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Geiz ist geil

Die Handheld-Spielekonsole von Abernic kommt mit Retro-Spielen um die Ecke und soll das Herz eines jeden Nostalgie-Zockers höher schlagen lassen, klingt verlockend. Doch hält das billige Elektroteil, was es verspricht? Ein Test.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist so etwas wie der heilige Gral für viele Kunden und wenn ein Käufer den Eindruck hat, dass er etwas für „sein Geld bekommt“, dann schlägt er gerne mal zu. Der Fußballer Frank Ribéry bei einem mit Goldblatt-überzogenen Steak für 1.200 Euro, ich persönlich bei einer Handheld-Konsole (mit vorinstallierten Retro-Games) für 55 Euro.

Beim Auspacken – „Unboxing“, wie der Youtuber von Welt heute dazu sagt – der Abernic gibt es keine Überraschung, das Teil fühlt sich nicht besonders hochwertig an. Ziemlich billiger Plastik ist eben nicht gerade der Inbegriff von haptischer Sexyness. Aber wer kauft eine Spielekonsole, um dem eigenen Tastsinn mit der Perfektion in Sachen Luxusmaterial zu verwöhnen? Richtig! Niemand. Außerdem wird der erste Eindruck schnell relativiert, denn die Ergonomie ist eigentlich sehr gut. Die Knöpfe zum Spielen sind, dann eher wieder schlechter Durchschnitt. Wie es sich für so ein relativ günstiges Teil gehört, besteht der Lieferumfang nur aus dem Nötigsten. Neben der Konsole sind nur noch ein USB-Kabel (zum Aufladen), ein AV-Kabel (um über den Fernseher zu spielen) und eine Beschreibung – sehr spartanisch, wie es sich gehört –, beigelegt.

Beim Game Boy alleine sind es zum Beispiel 221 Spiele und auf Anhieb fehlt kein Klassiker.

Aber egal, rein ins Retro-Getümmel, denn Probieren geht bekanntlich über Studieren und sowieso wälzten nur Warmwasserduscher irgendwelche Gebrauchsanleitungen. Nach relativ kurzem Ladevorgang über das bereits erwähnte USB-Kabel, geht es los. Die Abernic bootet ziemlich schnell und so manch einer wäre froh, wenn der angestammte Arbeits-PC auch nur annährend eine ähnliche Reaktionsfreudigkeit an den Tag legen würde. Das Menü ist denkbar einfach angelegt, was bei der Vielzahl an vorinstallierten Games sicherlich von Vorteil ist. Gegliedert sind die Spiele nach Systemen, von Game Boy bis Nes von Game Gear bis Megadrive. Müßig wäre es die ganze Liste zu etablieren, von den Retro-Klassikern, die auf der Abernic anzutreffen sind. Den Überblick behält man eh nicht. Beim Game Boy alleine sind es zum Beispiel 221 Spiele und auf Anhieb fehlt kein Klassiker. Super Mario Land, Donkey Kong, Castlevania und natürlich der Bauklotz-Klassiker Tetris sind alle da. Auch wenn die Games alle auf Emulatoren basieren – sprich Nachbildungen – gibt es in der Regel an den Umsetzungen nicht viel zu bemängeln. Hin und wieder leichte Bugs, aber vielleicht waren diese sogar Teil des Originals. Da ist es schon etwas blöder, dass der Schirm ein Seitenverhältnis 16:9 hat und viele Spiele gar nicht für ein solches Format programmiert wurden…

Der Clou des Ganzen, wer bei den 3.000 Spielen sein Glück oder besser gesagt sein Lieblings-Retrogame nicht finden sollte, der kann via MicroSD-Karte ROMs von anderen Spielen auf die Konsole übertragen. Zwei Hürden gibt es allerdings: Zum einen ist der MicroSD-Slot (an meiner Abernic zumindest) ähnlich gut und präzise gefertigt, wie die Rolex-Fälschungen, die es an der Costa Brava für fünf Euro beim Strandhändler zu kaufen gibt und zweitens laufen nicht alle ROMs, die man im Internet auf den einschlägigen Seiten gratis findet auf Anhieb. „Was nichts kostet, taugt auch nix“, pflegte meine Großmutter mir in solchen Fällen in einem Anflug von Altersweisheit um die Ohren zu hauen.

À propos gratis ROMs und Lizenzierungen: Hier fischt jeder – und sicherlich auch der Hersteller Abernic – am Rande der Legalität. Eine ROM ist nämlich in gewisser Hinsicht nichts anderes als eine Raubkopie. In Zeiten wo Nintendo und Sony selbst Retro-Konsolen auf den Markt werfen und das Geld absahnen wollen, dürfte das Eis ziemlich dünn sein. Und obwohl dem Endnutzer kaum ein Aufenthalt in Guantanamo drohen dürfte, sollte man sich schon bewusst sein, dass die gratis ROMs im Internet – welche man, wie gesagt auf der Konsole nutzen kann – in Sachen Copyright eher problematisch sind.

Bevor ich es vergesse sollte noch erwähnt werden, dass man auf der Abernic noch mehr machen kann, als nur spielen. Sie ist unter anderem auch noch Fotoapparat, E-Book-Reader und MP3-Player. Getestet wurde keine dieser Funktionen. Wer die Abernic zu diesen Zwecken kauft, hat – in meinen Augen – entweder nicht mehr alle Tassen in seinem Multimedia-Schrank oder aber er leidet wahrscheinlich unter einer mittelschweren masochistischen Persönlichkeitsstörung. Diese Dinge werden mittlerweile nämlich von einem Durchschnitts-Smartphone mit Bravour gemeistert und ich wage mal zu behaupten: um einiges besser.

Fazit: Retro-Aficionados werden sicherlich mit der Abernic bedient und es macht schon eine Menge Spaß nostalgiegeschwängert die alten Spiele aus der eignen Jugend zu zocken. Ob man das Teil nun wirklich „braucht“ kann und muss jeder für sich selbst entscheiden. Mit einem Preis-Leistungs-Verhältnis von ein paar Cent pro vor installiertem Spiel, fühlt man sich allerdings nicht wirklich über den Tisch gezogen. Und das ist doch auch schon mal was…

Fotos: Philippe Reuter, Nintendo (2), Sega

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Martine Decker

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