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Geleakte Gesellschaft

Spätestens im November 2010, als die Enthüllungsplattform Wikileaks diplomatische Berichte der USA über zahlreiche Regierungen und deren Mitglieder veröffentlichte und damit weltweit für Aufsehen sorgte, war klar: Kein noch so angeblich gut gehütetes Geheimnis ist vor einer undichten Stelle, einem „Leak“, gefeit. Die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden von geheimen Dokumenten des US-Auslandsgeheimdienstes NSA im Juni 2013 bestätigten dies. Die Affäre entwickelte sich zum globalen Überwachungs- und Spionageskandal. Zuvor war im Zuge der Offshore-Leaks über unternehmensinterne Datenbestände die massenhafte Steuerflucht in Steueroasen aufgeflogen.

Warum sollte dabei das Großherzogtum außen vor bleiben? Vor einem halben Jahr veröffentlichte ein Journalistenkonsortium einen Teil von insgesamt fast 28.000 Seiten vertraulicher Dokumente der Wirtschaftsberatungsfirma PWC. Aus Steuerbescheiden ging hervor, dass einer ganzen Reihe von internationalen Konzernen von der Luxemburger Steuerbehörde eine niedrige Versteuerung zugesichert wurde.

Ein Geheimnis ist solange ein Geheimnis, bis es gelüftet oder verraten wird. Warum sollte dies nicht auch für vertrauliche Unterlagen aus dem Schulwesen gelten? Dass die geheimen Dokumente von Lehrern, die bei den Schülern als Respektspersonen gelten sollten und als Staatsbeamte zur Verschwiegenheit verpflichtet sind, weitergegeben wurden, entspricht einer gewissen Logik: Wo es „menschelt“, gibt es Geheimnisse, die irgendwann mal gelüftet oder verraten werden.

Der Schuss ging nach hinten los. „School-Leaks“ gingen zu Lasten der Schüler.

In Zeiten der Leak-Inflation und der Weiterverbreitung von Daten beruflicher und privater Inhalte über die sozialen Netzwerke ist die Sicherheitskultur im Bildungsministerium nicht nur antiquiert, sondern von himmelschreiender Naivität geprägt. Dass die landesweiten Prüfungsfragebögen in unverschlossenen Schränken der Lehrerzimmer herumliegen und dass Sekundarschullehrer, die mit den „épreuves communes“ nichts zu tun haben, die Prüfungsfragen vor den Examen zugeschickt bekommen, ist grob fahrlässig. Auch wenn sich der Täterkreis auf die zwei Sekundarschullehrerinnen, welche die vertraulichen Unterlagen weiterreichten, beschränken sollte, kann dies die Gemüter kaum beruhigen. In einer geleakten Gesellschaft gibt es keine hundertprozentige Sicherheit.

Die Leaks haben dies oft in positiver Hinsicht gezeigt. Whistleblower wie Snowden haben Wertvolles geleistet. Ob sie Helden sind, sei dahingestellt. Die Lehrer, welche die Prüfungsfragen preisgaben, sind es jedenfalls nicht. Der Schuss ging dieses Mal nach hinten los. Und die School-Leaks gingen zu Lasten der Schüler.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Georges Noesen

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