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Gekommen, um zu bleiben?

Seit Jahren nimmt Luxemburg Flüchtlinge auf. Woher kommen sie und wie erleben sie die Flucht? Drei Frauen erzählen von den Schikanen auf ihrem Weg hierher und dem Ankommen.

Fotos: Philippe Reuter, Privatarchiv

Hind Al-Harby, Journalistin aus dem Irak „Es war eine Todesreise“

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Von 2009 bis Ende 2013 habe ich im Irak als TV-Journalistin gearbeitet. Unser Sender hat kritisch über die Regierung berichtet, deshalb erhielten wir bald Morddrohungen. Im Oktober 2013 wurden zwei meiner Freunde in Mossul erschossen, dann wurde ein Kollege angeschossen. Danach war ich als einzige für die Berichterstattung in Bagdad zuständig. Irgendwann wurde es zu gefährlich. Wir durften keine Beiträge mehr produzieren, wenn es uns nicht erlaubt war. In den Tagen, als sie einen Kollegen getötet haben, war ich gerade dabei, eine Reportage zu produzieren. Als ich mit meinem Kameramann zurück zum Auto ging, schossen sie auf uns. 15 Minuten lang fuhren wir aus der Stadt, dann rief ich meine Mutter an und erzählte ihr, was passiert ist. Sie sagte mir: „Komm nicht zurück nach Hause, sonst werden sie hier nach Dir suchen.“ Ich versteckte mich in dem Haus meiner Tante. Sie kamen zu meiner Mutter, suchten mich dort und sagten, dass sie nur mit mir sprechen wollten und mir nichts tun würden! Wir wussten, dass dies eine Lüge sei. Nach 13 Tagen bereitete meine Mutter meine Ausreisepapiere vor. Ich blieb in dem Haus meiner Tante, und sie transferierten Kleider und das Nötigste für mich dorthin. Wir beschlossen, dass ich weggehen müsste. Außer mir auch meine Mutter, meine Schwester, mein Schwager und deren zwei Kinder. Meine Mutter und ich reisten vor ihnen ab. Erst ging es nach Kurdistan und von da aus weiter in die Türkei, weil ich nicht von Bagdad aus fliegen konnte …

Es war wirklich eine beschwerliche Reise, und wenn ich den ganzen Weg nochmal auf mich nehmen sollte, würde ich das nicht wieder tun. Wenn man es nicht erlebt hat, kann man sich diese Flucht nicht vorstellen. Ich kann es nicht erklären. Du merkst irgendwann, dass Du fliehen musst, um zu überleben, und Du weißt nicht, was Dich erwartet – es war wirklich ein „Death Journey“, eine Todesreise.

Hind Al-Harby, geboren 1986 in Bagdad, ist seit September 2015 in Luxemburg.

Hind Al-Harby, geboren 1986 in Bagdad, ist seit September 2015 in Luxemburg.

Ich habe drei Jahre bis 2015 in der Türkei gelebt. Wir haben Cousins dort, bei denen ich blieb. Ich war dort zwei Jahre, aber ich konnte nicht arbeiten… Es gibt eine große Anzahl von Irakern, die in der Türkei leben, denn die Türkei hat einige Deals mit der irakischen Regierung. Aber da wir gehört hatten, dass die türkische Regierung Iraker zurückschickt, befürchteten wir, dass wir dort nicht mehr sicher sind. Als der Weg nach Europa geöffnet wurde, diskutierten wir in der Familie darüber, ob wir ausreisen sollten. Ich habe eine Freundin, die es bis nach Finnland geschafft hat. Sie rief mich an und sagte mir: „Es ist etwas, was machbar ist“.
Nach drei Monaten beschlossen wir auch zu gehen. Aber Du kannst Dich nicht einfach in ein Plastikboot setzen – es ist kein einfacher Trip! Du bezahlst Geld, dafür, dass Du leidest. Wir bezahlten viel Geld dafür, dass wir in ein Boot gesetzt wurden, das zu einer steinigen Insel fuhr, von wo aus es nicht weiterging. Dort gab es nichts, noch nicht einmal Tiere. Und es war sonnig, wir hatten nichts zu trinken und wir waren 12 Stunden in diesem Plastikboot. Von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends waren wir unterwegs, dann landeten wir auf dieser Insel und fanden dort nichts. Nach 48 Stunden waren wir völlig dehydriert. Dann kam die griechische Küstenwache, weil wir ein riesiges Feuer machten. Als sie das Feuer sahen, waren sie sauer. Sie sagten, dass wir der Umwelt schaden, aber wir wollten nur Wasser für uns und die Kinder, und dann kamen sie und retteten uns. Aber das war nur die erste Etappe nach Griechenland.

Die schlimmste Station war aber Ungarn. Ich dachte, wir hätten das Schlimmste überstanden, aber nein, in Ungarn, als wir meine Nichte Zora verloren, war es noch viel schlimmer. Deswegen sage ich, dass ich es niemals wieder tun würde. Vielleicht haben es andere Leute leichter. In Serbien suchte ich über Facebook nach einer Person, die uns über die Grenze bringen würde, und ich fand jemanden, der mir sagte: „Wenn Du uns 1.500 Euro bezahlst, schleuse ich euch an der Polizei vorbei.“ Ich bezahlte 1.500 Euro für jeden von uns, nur für die Kinder bezahlte ich 700 Euro, den halben Preis. Wir trafen uns um vier Uhr morgens und ein kleines Auto brachte uns zur ungarischen Grenze, über einen Waldweg, und es war ein beschwerlicher Weg. Nach einer Stunde erreichten wir die Grenze und danach rannten wir Stunden lang – ohne Gepäck. Auf der Hälfte des Weges wurde die Gruppe aufgeteilt. Danach war Zora plötzlich weg. „Wenn ihr sie wiedersehen wollt, müsst ihr rennen“, sagte man uns. Meine Schwägerin stand unter Schock, weil ihre Tochter weg war. Wir hatten keine Wahl, also rannten wir. Nach drei Stunden trafen wir auf einen Iraker, der Zora zum Glück im Arm hatte. Sie weinte und glaubte uns nicht, dass wir sie verloren hatten. Bis heute nicht. Bis heute will sie nicht zur Schule gehen. Bis heute fragt sie, wieso wir sie dort zurückgelassen haben.

„Du merkst irgendwann, dass Du fliehen musst, um zu überleben und Du weißt nicht, was Dich erwartet.“ Hind Al-Harby

In Luxemburg anzukommen war ein Schock. Kein Kulturschock. Ich liebe die unterschiedlichen Kulturen, aber es war ein Schock, zu merken, dass ich alles zurückgelassen habe. Du realisierst das erst, wenn Du ankommst. Ich habe zwar meine Familie, aber Du lebst in einem Raum, hast einen Fernseher, musst Dich an Regeln halten. Wir sind zuerst im Foyer Lily Unden untergekommen. Du kommst hier ohne irgendetwas an und kannst kaum mehr eigene Entscheidungen treffen. Du bist einfach nur ein Flüchtling. Du musst zu bestimmten Zeiten putzen, essen und schlafen. Du darfst nicht immer ausgehen. Ich kannte hier niemanden.

Aber ich habe Luxemburg ausgewählt, weil es klein und hübsch ist. Ich bereue es bis heute nicht. Es ist nicht sehr bekannt. Die meisten meiner Bekannten gingen nach Deutschland oder Finnland. Die meisten denken, dass Luxemburg ein Teil von Deutschland sei. Ich habe es auch ausgesucht, weil ich wusste, dass hier nicht viele Flüchtlinge herkommen. Ich will nicht einfach nur eine Nummer sein. Ich will nicht immer Diskussionen führen über Religion und den Nahen Osten, über Schiiten und Sunniten. Als ich ins Lily Unden kam, gab es etwa 40 Leute dort, die gerade angekommen waren. Jetzt bin ich in der alten Geburtsstation des CHL untergebracht. Die meisten Luxemburger sind freundlich und helfen mir, wenn ich sie auf der Straße etwas frage. Sie sind neugierig, zu wissen, woher ich komme. Mittlerweile hab ich ein paar Freunde gefunden. Niemand weist mich zurück. Da sind aber auch Leute, die es nicht mögen, dass Flüchtlinge hierher kommen. Aber ich habe viele Menschen getroffen, die aufgeschlossen sind. Beim OLAI haben sie uns nicht gut empfangen, sie lassen Dich spüren, dass Du ein Flüchtling bist und nur Regeln befolgen sollst, Du hast keine Würde. Beim Außenministerium sind sie aber okay.

Zum Glück habe ich nun eine Aufenthaltsgenehmigung für fünf Jahre und kann hingehen, wohin ich will. Ich werde in die Türkei fahren und dort meinen Verlobten treffen und ihn heiraten. Er wird versuchen, nachzukommen. Sie haben seinen Vater umgebracht. Er hat mir versprochen, nachzukommen. Aber alles ist eine Frage des Glücks.

Ich würde gern hier bleiben. Ich werde jetzt Sprachen lernen und in fünf Jahren die luxemburgische Staatsangehörigkeit beantragen. Ich hoffe und wünsche mir weiterhin als Journalistin zu arbeiten. Ich muss aber erstmal Luxemburgisch und Französisch lernen.

Irina Fedotova, LGBTI-Aktivistin „Ich habe alles durchgemacht“

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Ich bin vor zehn Monaten von Moskau nach Luxemburg gekommen. Als LGBTI-Aktivistin wurde ich in Russland von Homophoben bedroht und verfolgt. Ich habe Russland Ende August letzten Jahres verlassen. Zehn Jahre lang war ich als LGBTI-Aktivistin aktiv und habe Gay-Pride-Paraden organisiert. Ich habe mich für die Rechte von Homo- und Transsexuellen eingesetzt und gegen ihre Diskriminierung gekämpft. Ich habe zum Beispiel für die Homo-Ehe gekämpft. Ich bin gegen Homophobe und Transphobe in Russland auf die Straße gegangen und habe mich gegen Fremdenfeindlichkeit eingesetzt, und auch gegen Putins Politik und gegen den Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Wegen meines Aktivismus hat die Polizei mich gejagt und ich musste fliehen. Sie suchten mich überall, nicht nur bei mir zu Hause, sondern auch bei meinen Freunden. Irgendwann merkte ich, dass es gefährlich wurde. Unweit meiner Wohnung in Moskau wurde ich auf offener Straße zusammengeschlagen von Homophoben, weil ich homosexuell aussehe, und sie dachten, dass ich ein schwuler Mann bin. Sie schlugen mich, und ich wusste, dass es in Russland irgendwo und überall passieren kann. Einige Homophobe schickten mir auch Nachrichten mit Drohungen wie „wir werden Dich töten, wir wissen, wo Du wohnst.“ Aber das Schlimmste war, dass ich nicht zur Polizei gehen konnte, weil auch die Polizei hinter mir her war. Und so war mir klar, dass ich weg muss aus Russland.

„Ich wurde ausgeraubt, vergewaltigt und beschimpft.“ Irina Fedotova

In diesen Tagen ist Homophobie in Russland eine nationale Idee, eine Art Staatsdoktrin und einer der wichtigsten Werte. Wenn Du gegen Homosexuelle bist, giltst Du als Patriot, und das ist das Wichtigste in Russland. Alle offiziellen Amtsträger, die in den Medien sprechen, unterstreichen das und sagen, dass Homophobie gut ist und dass Du ein Patriot bist, wenn Du homophob bist. Denn Homosexuelle sind in ihren Augen keine Menschen, sie gelten als Freaks oder Psychos, die sterben sollten. Irgendwann wusste ich, dass ich nicht am Leben bleiben würde, wenn ich bleiben würde. Es war nicht so schwierig, auszureisen. Es war sogar relativ einfach, auszureisen, denn ich hatte ein Visum für Luxemburg, ein Schengen-Visum, weil ich in Luxemburg zum Rechtsanwalt gehen wollte. Hier angekommen ging ich zum Außenministerium und beantragte dort die Papiere. Freunde von „Rosa Lëtzebuerg“ haben mir dabei geholfen. Sie brachten mich dahin und zeigten mir, wo genau ich hingehen und den Antrag stellen muss.

Irina Fedotova, geboren 1978 im russischen Perji, nahe Sibirien, hat bis vor einem Jahr in Moskau gelebt.

Irina Fedotova, geboren 1978 im russischen Perji, nahe Sibirien, hat bis vor einem Jahr in Moskau gelebt.

Meine schlimmste Erfahrung? Alles! Ich habe alles durchgemacht. Ich wurde ausgeraubt, vergewaltigt und beschimpft. Es waren Schläge, psychische und physische Bedrohungen. Dass ich noch am Leben bin, ist ein Wunder. Als ich in Luxemburg ankam, war ich zwar erst erleichtert, aber das Schlimmste war fast die Ankunft im Foyer Lily Unden. Denn dort hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich noch immer nicht sicher bin. Die meisten Menschen, die dort untergebracht sind, sind aus arabischen Ländern, und es ist eine absolut andere Kultur und Sichtweise. Ich versuchte, aus einer homophoben Gesellschaft in Russland zu fliehen, und kam hier an und erfuhr fast dasselbe. Das war das Schlimmste hier. Denn sie beleidigten mich dort auch. Im Lily Unden gibt es natürlich Sicherheitskräfte, aber vom Gefühl her war es trotzdem fast dasselbe wie in Russland. Ich hatte Erfahrungen mit Homophobie in Flüchtlings-Transfers hier, denn es gibt keine spezielle Struktur für LGBTI-Flüchtlinge hier in Luxemburg.

Mein erster Eindruck von Luxemburg? Ich hatte das Gefühl, dass das Land sehr konservativ ist, und das war etwas überraschend für mich, weil ich mit dem Enthusiasmus hier ankam, dass es gleiche Rechte für Homosexuelle gibt, die Homo-Ehe möglich ist, und so weiter. Sie sind hier zwar konservativ, aber intelligent und nicht aggressiv. Ich wurde noch nie von einem Luxemburger beleidigt wegen meines Äußeren und habe hier keinerlei Aggressionen erfahren, weil ich anders aussehe. Aber ich spüre trotzdem eine Art Argwohn, zum Beispiel bei meinen Nachbarn. Ich spüre das Misstrauen. Im Allgemeinen sind die Luxemburger aber nett und hilfsbereit. Vielleicht sind sie hier etwas naiv, weil sie hier keine Probleme im Leben haben. Aber sie sind nett und aufgeschlossen.

Der letzte Schock? Das waren die Nachrichten von dem Attentat in Orlando. Na klar! Ich war wütend und traurig, weil es meine Brüder und Schwestern sind. Und es gibt mir das Gefühl, dass ich nicht sicher bin und überall umgebracht werden kann, dass es überall Homophobe gibt. Sie wurden ja Opfer von Homophobie, und ein russischer Freund in Luxemburg ist unter anderem wegen dieser Homophobie von der Brücke gesprungen.

Luxemburg wirkt auf mich wie ein kleines, sehr süßes Land, fast wie im Märchen. Ich würde natürlich gern hier bleiben, wenn die Regierung mir die Papiere gibt. Ich bin zurzeit als Freiwillige für die Vereinigungen „Rosa Lëtzebuerg“ und „Cigale“ tätig und natürlich versuche ich im Rahmen dessen auch weitere Aktivitäten zu finden, mich noch mehr zu engagieren.

Ich kann nicht einfach nur essen und schlafen. Ich habe schließlich keinen Job hier und in Moskau hatte ich ein sehr aktives engagiertes Leben. Hier fühlt es sich ein bisschen so an wie Urlaub. Also lerne ich Sprachen, Französisch, Deutsch und Luxemburgisch. Und ich versuche halt, meine Kenntnisse und Fertigkeiten hier irgendwie einzusetzen.

Nour Jaara, Übersetzerin aus Syrien „Wenn eine Frau allein flüchtet, ist sie Freiwild“

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Ich habe 26 Jahre in Syrien gelebt. Ich bin Übersetzerin und habe Betriebswirtschaft studiert. Die Situation in Syrien war instabil. Ich musste eine Zeit lang aufhören zu arbeiten, später ging ich nach Italien wegen eines Workshops und als ich zurückkehrte, bekam ich Drohungen. Ich hatte beim Ministerium ein Italienisch-Zertifikat beantragt. Dass ich nach Europa ausgereist war und dann zurückkam, kam ihnen sehr seltsam vor. Die Menschen nehmen große Gefahren auf sich, um auszureisen und ich kam einfach so zurück. Ich hatte aber ein Stipendium. Es war eine super Chance nach Italien zu gehen, vor allem nach dem Krieg. Danach wollte ich nur noch bei meiner Familie sein. Doch ein Nachbar hatte gehört, dass ich nun auf dem Radar der Regierung bin. Sie gingen davon aus, dass ich ein Spitzel sein könnte, und so beschloss ich, zu gehen. Ich wusste nicht, was auf mich zukam. Es war beängstigend. Ich weiß nicht, inwiefern diese Angst begründet war, aber ich hatte große Angst.

Ich ging in den Libanon, nach Tripolis, dann nahm ich das Schiff von der Türkei nach Griechenland und von da aus übers Land mit Bussen und Zügen. Es dauerte 16 Tage, hierherzukommen. Am schlimmsten war es in Serbien. Als wir dort ankamen, mussten wir elf Stunden warten und hingen 23 Stunden in einem Auffanglager an der Grenze fest. Das war die schlimmste Erfahrung, weil es keinen sauberen und sicheren Ort zum Übernachten gab und ich krank wurde, die Überfahrt war okay.

Natürlich ist die Flucht gerade für Frauen sehr hart, weil es schwerfällt, die Entscheidung zu treffen, zu fliehen. Seine Familie zu verlassen, ist für uns eine große Sache. Und es war sehr emotional in Syrien, weil ich ein sehr enges Verhältnis zu meiner Mutter habe und es schwierig war, alles zurückzulassen. Wenn eine Frau allein flüchtet, ist sie Freiwild. Es ist wesentlich härter, unabhängig zu sein. Du begegnest Leuten, die Dir helfen, die gut zu Dir sind, aber Du wirst auch belästigt und bedroht. Manchmal musst Du einfach die Augen vor den schlechten Dingen verschließen.

Die meisten Frauen kommen mit ihrer Familie. Die Anzahl der Frauen, die allein bis hierher kommen, ist nicht sehr groß. In einem Flüchtlingsfoyer als Frau allein zu leben, ist auch nicht leicht. Die Leute, die hier ankommen, sind wirklich fixiert auf Kinder, danach erst schauen sie nach den Anderen.

Ich hatte keinen Kulturschock, weil ich immer schon mit Leuten aus dem Westen gearbeitet habe. Als ich nach Italien ging, habe ich auch wieder festgestellt, dass Syrien in vielem sehr stark dem Westen gleicht, zum Beispiel im Respekt gegenüber Frauen. Meine Religion, ich bin Muslima, auszuüben, klappt gut. Es ist interessant, dass jeder hier glaubt, dass Deine Freiheit da aufhört, wo die Freiheit des anderen eingeschränkt wird. Ich bin doch wie jeder andere auch. Ich esse kein Schweinefleisch. Die Leute hier essen aber Schwein. Das ist okay für mich.

„Syrien wird immer der Ort bleiben, an dem ich aufgewachsen bin und eine tolle Zeit hatte.“ Nour Jaara

Aber die Ankunft im Foyer Lily Unden war schwierig. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mein Zimmer mit jemand teilen musste. Ich leide noch immer unter denselben Dingen. Ich musste einen Raum mit zwei albanischen Mädchen teilen. Es ist schwierig, mit anderen Leuten auf so engem Raum klarzukommen. Manche sind nicht sauber, andere sind sehr laut, man hat wenig Privatsphäre. Es sind kleine Details, die stören, wie, dass sie abends das Licht nicht ausmachen wollen. Ich war drei Monate dort, und am Ende wurde es grässlich. Es kamen sehr viele Familien an, und alle zwei Wochen bekam ich andere Mitbewohner. Ich habe oft darüber nachgedacht, zurückzugehen. Freunde vermittelten mich an eine Frau, die gerade nach einem Babysitter suchte, und ich ging zu ihr. Dort hatte ich zumindest einen sauberen Platz und einen Ort, an dem ich mein Essen kochen konnte. Ich blieb ungefähr vier Monate, danach musste sie aus der Wohnung raus. Dann beantragte ich über das OLAI eine Wohnung, und sie ließen mich umziehen in eine Wohnung in der Nähe des Bahnhofs.

Ich versuche mein Leben hier so zu leben, wie ich es schon in Syrien gelebt habe. Ich nehme wieder Sprachkurse. Ich mache nichts anderes hier. Der Unterschied ist nur, dass ich gerade mehr Zeit habe, weil ich keine Arbeit habe, deshalb arbeite ich freiwillig für die Asti als Übersetzerin. Wir haben mit dem Projekt einer beruflichen Integration begonnen. Das war meine Idee, denn jeder hier ist interessiert an sozialer Integration. Ich kann mit Leuten sprechen, wenn ich die Straße entlanglaufe. Was aber schwierig ist, ist die Lebensgewohnheiten hier kennenzulernen, das Arbeitsleben. Es sind die Kleinigkeiten, die mich interessieren. Es gibt zwei Dinge, die mich stören: zum einen die Kategorisierung. Sie packen Dich in einen Rahmen. Du hast keine Erlaubnis, anders zu ticken. Die andere Sache ist, dass die Leute hier wirklich Flüchtlingen helfen wollen. Sie schauen, was sie tun können, um ihnen zu helfen. Luxemburg ist da eine Ausnahmeerscheinung. Allerdings fehlt es an längerfristigen Projekten.

Nour Jaara, geboren am 18. April 1988 in Damaskus, ist im September 2015 nach Luxemburg gekommen.

Nour Jaara, geboren am 18. April 1988 in Damaskus, ist im September 2015 nach Luxemburg gekommen.

Alle meine Freunde laden mich zu Flüchtlingsaktivitäten ein. Die Community hier ist sehr klein, ich kenne nun fast schon jeden. Bei jedem Event sehe ich die gleichen Leute. Ich lerne langsam die Kultur hier kennen. Das Verständnis zwischen mir und einem Luxemburger ist wesentlich besser als zwischen mir und einem Palästinenser oder einem Iraker. Von ihnen werde ich kategorisiert, als einsame Frau. Es ist wie eine Art „soziale Gewalt“. Für jemanden, der seine Frau zwingt, einen Hijab zu tragen, bin ich eine Hure. Ich bin ohne meine Familie hierhergekommen und damit verdächtig. Es ist komisch, wenn jemand all das auf Dich projiziert. Ich muss das tagtäglich durchmachen, weil wir in diesem Umfeld bleiben müssen. Wir haben kein Recht, arbeiten zu gehen und zu studieren. Wir sind kategorisiert als Flüchtlinge und limitiert auf das Flüchtlingsumfeld. Ich habe meinen Freunden hier gesagt, dass ich mehr von ihrer Kultur kennenlernen will, ihre Feste. Ich wäre froh, wenn mich jemand zu einer Weinlese einladen würde. Die meisten Menschen hier sind hilfsbereit. Ich habe auch Rassisten getroffen – nicht auf Ämtern, sondern in meiner Klasse. In jeder Community findet man nette Leute und ignorante, intolerante Leute. Es ist verständlich, dass einige Angst davor haben, anderes kennenzulernen.

Syrien wird immer der Ort bleiben, an dem ich aufgewachsen bin und eine tolle Zeit hatte. Wenn dort kein Krieg wäre, wäre ich nicht hier. Alles dort ist anders. Hier haben die Dinge keine Seele. Die Leute laufen herum und sind ständig beschäftigt. Ein Problem sind die Vorurteile uns gegenüber. Wir lernen dort Sprachen, sind gebildet und werden nicht alle von unseren Männern unterdrückt.

Über die Zukunft habe ich nie nachgedacht. Irgendwann begreifst Du, dass die Dinge meistens nicht so laufen, wie Du es Dir vorstellst. Es geht darum, den Tag zu leben und nicht unter dem Druck zusammenzubrechen. Ich versuche hier weiter zu lernen. Ich würde gerne meine eigene Firma haben, habe Pläne, aber erstmal will ich mehr verstehen, auch die Gesetze und dafür braucht es Zeit. Ich werde hier wohl bleiben. Auch, wenn Spanien oder Italien mich vom Lebensgefühl und der Sprache mehr reizen. Ich weiß nicht, was passieren wird. Ich tue, was ich für richtig halte. Ich liebe meinen Job als Übersetzerin, weil es mit Sprachen zu tun hat. Sprachen sind doch der Schlüssel zur Kultur.

Wenn Frauen flüchten

Gerade für alleinstehende Frauen ist die Flucht nach und die Ankunft in Luxemburg beschwerlich. Gewalt, Ausgrenzung und Belästigungen sind ständige Begleiter. Wie sieht es in den Flüchtlingsstrukturen Luxemburgs aus?

Text: Anina Valle Thiele (anina.vallethiele@revue.lu) / Fotos: Yves Kortum/SIP, Asti

Mindestens die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit sind Frauen. Das Bild in Europa bestimmen jedoch eher die Männer. Wenn Frauen fliehen, ist Angst meist ein ständiger Begleiter, insbesondere, wenn sie allein reisen: vor dem Ungewissen, vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, Hunger und Krankheit, dem Verlust von Angehörigen und einer ungewissen Zukunft. Einige leiden noch Jahre unter psychischen Langzeitfolgen, Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken und sozialer Isolation.

Corinne_Cahen_Copyright_SIP_Yves_KortumHinter jeder Zahl steht ein individuelles Schicksal, wie das von Nour Jaara, die sich von Syrien allein nach Luxembourg durchkämpfte, oder das von Hind Al-Harby. Die TV-Journalistin kam letzten Sommer gemeinsam mit einem Teil ihrer Familie in Luxemburg an. Frauen erleben die Flucht anders als Männer. Sie sind oft ungeschützt, werden auf der langen Reise belästigt und erfahren auch die Ankunft und die Integration in einem europäischen Land anders als Männer. Gerade Frauen, die allein sind, passten sich sehr schnell an, meint Integrationsministerin Cahen.

„Frauen, die allein hierherkommen, passen sich schneller an.“ Corinne Cahen, Integrationsministerin

Bei ihrer Ankunft in Luxemburg werden Flüchtlinge zunächst in einer Erstaufnahme untergebracht. Nach Angaben des „Office Luxembourgeois de l‘Accueil et de l‘Intégration“ (OLAI) werden mehrere Kriterien bei der Auswahl der längerfristigen Unterkünfte berücksichtigt. So wird danach geguckt, ob Kinder in der Nähe des Foyers eine Schule besuchen können, die Person ein Handicap hat oder eine zusätzliche soziale Betreuung braucht. Das Foyer Lily Unden ist oft die erste Station, in der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in der Regel ein paar Wochen bleiben, bevor sie auf eines der rund 80 Foyers im Land verteilt werden.

Das Foyer Felix Schroeder in Redingen ist für eine längerfristige Unterbringung gedacht, dort besteht die Möglichkeit, zu kochen. Hier wohnen nur Frauen, oft alleinstehende Mütter. Besuche sind, so wie in allen Häusern, erlaubt. Die Bezeichnung „Schutzraum“ ist – nach Auffassung des OLAI – jedoch nicht angebracht, die Struktur sollte nicht mit einem Frauenhaus gleichgestellt werden. Das Foyer bietet rund 50 Schlafplätze, von denen 36 momentan belegt sind. In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Stimmen laut, wonach das Heim überbelegt und renovierungsbedürftig ist. „Im Vergleich mit anderen Strukturen ist das Foyer in Redingen ein älteres Haus. So wie in allen anderen Strukturen werden auch hier immer alle nötigen Reparaturarbeiten ausgeführt,“ heißt es seitens des OLAI. Ombudsman Lydie Err, die in diesen Tagen die Foyers im Land besucht, kann das bestätigen. „Das Gebäude in Redingen ist in einem schrecklichen Zustand, immens dreckig. Die Küchen waren in einem desolaten Zustand, mit Schimmel an den Mauern, und es stank überall nach Fäulnis“, berichtet Err. Aus ihrer Sicht ist das Foyer zudem überbelegt. „Wir haben Zimmer gesehen, wo zwei Betten übereinander standen.“ Vor allem dort, wo es keine Kochmöglichkeiten gebe, an denen es allenthalben mangele, gebe es große Schwierigkeiten.

Diejenigen, die keine Möglichkeit zu kochen hätten, bekämen ihr Essen geliefert. Doch die Firma, die die Foyers beliefere, nehme viel zu hohe Preise, und die Produkte seien von schlechter Qualität. „Ein halber Liter Olivenöl kostet da 18 Euro“, bestätigt Lydie Err einen Missstand, den bereits die Asti angeprangert hatte. Die Qualität der Foyers sei unterschiedlich, wenngleich man einigen Strukturen ansehe, dass alles gemacht werde, um eine wohnliche Atmosphäre zu schaffen.

Dass viele der Flüchtlingsunterkünfte mit insgesamt rund 1.000 Betten alt und renovierungsbedürftig sind, ist Ministerin Cahen bewusst. „Das Foyer in Weilerbach ist eine Katastrophe“, räumt selbst sie ein. Renovierungen seien aber momentan nicht möglich, denn man brauche jedes Bett. Aus der Not wurden in den letzten Monaten vor allem provisorische Unterkünfte eingerichtet. Hat das Land noch Kapazitäten, um Flüchtlinge unterzubringen? „Das ist schwer zu sagen, wir bauen ja noch weiter und haben ja Containerdörfer… Nach Sassenheim kommen auch 300 in das alte Altenheim. Wir machen Strukturen auf, wir sind noch am Renovieren und versuchen irgendwie durch den Dschungel zu kommen“, so Cahen.

Laura_Zuccoli_AstiGerade in Flüchtlingsunterkünften, in denen Menschen auf engem Raum leben, ist zudem eine Missbrauchsgefahr gegeben, wenngleich weder die Ministerin noch die Mediatorin solche Fälle bestätigen können. Das Sicherheitspersonal kann Einschüchterungen und interne Konflikte zwischen den dort lebenden Menschen nicht immer lösen. „Es ist wichtig, dass sich in den Strukturen nicht nur eine Sicherheitsfirma um die Betreuung der Leute kümmert, sondern es am Platz auch eine psychosoziale Betreuung gibt“, meint deshalb die Präsidentin der Ausländerrechtsorganisation Asti, Laura Zuccoli. Nach Meinung der Ministerin fänden Konflikte jedoch weniger unter Ethnien oder Menschen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften statt, als vielmehr, weil einige den Flüchtlingsstatus schneller anerkannt bekämen als andere. „Es ist wichtig für uns, dass es da Transparenz gibt“, meint Laura Zuccoli deshalb. Die Flüchtlinge sollten erfahren, wieso ihr Verfahren zum Teil länger als sechs Monate braucht. „Wir wollen, dass versucht wird, die Prozedur – so wie sie der Gesetzgeber vorsieht – einzuhalten.“ Es dürfe nicht zur Regel werden, dass Menschen 15 bis 21 Monate auf ihre Anerkennung warteten.

„Wir wollen, dass die gesetzliche Prozedur eingehalten wird.“ Laura Zuccoli, Präsidentin der Ausländerrechtsorganisation Asti

Beschwerden über Belästigungen wegen einer sexuell „anderen“ Orientierung gibt es immer wieder. „Cigale“ und „Rosa Lëtzebuerg“ fordern deshalb Strukturen für homo- und transsexuelle Menschen (LGBTI) – eine Forderung, die Xavier Bettel jedoch gegenüber dem „Quotidien“ kategorisch ausschloss. Und auch die Integrationsministerin lehnt dies ab: „Man muss den Leuten erklären, dass wir alle zusammen leben, dass wir keine Ghettos bilden, sondern gemeinsam in Frieden leben wollen. Wir möchten nicht ein Foyer haben für LGBTI, eins für Schiiten, eins für Sunniten“, so Cahen. In den letzten Jahren habe die Regierung viel dazugelernt, rund 20 Mitarbeiter seien hinzugekommen, das genüge aber noch nicht. „Es sind vor allem die vulnerablen Gruppen, deren Situation verbessert werden muss“, konstatiert auch Mediatorin Err. Entsprechend der EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU wäre Luxemburg hierzu auch verpflichtet. Das Fremdsprachenangebot deckt den Bedarf nicht ab.

Trotzdem ist die Hilfsbereitschaft der Luxemburger nach wie vor groß. Err hebt hervor, dass die Hilfe von Freiwilligen, die Essen und Kleider in die Foyers brächten, noch immer überwältigend sei. Doch müsse man unterscheiden zwischen der Willkommenskultur und dem Integrationsprozess, so Cahen. Letzterer sei viel langwieriger.

Die Gefahr, dass die positive Grundstimmung kippt, ist da. Gerade nach Geschehnissen wie die der Silvesternacht in Köln. Arabische Männer wurden unter Generalverdacht des Sexismus und der Frauenverachtung gestellt, Rechtspopulisten schlachteten die Ereignisse aus. „Das Problem ist eben, es braucht nur ein Flüchtling eine Straftat zu begehen, dann sind es alle“, warnt Cahen. Die Gefahr, Flüchtlinge wegen ihrer Herkunft oder ihrer Religion pauschal zu verurteilen, besteht und doch muss man nuancieren, denn wie die Erfahrungsberichte zeigen, sind es mitunter auch homophobe, patriarchale Gesellschaftsstrukturen, aus denen einige Frauen fliehen.

Flucht nach Luxemburg in Zahlen

Mit der Zuspitzung des Bürgerkriegs in Syrien, der seit 2011 tobt, und der Öffnung der Balkanroute hat auch Luxemburg in den letzten Jahren vermehrt Flüchtlinge aufgenommen, wenngleich keine Millionen, doch proportional zur Größe des Landes eine nicht unbeachtliche Menge: Hatten es 2014 noch 1.091 Flüchtlinge nach Luxemburg geschafft, so kamen 2015 insgesamt 2.447 im Großherzogtum an, 443 davon waren erwachsene Frauen. Seit Beginn des Jahres 2016 bis Ende Mai sind noch einmal 735 Menschen nach Luxemburg gekommen, darunter 117 Frauen und 465 Männer, sowie 153 Minderjährige.

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Author: Philippe Reuter

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