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Gekommen, um zu bleiben

Ein gutes Buch, ein guter Schmaus. Vor rund einem Jahr öffnete das erste und einzige Lesecafé Luxemburgs seine Türen. Das Konzept findet Anklang, doch aller Anfang ist bekanntlich schwer. Eine Geschichte übers Unerwünschtsein und Es-trotzdem-tun.

Text: Françoise Stoll (francoise.stoll@revue.lu) / Foto: Philippe Reuter

„It does not matter how slowly you go as long as you do not stop.” Dieses und viele andere (Konfuzius-)Zitate schmücken die Schiefertafel über der Theke des „Café Littéraire Le Bovary“. Sie begrüßen die Gäste und verraten so manches über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des gemütlichen Lesecafés, ebenso wie über die Gründerin Lili Fouet. Geschäftsführerin ist eigentlich der falsche Ausdruck, geht es der passionierten Literaturliebhaberin doch um ganz andere Dinge als Profit.

„Jedes Stück hat seine eigene Geschichte.“

Selbstverständlich müssen sie und ihre Köchin Franca über die Runden kommen, mehr aber auch nicht. Im „Bovary“ wird der Austausch zwischen kunstaffinen Menschen, zwischen Hörern und Songschreibern, Lesern und Schriftstellern – anders, näher als in klassischen Kulturzentren – großgeschrieben. Heimisch sollen sich die Gäste fühlen, ohne Distanz zu ihrem Gegenüber. Und so lassen die zusammengewürfelten Vintage-Möbel, Lampenschirme, die Liebe zum Detail und nicht zuletzt die Bücher die Grenzen zwischen ein- und auswärts verschwimmen.

„Jedes Stück hat seine eigene Geschichte“, erklärt Lili und fügt lachend hinzu, „mein Auto hat unter den ganzen Transporten schwer gelitten.“ Täglich feilt sie am Aussehen des Lokals, stellt hier eine alte Schreibmaschine hin, dort ein antikes Radio. Fertig ist es noch längst nicht, Renovierungsarbeiten im ersten Obergeschoss und im Keller sind in Planung. Oben sollen Räumlichkeiten für Ateliers und Workshops entstehen, unten wird es einen Kinosaal geben. Der Weg zum wachechten Lesehaus ist noch weit, aber man wird ja wohl träumen dürfen.

„Ich habe mich über die Jahre von mir selbst entfremdet.“

phr_3867Noch vor 365 Tagen glaubte niemand an Lili Fouets Projekt. Nur sie selbst. Sie zog einen radikalen Schlussstrich, hing ihre Karriere an den Nagel und hörte, wie schon seit langer Zeit nicht mehr, auf ihr Bauchgefühl. Obwohl sie mit ihren bisherigen Jobs im Bankenwesen und am großherzoglichen Hof zufrieden gewesen war, fehlte etwas. „Ich habe mich über die Jahre von mir selbst entfremdet“, gesteht sie. Was sich hinter der Arbeit und dem Alltagsstress verberge, was von ihrer Persönlichkeit übriggeblieben sei, das habe sich die 44-Jährige gefragt.

Sie horchte in sich hinein, las viel, befasste sich mit Spirituellem. Während dieser Umbruchszeit verspürte sie eine starke Nähe zu Flauberts „Madame Bovary“. Ein Buch, dass überhaupt eine bedeutende Rolle in ihrem Leben gespielt habe: „Ich fühlte mich, genau wie Emma, unerfüllt und gefangen“. Anders als die Romanfigur fand sie einen Ausweg aus dieser Frustration, ohne drastische Mittel zu ergreifen. Heute verdankt das literarische Café Flauberts Heldin seinen Namen.

Ihre Entscheidung, dem guten, sicheren Gehalt wegen etwas Ungewissem zu entsagen, bereut Lili keine Sekunde. Ganz im Gegenteil. Auf sich alleine gestellt, wurde sie mit finanziellen wie gesellschaftlichen Problemen konfrontiert und meisterte sie. Auf diese Art und Weise fand sie, gestärkt, zu sich selbst zurück. Sie wisse nun, wozu sie fähig sei und fürchte sich vor nichts mehr, meint die Café-Besitzerin selbstbewusst.

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Als sie die zwielichtige Dorfkneipe in Weimerskirch im November 2015 übernahm und sie zu einem artistisch-intellektuellen Treffpunkt umwandeln wollte, kam das bei den Einheimischen gar nicht gut an. Sie wurde auf offener Straße beleidigt, das ein oder andere Mal eskalierte die Situation mit ein paar Stammalkoholikern. Lili war ebenso wenig willkommen wie ihre neuartige Idee. Trotzdem oder gerade deswegen hielt sie daran fest. Sie beschloss, ein Zeichen zu setzen, die Geschichte des Hauses zu respektieren. Das alte Blechschild mit der Aufschrift „Am Duef“ ließ sie nicht entfernen. Nur allmählich, mit viel Feingefühl, begann sie das Interieur umzuarbeiten. Parallel dazu veränderte sich die Kundschaft.

„Ich fühlte mich, genau wie Emma, unerfüllt und gefangen.“

phr_3871Elitär ist das „Bovary“ allerdings nicht. Eine akademische Laufbahn ist in diesen vier Wänden ebenso unbedeutend wie Status oder Herkunft. Manche Menschen verschlägt es mittags dorthin, weil sie in den Genuss von Francas – mittlerweile renommierter – Küche kommen möchten. Die italienische Köchin hält sich nicht an Rezepte, sondern folgt ihrer Intuition. Sie kauft frisch, lokal ein und zaubert anschließend etwas, wie man es nur von der eigenen Mama oder Oma kennt. Es schmeckt nach Liebe.

Andere hingegen wollen an einer abendlichen Lesung oder einem Jazz-Konzert teilnehmen. Wichtig ist eigentlich nur, dass man die Idee hinter dem Ganzen nachvollziehen kann oder, besser, sie spürt. Es ist ein Ort zum Suchen, Lesen, Bleiben und vielleicht sogar zum Finden.

www.lebovary.lu

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Author: Martine Decker

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