während des Schlafs ist die Kälte am gefährlichsten, sind die Krämpfe am intensivsten und schmerzhaftesten. In diesen Momenten geht es statt ums Fotografieren ums Überleben.

„Ich stelle mir Aufgaben: um das Zelt herumgehen, einen bestimmten Felsen erreichen.“ Und wenn er seinen Fuß dann immer noch nicht spürt, kann schon mal Panik aufkommen. Die Sonne kann ihm nicht helfen. Höchstens die Flamme seines Gaskochers, einige Sekunden lang. Trotz dieser extremen Bedingungen, trotz des Gefühls, in einem Schraubstock gefangen zu sein und trotz der Tage, an denen Himmel und Erde wegen zu viel Nebel unmöglich auseinander zu halten sind, zieht es den Fotografen immer wieder aufs Neue in die Arktis. Und jedes Mal, wenn er deren unberührte Flächen aus dem Fenster des Flugzeugs sieht, freut er sich wie ein kleines Kind.

Bei -40°C geht es nicht mehr ums Fotografieren, sondern nur noch ums reine Überleben.

munier-im-eisigen-weiss-12Wer sich die in „Im eisigen Weiß“ vereinten Bilder anschaut, versteht warum. Es muss ein ganz außergewöhnliches Gefühl sein, mit einem Schlitten durch die raue Welt einer unberührten Weite zu fahren, im März von dem Licht der Polarnacht verführt zu werden oder eines Abends von Hunderten von Schneehasen umgeben zu sein – eine höchst idyllische Szene. Dabei herrschen -40°C, und beim kleinsten Fehler könnte die Kälte den flach auf dem Eis liegenden Vincent Munier versengen. Es sind dieses Bild und viele weitere Aufnahmen von Eisbären, Küstenseeschwalben, Rentieren, Moschusochsen und Polarwölfen sowie Schneelandschaften, die den Bildband und das beiliegende Expeditionstagebuch zu etwas Besonderem machen.

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arctique_portraitvm_04Vincent Munier: Jahrgang 1976. Aufgewachsen in den Vogesen, zieht es den Tierfotografen früh in die weite Welt. Seit er 2008 zum ersten Mal einen Polarwolf fotografiert hat, reist er immer wieder in die Arktis. Vincent Munier hat bereits zahlreiche Bücher publiziert und erhielt als einziger Fotograf drei Mal in Folge den „Eric Hosking Award“ des BBC Wildlife Photographer of the Year. Mehr Infos: www.vincentmunier.com

Infos zum Buch

cover-im-eisigen-weissErschienen im Knesebeck Verlag, zwei Bände im Papierschuber mit jeweils 264 Seiten und 300 Abbildungen sowie 48 Seiten mit Tagebuchauszügen, aus dem Französischen von Jörg Pinnow, 68 Euro, www.knesebeck-verlag.de

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Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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